Bereits der Untertitel klingt trotzig: "A propaganda operrette" steht dort, obwohl längst feststeht, dass für politische Propagandisten nur mehr zwei Plätze reserviert sind – vorm Einkaufszentrum oder am äußersten linken Rand. Doch am Rand gefällt es Les Robespierres, einem Hamburger Projekt, nun einmal am besten, hat es sich doch schon immer weniger als Rockband verstanden denn als verlängerten Arm der Revolution. Ober-Robespierre Ted Gaier, Kinderladen-sozialisiert und Punkrock-gestählt – er spielt zugleich bei den berüchtigten Goldenen Zitronen –, führt problemlos Wörter wie "Internationalismus" und "Befreiungsperspektive" in einem Satz zusammen, während die Band ihren grobschlächtigen Rock ’n’ Roll mit Texten in einem Fantasieportugiesisch und mit inszenierten Konzerten zum absurden Theater ausbaute.

Dort angekommen sind Les Robespierres nun unter dem Obertitel "L’Amérique" (Buback/EfA), einer CD, auf der das gleichnamige Stück dokumentiert wird, das man vor einem Jahr zusammen mit der Regisseurin Angela Richter inszenierte. Viel wird geboten, auch wenn das meiste bekannt klingt: aus Agitprop, sozialistischen Klassikern und Weltliteratur. Mit Melissa Logan von den Chicks On Speed wurde eine Stimme engagiert, deren amerikanischer Akzent den Sound of Weill zitiert, während die Songs fast noch mehr als die deklamierten Texte von Kafka, T. C. Boyle und Jacob Holdt an die sozialistischen Lehrstücke von Brecht gemahnen. In einem wird berichtet von "Joachim" und seinem prototypisch abgesicherten Leben als Weißer in der Ersten Welt, im "Lied der Baumwollpflücker" werden die Widersprüche des Frühkapitalismus rückwirkend angeklagt. Selbst Angela Davis bekommt ihre Hymne.

Les Robespierres kämpfen stellvertretend für ihre Zuhörer einen Kampf, den alle Beteiligten längst stillschweigend aufgegeben haben. Denn käme sie tatsächlich noch, die Revolution, sie käme ein wenig ungelegen. Im Grunde hat man sich ja ganz passabel eingerichtet in der Anklage, und Protest kann ja so idyllisch sein. Bloß ein wenig Restschmerz will verarztet sein – die alten Zeiten, die hehren Ideale! Deshalb sind Les Robespierres auch keine Jakobiner, sondern Wunderheiler: Sie kochen die alten Parolen und Argumente neu auf, unterlegen sie mit wilden Jahrmarktsrhythmen, Chansonschmalz und avantgardistisch inspiriertem Geklopfe – und lassen so den politischen Sturm und Drang des zahlenden Publikums für die Dauer einer CD wiederaufleben. Immerhin: Effekt macht das. Raus auf die Bretter! Der alten Zeit eine Theaterbühne! Nie war das Revolutionärsein so risikolos wie heute.