Für diese Musik spricht kein Jubiläum, kein Anlass, keine 'community', kein Trend. Sie ist. Nur für sich. In dieser Musik mischt sich kein HipHop mit Free Jazz, keine Electronica mit Gamelan samt Akkordeon, nein, hier finden sich nur – es klingt fast entschuldigend – eine italienische Klarinette, ein Bass und ein Schlagzeug aus Holland. Das war’s: "Strandjutters". Mit einem an- und abschwellenden Bass-Ostinato geht’s los, über das die Klarinette hüpft und tänzelt, während das Schlagzeug am Boden seine Spuren kritzelt. Sie halten sich an modale Regeln, befreien sich kurz und fallen dann wieder in jenes Tempo, das zum Fußwippen einlädt. Daniele D’Agaro, Ernst Glerum und Han Bennink spielen im Sand. Glaubt man gerade in der gemäßigten Moderne zu sein, da wechselt D’Agaro zum Tenorsaxofon und erinnert an "Old Folks", röhrt voller Vibrato und schwingt sich dann elegant an den Taktstrichen vorbei. Manches erinnert an den Multiinstrumentalisten Jimmy Giuffre der fünfziger Jahre, anderes lebt aus dem süffigen Ton der großen Swing-Klarinettisten, und doch ist es kein Retro, Posto oder Trado, sondern 'eternal present', wie der kluge Art Lange in seinem Begleittext schreibt (hatOLOGXY 590/Vertrieb: Helikon).

Den Namen Daniele D’Agaro sucht man vergeblich in einschlägigen Lexika, 1958 in Spilimbergo in Italien geboren, trat er 1979 im Mittel Europa Orchester zum ersten Mal in Erscheinung, später ging er nach Berlin, dann nach Amsterdam, wo er zwischen 1983 und 1996 wohnte und Platten einspielte. Im Trio veröffentlichte er 1991 mit dem Cellisten Tristan Honsinger und Ernst Glerum das wunderschöne "Lingua Franca", ein Album von 10 oder 20 Stücken, die kaum einer kennt. Jetzt spielt er, wie ihm in den letzten 25 Jahren der Schnabel gewachsen ist. Voller Wärme kann er sich in freie Gefilde aufmachen, ruft sich streng kammermusikalisch zur Ordnung, und nachdem man in den klanglichen Stratosphären des Titelstücks verweht wird, beginnt er wieder ganz verführerisch zu swingen, samt schlappendem Bass und Wischwisch-Schlagzeug.

"The Girl In My Dreams Tries To Look Like You", eine Komposition von Mercer Ellington, funktioniert am Ende als Ran- und Rausschmeißer, Jazz, wie man ihn sich träumt, wie er einmal gewesen sein muss, wie er jederzeit wieder sein kann. 1996 ist D’Agaro nach Udine zurückgekehrt, hat er "Hidden Treasures" veröffentlicht, eine Sammlung unbekannter Kompositionen des heute ziemlich unbekannten Tenorsaxofonisten Don Byas, der das Sonore zu seinem Markenzeichen gemacht hatte. Also ist D’Agaro mit seinen 46 Jahren ein Newcomer, einer, der die Geschichte in sich hat. Als sei nichts geschehen in den letzten 60 Jahren, und als sei dies 2004. So viel verwegene Treue tut gut.