Noch bevor die Show richtig beginnt, ist die Beteiligung des Publikums gefragt. Zwei Bänder mit Leuchtschrift, rechts und links von der Bühne befestigt, befehlen den gespannten Zuschauern, besondere Gäste lautstark zu begrüßen. "Besonders" beudeutet an diesem Abend, eine Medaillengewinnerin bei Olympischen Winterspielen oder stadtbekannter Berliner Radiomoderator zu sein, oder einfach nur Geburtstag zu haben. Die Blue Men auf Stadtrundfahrt in Berlin

Interaktive Elemente prägen auch anschließend das Programm der drei Blue Men. Immer wieder bitten die ganz in schwarz gekleideten Darsteller mit den leuchtend blauen Köpfen Zuschauer auf die Bühne. Die dürfen dann zusammen mit den Blue Men "Twinkies", das amerikanische Pendant zur Milchschnitte, mit der Stichsäge zerteilen und anschließend verspeisen, Bananenmus ins Publikum schießen - die ersten fünf Reihen sind mit Einweg-Regencapes ausgestattet - oder den Strom im Theater ausschalten. Auch der bereits erwähnte Radiomoderator, Volker Wieprecht von Radio Eins, bekommt seinen Auftritt. Von den Blue Men auf die Bühne gezerrt, wird er in einen weißen Anzug gesteckt, bekommt einen Helm verpasst, wird mit blauer Farbe angemalt, an den Füßen in die Luft gezogen und mehrfach hintereinander gegen eine weiße Leinwand geklatscht. Das dabei entstandene Bild darf er mit nach Hause nehmen und kann sich damit trösten, dass bei der Show in Las Vegas auch schon Thomas Gottschalk diese Prozedur über sich ergehen ließ.

Besser wird die zusammenhanglose Nummernrevue immer dann, wenn sich die sprachlosen Blaumänner auf ihre eigentliche Stärke besinnen: die Musik. Begleitet von einer neunköpfigen Band, die in Käfigen über der Bühne hängt, erzeugen sie eine Mischung aus wuchtigen Tribal-Beats, Elektronik-Elementen und harten Gitarren-Sounds. Ihre selbst gebauten Schlaginstrumente aus PVC-Röhren heißen Tubulum oder Drumbone, und unendlich mikroverstärkt reichen auch laut geknabberte Smacks, um sich rhythmisch auszutoben.

Angefangen hat alles in einer New Yorker Wohngemeinschaft. Die drei Freunde Matt Goldman, Phil Stanton und Chris Wink gründeten die Blue Man Group 1987 mit einer Reihe von Happenings in New York. 1991 folgte dann die Premiere ihrer Show "Tubes" im Astor Theatre. Bei den ersten 1200 Shows standen die Gründer noch selbst auf der Bühne. Inzwischen leiten sie ein Unternehmen mit 500 Mitarbeitern, davon knapp 40 Blue Man-Darsteller, die sich bei den Shows in New York, Boston, Chicago und Las Vegas regelmäßig abwechseln. Das Gastspiel in Berlin, zunächst für ein Jahr geplant, ist deutschen New York-Touristen zu verdanken. "Deutschland war immer unser Favorit für eine Premiere außerhalb der USA. Vor allem unsere New Yorker Show besuchten in den letzten Jahren viele Deutsche, die uns mit ihrem Humor und ihrer Begeisterung überzeugt haben", sagt Mitbegründer Chris Wink.

Für die deutschen Fans wurden daher auch neue Elemente in das Berliner Programm integriert. Da tanzen dann Ost- und Westampelmännchen mit Siegesgöttin Viktoria - deren Quadriga in den Berliner Nachthimmel entschwunden ist - vor dem Brandenburger Tor um die Wette, und das Berliner Publikum freut sich über die Verwendung dieser unverbrauchten Symbole. Bei der Nummer "How to become a rockstar.com" werden auch noch Falco, Nena, die Comedian Harmonists und die Berliner Reggae-Combo Seeed mit plumper Boygroupkritik vermengt, und das Populistenherz lacht. Wen wundert es da noch, dass die Zuschauer am Ende in Ekstase verfallen, als sie minutenlang Papierschlangen von ganz hinten nach vorne zur Bühne durchreichen dürfen.

Wer jetzt immer noch nicht weiß, was die Blue Man Group eigentlich ist, der halte sich am besten an die tautologische Definition von Chris Wink und Phil Stanton: "Die Blue Man Group ist eine Show der Blue Men. Das sagt doch eigentlich alles, oder?" Eine Frage, die wohl jeder für sich selbst beantworten muss.