Belletristik

Von Jennifer Wilton

Kurt Tucholsky: Gesamtausgabe Texte und Briefe
Band 8: Texte 1926
Rowohlt Verlag, Reinbek 2004; 1011 S., 49,90 €
"So geht das nicht mehr weiter", schreibt Kurt Tucholsky am Silvesterabend und nimmt sich für 1926 vor: "kein Bier, keine Süßigkeiten, turnen, früh aufstehen, Karlsbader Salz, durch den Tiergarten gehen (…) Hopla! Das wird ein Leben!" Ganz so ein Leben wurde es dann doch nicht, konnte es gar nicht, bei der Menge Texte, die Tucholsky in selbigem Jahr schrieb: über 1000 Seiten umfasst der 8.Band der Werksausgabe. Die Hälfte davon ist – auch die Herausgeber waren fleißig – allerdings Kommentar. In Feuilletons aus Paris, Gedichten, Buchrezensionen und Theaterkritiken schimpft und kritisiert (den Kaiser, den Militarismus), beobachtet und kommentiert (Frankreich, die deutsche Politik), lobt und polemisiert Tucholsky, immer scharfsinnig, oft unterhaltsam, manchmal frustriert.
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Johann Wolfgang von Goethe: Faust
hrsg. von Karl J. Schröer; 2 Bde.
Verlag Werner Kornmann, Winterbach 1999/2004; 573 u. 792 S., 14,– u. 25,– €
Der göttlich-teuflische Wettbewerb um die Seele des Gelehrten Heinrich Faust hat über die Jahrhunderte verschiedene Kommentatoren gefunden. Julius Schröer (1825 bis 1900), Wiener Literaturhistoriker, Förderer Rudolf Steiners, war einer der engagiertesten. Seine Faust-Ausgabe, hier im Nachdruck der 5. Auflage von 1907/1914, ist nicht zuletzt wegen der Kritik zeitgenössischer Inzenierungen und diverser Exkurse, die Einblicke in geistesgeschichtliche Konflikte der Jahrhundertwende geben, reizvoll.
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Sachbuch

Von Benedikt Erenz

Das Journal von Jean Migault
hrsg. von Yves Krumenacker
aus dem Französischen von Ursula Fuhrich-Grubert
Verlag der Deutschen Hugenotten-Gesellschaft, Bad Karlshafen 2003; 148 S., 14,80 €
Versailles soll strahlen! Die französische Republik zeigt sich als großzügige Siegerin der Geschichte und lässt die Palaststadt des Sonnenkönigs zurzeit aufs absolutistischste restaurieren. Dieses Büchlein indes spricht von der Schattenseite jener Zeit, den Schrecken des Großen Jahrhunderts. Der protestantische Lehrer Jean Migault aus dem Poitou hat es für seine Kinder geschrieben. Es ist die Geschichte seiner Leiden 1682 bis 1689, seiner Flucht vor dem Terror, mit dem Ludwig XIV. Frankreichs Protestanten zur Konversion zwingen wollte. Man liest dieses naive, oft um Fassung ringende Protokoll der Barbarei (das hier in einer exzellenten Edition zum ersten Mal seit 1885 wieder auf Deutsch vorliegt) mit angehaltenem Atem – zu sehr erinnert es an die Schrecken des 20.Jahrhunderts.