Im ersten Moment ist es vor allem diese Sprache, die einen verzaubert. Man hat zwar einige Mühe, zu verstehen, was die Stimme meint, wenn sie "’ow did ee not foind de baggy, wiff ’is hand in my shoe" rappt, so sehr zieht sich der nordenglische Akzent auch durch "A Grand Don’t Come For Free" (WEA), das zweite Album von Mike Skinner alias The Streets. Doch schon der Akzent und die im Hintergrund laufende Trance-Fanfare machen klar, worum es geht: um den Türsteher, der trotz Kontrolle der Schuhe das Tütchen mit den Ecstasy-Pillen nicht entdeckt hat, das in der Socke versteckt war. Es braucht nur den Klang einiger weniger Worte, und ein ganzes Universum ist umrissen: die Welt des Geezers, jener aktuellen Auflage des nordenglischen Pop-Taugenichts, die sich im Wesentlichen aus Rumhängen, Ausgehen, Drogenschlucken, Videospielen, Trinken und Frauenhinterhergucken zusammensetzt. Das britische Englisch schlägt einen aber auch deshalb in seinen Bann, weil es in der Musik so selten geworden ist. Man wagt die traurige Wahrheit ja kaum auszusprechen, so augenfällig ist sie – doch die britische Popkultur liegt darnieder. Ihr großer Lauf, der von den frühen Sechzigern bis in die Achtziger reichte und in den Neunzigern noch einmal kurz aufflackerte, ist unwiderruflich vorbei. Zwar erfindet sich das Londoner Nachtleben Saison für Saison einen neuen Hype, doch dieser kreist genügsam um sich selbst, und abgesehen von einigen Spezialisten interessieren Stile wie UK Garage oder Grime schon, wenn der Zug in den Eurotunnel fährt, im Grunde niemanden mehr. In Calais hat man sie vergessen.

Mike Skinner wohnt mittlerweile in London und nicht mehr in Birmingham. Er weiß von diesen Genres, hangelt sich an ihren akustischen Rändern entlang und bastelt in diesem musikalischen Abseits recht unbeirrt an seiner Version von britischem HipHop. Das war auf seinem großartigen Debüt "Original Pirate Material" so, das ist auch zwei Jahre später nicht anders. Ein selbst produzierter Beat rumpelt, und Skinner breitet seine Jungswelt aus: verloren, unsicher, verliebt, unbeholfen. Da wird auf Mädchen gewartet, da wird durch den Club gelaufen und sich geärgert, dass die Pille nicht wirkt: "I’m gonna do another I think."

"A Grand Don’t Come For Free" soll ein Konzeptalbum sein, doch die Liebesgeschichte, die die elf Stücke zusammenhält, ist genauso schön wie nebensächlich. Elf Skizzen aus dem Leben der urbanen Provinz sind es, die einem einerseits originär nordenglisch vorkommen, die andererseits aber ein Gefühl transportieren, das man in Hanau genauso kennen dürfte: die postpubertäre Unsicherheit, die aus dem Eindruck erwächst, das Leben finde woanders statt.