Das Werk ist längst zu einem Klassiker der Moderne geworden. Mit seinem "Violinkonzert" lieferte Alban Berg den Beweis, dass eine zwölftönige Komposition populär werden kann. Leicht zu hören ist es deshalb noch lange nicht. Die Solovioline ist nicht viel mehr als ein Primus inter Pares und scheint sich im raffiniert abgestuften Orchesterklang über weite Strecken fast zu verlieren. Und doch findet sich in der zweiten Wiener Schule kein anderes Stück, das so unmittelbar im Beethovenschen Sinne "von Herzen zu Herzen" geht, einmal abgesehen von der Oper "Wozzeck".

Mit der Widmung "Dem Andenken eines Engels" hat das wenig zu tun. Der Name Manon Gropius, deren früher Tod Berg zum inneren Anlass der Komposition wurde, sagt uns nichts mehr. Nicht einmal Bergs eigener Tod kurz nach der Vollendung reicht aus, um die emotionale Wirkung des Violinkonzerts zu erklären. Man muss sich schon an die Musik halten – und an ihre Interpreten. Der junge Engländer Daniel Hope und das BBC Symphony Orchestra unter Paul Watkins entkleiden das Stück alles tragisch Anekdotischen, dem ja immer auch etwas Sentimentales anhaftet. Die wild verzweifelten Ausbrüche, die Ländler- und Volkslied-Reminiszenzen, das berühmte Bach-Zitat ("Es ist genug") haben bei aller Intensität immer noch etwas Objektivierendes. Ein Ton, der alles Persönliche hinter sich lässt und den Hörer unangenehm daran erinnert, dass hier – möglicherweise über Berg hinaus – auch die eigene Sache, vielleicht gar die der Epoche verhandelt wird.

Umso schlüssiger erscheint auf dieser CD die Kombination mit dem drei Jahre jüngeren, am Vorabend des Zweiten Weltkriegs begonnenen, in den ersten Kriegswochen vollendeten und viel zu selten gespielten "Violinkonzert" von Benjamin Britten, der so gerne bei Berg studiert hätte. Die großen Themen, die Auseinandersetzung mit Faschismus, Antisemitismus, Inhumanität, durchziehen Brittens Werk bis zum War Requiem. Auch das Violinkonzert – Bekenntnismusik reinsten Wassers – ist davon bestimmt. Hope spielt das wüste Scherzo bei aller technischen Souveränität weniger brillant als verquält und bohrend, sieht es als Vorgriff auf die große 16-minütige, ebenso berührende wie hoffnungslose Passacaglia. Von Berg hätte Britten – vielleicht – größere konstruktive Strenge gelernt. Es war gut, dass er die Gelegenheit nicht bekam (Warner Classics 2564-60291).