Diese Musik lässt sich kaum beschreiben, ohne von den Bildern zu erzählen, dem Wasser, dem Wind, den Steinen. Dieses Album kann kaum neutral beurteilen, wer einmal diesen Film gesehen hat: Die Elemente, das sind die Land-Art-Projekte des in Schottland lebenden Engländers Andy Goldsworthy; die Bilder, das ist der Dokumentarfilm des Deutschen Thomas Riedelsheimer über sein Jahr mit Andy Goldsworthys Aktionen; die Musik, das sind die Klänge des 54-jährigen englischen Gitarristen und Eigenbrötlers Fred Frith zum Film.

Diese Musik steht manchmal in Symbiose zu den Bildern, manchmal in Kontrast, doch immer nimmt sie sich die Zeit, die auch Goldsworthys Kunst braucht, die sich an Flüssen und Gezeiten orientiert: Rivers And Tides (Working With Time) . Zu hören ist ein Quartett mit Bass, Perkussion, Saxofon sowie den Samples, der Geige, dem Piano und der Gitarre von Fred Frith, dazu die Geräusche der Natur. Gleichmäßig schlägt der Klavierton, ein anschwellender Bass endet im dumpfen Schlag einer Trommel, dann wieder fugenartig gesetzte Saxofonlinien, Spuren von minimal music , dazu ein volksliedhaftes Gespinst aus gälischer Musik. Nur kurz, dann geht es wieder in Natur auf (Winter + Winter, 910 092 Vertrieb: Edel contraire) .

Wenn Goldsworthy Hunderte von gelben Löwenzahnblüten sammelt und sie zwischen Hauswand und Bürgersteig durch die graue Stadt als lange gelbe Linie aneinander legt, wenn er roten Farbstoff aus kupferhaltigen Steinen zu einer Kugel presst und sie in den Fluss wirft, sodass der sich langsam rot färbt, dann wird etwas von dem Zeitbegriff deutlich, der in diese Musik eingeht. Wenn er Blätter zusammensteckt, die sich im Fluss als Blattschlange fortbewegen und sich jeder Strömung anschmiegen, dann haben sie die Melodien dieser Musik. Wenn Goldsworthy aus gebleichtem Treibholz einen Iglu aufschichtet und auf die Flut wartet, die ihn anhebt, mit sich nimmt und auflöst, dann hört man die Harmonien dieser Musik.

Dass Musik und die Kunst der vergänglichen Land Art auf demselben Zeitbegriff basieren, mag ideal erscheinen, ihre Fixierung auf Speichermedien unterliegt derselben Schwierigkeit. Was Adorno einmal „akustische Fotografien“ nannte, wird zum Problem: Wann und wo soll Festgeschriebenes in Räumen erklingen, das seinen Sinn ursprünglich im Vergehen und der Natur hat?

Am besten: Man ignoriert alle Theorie, kauft diesen traumhaften Dokumentarfilm (Rivers And Tides, bei Zweitausendeins und absolut Medien) oder schaut ihn im Kino an, wählt ansonsten diese CD und löst damit die Zeit auf. Fred Frith komponierte auch die Musik zu den Dokumentarfilmen Step Across The Border und Middle Of The Moment . Musik und Bild sind ihm ein großer ruhiger Fluss.