BELLETRISTIK

Von Ulrich Greiner

Michael Buselmeier: Amsterdam. Leidseplein
Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2003; 176 S., 18,90 Euro
In diesem Buch ist der Heidelberger Dichter Michael Buselmeier (Jahrgang 1938) der glücklichste Pechvogel und der heroischste Hypochonder, den man sich vorstellen kann. Pech hat er, weil er elend einsam in einer Amsterdamer Stipendiatenwohnung sitzt; Glück, weil er auf seinen Spaziergängen die wunderbarsten Alltagsminiaturen malt und aus seinem Dachfenster die schönsten Frauengestalten im Haus gegenüber erblickt. Ein Hypochonder ist er, weil ihn die ersten Altersleiden plagen und der allgemein schlechte Stand der Dinge; heroisch ist er, weil er die hängende Nase immer wieder neugierig in die Gegend reckt. Aber vielleicht ist dieser Amsterdamer Flaneur gar nicht Buselmeier selbst, sondern ein apartes Alter Ego? Egal, beide Schriftsteller jedenfalls, der Amsterdamer wie der Heidelberger, besitzen diese schlecht gelaunte Hingabefähigkeit, diese lebhafte Beobachtungslust, diese melancholische Intelligenz, gepaart mit einer seltenen Sprachfähigkeit, sodass man die 150 Seiten angeregt wegliest.
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SACHBUCH

Von Benedikt Erenz

Helmut Bleiber/Walter Schmidt/Susanne Schötz (Hrsg.): Akteure eines Umbruchs – Männer und Frauen der Revolution von 1848/49
Fides Verlag, Berlin 2003; 1010 S., 69,80 Euro
Manche Jubeljahre verwehen im Nu und Nichts. Anders das 98er Jahr, in dem man die Revolution von 1848/49 hochleben ließ. Es scheint, als habe man endlich begriffen, dass in jenem Aufbruch und nicht bei Karl dem Großen oder Bismarck die Tradition zu finden ist, die unserer Republik wohl ansteht. Bücher über Bücher zum Thema erscheinen, und dazu gehört auch dieser monumentale 1000-Seiten-Band mit 23 biografischen Studien von Akteuren (und Eckenstehern) der demokratischen Erhebung. Er bietet Porträts von Glaßbrenner, Ruge, Malwida von Meysenbug, Luise Otto, aber auch von unbekannteren Demokraten wie Amalie Krüger oder Karl Nauwerck. Ein Buch zum Schmökern und Nachschlagen, Fundgrube und Bildersaal zu einem Kapitel deutscher Geschichte, auf das man, wenn’s denn der Identitätsfindung braucht, stolz sein kann.

Hans Masalskis: Das Sprachgenie – Georg Sauerwein. Eine Biographie
Igel Verlag, Oldenburg 2003; 444 S., Abb., 24,– Euro
Ein erstaunlicher Mensch: Mehr als sechzig Sprachen beherrschte er, unermüdlich übersetzte er, vermittelte er zwischen den Ländern und Kulturen. Vor allem die Litauer hatten es dem Sprachgenie Georg Sauerwein angetan, der stets „ein bißchen von dem Blut der Unterdrückten“ in sich fühlte, aber auch andere „kleine“ Völker konnten auf seine Sympathie rechnen. Geboren 1831 in einem hannövrischen Pfarrhaus, reiste er zeitlebens kreuz und quer durch die Welt, und unterwegs sollte er auch sterben, 1904 in Oslo. Hans Masalskis hat jetzt Sauerweins Leben aufgeschrieben, liebevoll zeigt er uns den Gelehrten, den Dichter, der in vielen Sprachen Verse schrieb, auch den politisch Engagierten, einen freisinnigen Anhänger Rudolf Virchows und, das versteht sich, Gegner Bismarcks. Darüber hinaus war der ungewöhnliche Mann ein begeisterter Sportler, ein Schwimmer und Skiläufer – aber das zu erfahren überrascht den ohnehin verblüfften Leser nun nicht mehr wirklich!