Aus dem Inhalt:FILM
Buchverlosungen zum Kinostart der Filme 1. "Solaris" und 2. "Frida" MUSIK
3. Hallo Paulchen - Paul Kuhn and The Best: "Young at Heart"
4. Geräuschtheater - Adriana Hölszky, eingespielt von der Klangwerkstatt Weimar5. BÜCHERTISCH
Rezensionen von ZEIT-Literaturredakteuren6. KULTURKALENDER
Theater
Ausstellungseröffnungen
Lesungen

FilmIn dieser Woche starten die Kinofilme "Solaris" und "Frida" in den deutschen Kinos. "Solaris", nach dem Science-Fiction-Klassiker von Stanislaw Lem, wurde erstmals im Jahre 1972 von Regisseur Andrej Tarkowskij verfilmt. War seine Filmfassung noch geprägt von utopischen Momenten der Zukunft und dem Kampf mit Außerirdischen, geht es bei Regisseur Steven Soderbergh um Vorgänge, die von der Wissenschaft nicht mehr fassbar sind. Der neue "Solaris", mit Stars wie George Clooney und Ulrich Tukur, lässt den Zuschauer mit seinen eigenen Gedanken experimentieren und die Grenzen von Realität und Fiktion überschreiten.Der Film "Frida" zeigt das Leben und Werk der mexikanischen Künstlerin Frida Kahlo, die gemeinsam mit ihrem Mann, dem Maler Diego Rivera, die Welt der Kunst des 20. Jahrhunderts eroberte. Doch nicht nur ihre emotionsgeladenen Werke, mit denen sie ihre Träume und Sehnsüchte zum Ausdruck brachte, machten sie bekannt, sondern auch ihr unkonventioneller Lebensstil. Die Hauptdarstellerin Salma Hayek ist gleichzeitig auch die Produzentin des Films. Regie führte Julie Taymor. Anlässlich dieser Premieren verlost ZEIT_online gemeinsam mit dem Deutschen Taschenbuch Verlag jeweils 5 Exemplare der Bücher "Solaris" von Stanislaw Lem und "Diego und Frida" von Jean-Marie Gustave Le Clézio, aus denen weiter unten ausführliche Leseproben angeboten werden. Senden Sie uns bis zum 13. März, 12 Uhr mittags, eine eMail, bitte mit Namen und Adresse, an kulturbrief@zeit.de
Stichwort: "Solaris" bzw. "Frida"
Die Gewinner werden unter allen Einsendern ausgelost. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. 1. Solaris© Deutscher Taschenbuch VerlagStanislaw Lem: Solaris
Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 236 S., 8,50 Euro Zum Inhalt:
Der Planet "Solaris" ist fast vollständig von einem Ozean umgeben, der so sonderbare Eigenschaften und Hervorbringungen aufweist, dass man ihn als lebendig und wohl auch als intelligent betrachten muss. Seit Jahrzehnten schlagen alle Versuche fehl, mit diesem Wesen Kontakt aufzunehmen. Der auf der Solaris-Station eintreffende Forscher Kris Kelvin findet eine desolate Mannschaft vor. Der Ozean hat begonnen, aus schuldbeladenen Erinnerungsspuren im Unbewussten der anwesenden Menschen die Schuldobjekte zu rekonstruieren und als Gäste in die Station zu schleusen. So wird Kelvin mit seiner früheren Geliebten Harey konfrontiert, die sich vor 20 Jahren das Leben nahm, als er sie verlassen wollte. Kelvin verliebt sich in dieses Kunstgebilde ›Harey‹.Nachdem Kelvins Kollegen an Bord, Snaut und Sartorius, den Ozean mit harten Röntgenstrahlen bombardieren, die von einem Enzephalogramm Kelvins moduliert wurden, hört die Produktion der Gäste auf. Zur gleichen Zeit lässt sich Harey durch Antimaterie annihilieren. Der Unmöglichkeit einer Liebe zwischen Kelvin und Harey korrespondiert die Unmöglichkeit der Kommunikation mit dem Ozean.LeseprobeDer Neue Um neunzehn Uhr Bordzeit stieg ich, vorbei an den Leuten, die den Schacht umstanden, über die Metallsprossen ins Innere der Kapsel hinab. Drinnen war gerade genug Platz, um die EIIbogen wegzuspreizen. Sobald ich das Ende in die Leitung geschraubt hatte, die aus der Wand hervorstand, blähte sich der Raumanzug auf, und von nun an konnte ich nicht die kleinste Bewegung mehr ausführen. Ich stand - oder hing vielmehr - im Luftbett, mit der Metallhülle in eins verfugt.
Als ich den Blick hob, sah ich durch die vorgewölbte Scheibe die Wände des Schachtes und weiter oben Moddards darübergeneigtes Gesicht. Es verschwand sofort, und Finsternis brach herein, denn von oben wurde der schwere Schutzkegel aufgesetzt. Ich hörte den achtmal wiederholten Pfiff der Elektromotoren, die die Schrauben festzogen. Dann das Zischen der Luft, die in die Amortisatoren eingelassen wurde. Das Auge gewöhnte sich an die Finsternis. Schon sah ich den blaßgrünen Umriß des einzigen Kontrollanzeigers. "Fertig, Kelvin?" ertönte es in den Kopfhörern. "Fertig, Moddard" antwortete ich.
"Sorg dich um nichts. Die Station empfängt dich dann", sagte er. "Glückliche Reise!" Ehe ich zum Antworten kam, knirschte etwas über mir, und die Kapsel erbebte. Instinktiv spannte ich die Muskeln an, aber es geschah weiter nichts.
"Wann geht es los?" fragte ich und hörte etwas rascheln, so, als rieselten Körnchen von feinstem Sand auf eine Membran. "Du fliegst schon, Kelvin. Alles Gute!" antwortete Moddards nahe Stimme. Bevor ich noch daran glaubte, tat sich gerade vor meinem Gesicht ein breiter Spalt auf, durch den ich die Sterne erblickte. Vergebens bemühte ich mich, Alpha des Wassermanns aufzufinden, zu dem der Prometheus entflog. Der Himmel in dieser Gegend der Galaxis sagte mir nichts, ich kannte auch nicht eine Konstellation, im schmalen Fenster war andauernd funkenblitzender Staub. Ich wartete, wann sich der erste Stern eintrüben sollte. Ich gewahrte es nicht. Sie wurden nur schwächer und schwanden, verschwammen im immer röteren Grund. Ich begriff, daß ich schon in den äußersten Schichten der Lufthülle war. Steif, in die pneumatischen Polster eingemummt, konnte ich nur geradeaus schauen. Noch immer war kein Horizont da. Ich flog und flog und spürte es gar nicht, nur daß meinen Körper langsam, schleichend, Gluthitze überflutete. Draußen regte sich leises, durchdringendes Zwitschern wie von Metall über nasses Glas. Ohne die Ziffern, die im Fensterchen des Kontrollanzeigers sprangen hätte ich mir gar nicht klargemacht, wie jäh ich fiel. Sterne waren nicht mehr da. Rostrote Helle füllte das Sichtfenster aus. Ich hörte den eigenen Puls schwer gehen, das Gesicht brannte, im Nacken spürte ich den kalten Luftzug von der Klimaanlage; ich bedauerte, daß es mir nicht geglückt war, den Prometheus noch zu sehen - er muß schon außer Sichtweite gewesen sein, als die automatische Vorrichtung das Sichtfenster öffnete. Die Kapsel zuckte einmal und noch einmal, vibrierte unerträglich, dieses Zittern ging durch alle Isolierhüllen, durch die Luftpolster; und drang tief in meinen Körper - der blaßgrüne Umriß des Kontrollanzeigers verwischte sich. Ich betrachtete das ohne Angst. Nicht um am Ziel zugrundezugehen kam ich von so weit hergeflogen."Station Solaris" sagte ich. "Station Solaris, Station Solaris! Tut irgendwas. Mir scheint, ich verliere die Stabilität. Station Solaris, hier ein Anflieger. Empfang."Und wieder verpaßte ich einen wichtigen Moment, das Auftauchen des Planeten. Riesig, flach breitete er sich aus, den Ausmaßen der Streifen auf seiner Oberfläche konnte ich entnehmen, daß ich noch weit war. Oder eigentlich hoch, denn ich hatte schon diese nicht festsetzbare Grenze hinter mir, wo aus dem Abstand von einem Himmelskörper Höhe wird: Ich fiel. Fortwährend fiel ich. Jetzt spürte ich das, sogar als ich äle Augen schloß. Ich öffnete sie gleich wieder, denn ich wollte soviel wie möglich sehen.Ich wartete einigemal zehn Sekunden Stille ab, dann rief ich neuerlich. Auch diesmal erhielt ich keine Antwort. In den Kopfhörern wiederholte sich salvenweise das Geknatter atmosphärischer Entladungen. Seinen Hintergrund bildete ein Rauschen, so dumpf und tief, als wäre das die eigene Stimme des Planeten. Den orangefarbenen Himmel im Sichtfenster überzog eine Trübung. Sein Glas wurde dunkel; instinktiv krampfte ich mich zusammen, so gut es meine pneumatischen Bandagen zuließen, bis ich in der nächsten Sekunde begriff: das waren Wolken. Wie hochgeblasen, sauste die Wolkenbank nach oben davon. Ich sank weiter, bald in der Sonne, bald im Schatten, die Kapsel drehte sich um eine senkrechte Achse, und die riesige, wie aufgeschwollene Sonnenscheibe trieb rhythmisch vor meinem Gesicht vorbei, von links erscheinend und rechts untergehend. Auf einmal, durch all das Rauschen und Geknatter, begann mir direkt ins Ohr eine ferne Stimme zu plappern:"Station Solaris an Anflieger, Station Solaris an Anflieger. Alles in Ordnung. Anflieger unter Kontrolle der Station. Station Solaris an Anflieger, vorbereiten zur Landung zum Zeitpunkt null, ich wiederhole, vorbereiten zur Landung zum Zeitpunkt null, Achtung, Anfang. Zweihundertfünfzig, zweihundertneunundvierzig, zweihundertachtundvierzig..."Die einzelnen Wörter waren getrennt durch Bruchteile von Miau-Tönen, Anzeichen, daß es kein Mensch war, der sprach. Das war zumindest seltsam. Normalerweise rennt alles, was lebt, auf den Flughafen, wenn jemand Neuer ankommt, noch dazu direkt von der Erde. Ich konnte jedoch nicht länger darüber nachdenken, denn der gewaltige Kreis, den die Sonne rund um mich zog, bäumte sich hoch mitsamt der Ebene, auf die ich zuflog; dieser Neigung folgte eine zweite, in die Gegenrichtung; ich schwankte wie das Gewicht eines riesigen Pendels, und gegen den Schwindel ankämpfend, erblickte ich auf dem wie eine Wand hochstehenden, von schmutziglila und schwärzlichen Streifen gebänderten Planetengefilde ein winziges Schachbrett aus weißen und grünen Pünktchen - die Markierung der Station. Zugleich riß sich etwas mit Geknatter von der Außenseite der Kapsel los: das lange Geschirr des Ringfallschirms, der heftig knisterte; in diesem Geräusch lag etwas unaussprechlich Irdisches - erstmals, nach so vielen Monaten, das Rauschen von wirklichem Wind.mehr Info zum Buch auf der dtv-Homepageonline bestellenLesen Sie hierzu bitte auch:
"Adam und Eva im All" von Katja Nicodemus (ZEIT 2003/11)

2. Frida© Deutscher Taschenbuch VerlagJean-Marie Gustave Le Clézio: Diego und Frida
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2001, 240 S., 10 Euro "Das wird die Hochzeit eines Elefanten mit einer Taube" - so lautet der bittere Kommentar ihres Vaters, als Frida Kahlo verkündet, sie werde Diego Rivera heiraten. Ein gegensätzlicheres Paar scheint in der Tat kaum vorstellbar, und doch wagten sie beide den Schritt. Verbunden sahen sich die Partner durch die gleichen Ideale: die Liebe zu ihrer Heimat Mexiko, die Utopie einer freien, gerechten kommunistischen Gesellschaft. Aber auch durch eine neue Ästhetik in ihrer Malerei: Fridas Farben waren die tiefen, leuchtenden der mexikanischen Volkskunst. Auch Diego Rivera benutzte sie. Doch malte er mit ihnen die Mexikanische Revolution, ihre Schlachtfelder, Kämpfe und Helden.Fridas Beziehung zu dem über zwanzig Jahre älteren Mitbegründer des Muralismo wurde geprägt durch leidenschaftliche Liebe, Hass, Krankheit; es kam zur Scheidung und zur Wiederverheiratung. Vierzig Jahre nach ihrem Tod erweckt Le Clézio dieses tragische, legendäre Liebespaar in einer eindrucksvollen Doppelbiographie zu neuem Leben, die sich so spannend liest wie ein Roman.LeseprobeFrida: "Ein wahrer Dämon"Als Diego Rivera Frida zum erstenmal begegnet - wenn man von dem provozierenden Auftritt des jungen Mädchens im Hörsaal der Preparatoria einmal absieht -, ist er überrascht von dem Kontrast zwischen ihrem schlanken Körper sowie der unruhigen Schönheit ihres Gesichts und dem düsteren, glänzenden, gespannten Blick, der ihn fest ansieht und mit der einschüchternden Aufrichtigkeit eines Kindes befragt.Frida gleicht keiner der anderen Frauen, die er gekannt hat. Sie hat nichts von Angelinas slawischer Blässe, jenem bläulichen inneren Schimmer, nichts von Marjewnas Unverfrorenheit und auch nichts von Lupe Marins Sinnlichkeit und Heftigkeit. Sie gehört weder dem fernen Europa an noch der tapatia-Aristokratie, von der Lupe in ihrer Jugend in Guadalajara umgeben war, und sie zeigt nicht die kühle Entschlossenheit, die sich auf Tina Modottis Madonnengesicht spiegelt. Sie ist ein wenig wie Diego selbst, ein Wesen aus Vasconcelos' kosmischer Rasse, eine seltsame Mischung aus der unbeschwerten Fröhlichkeit der Indianer und der Trauer der Mestizen, und hinzu kommt noch die jüdische Unruhe und Sinnlichkeit, die sie von ihrem Vater hat. Das alles erkennt er auf den ersten Blick, und es zieht ihn an, wie ihn auch Fridas fast noch kindliches Alter anzieht.Doch als er sie bei den Besuchen, die er ihr jede Woche wie ein Verlobter alten Stils im elterlichen Haus in Coyoacán abstattet, näher kennenlernt, entdeckt er, welch ungeheure Lebenserfahrung sich hinter der Maske des zarten jungen Mädchens verbirgt. Frida spricht nicht viel über ihre Vergangenheit, sie ist nicht sehr mitteilsam. Sie besitzt vor allem die Eigenschaft der mexikanischen Frauen ihrer Schicht: eine sehr große Zurückhaltung in der Äußerung ihrer Gefühle und einen gewissen galligen Humor, den auch Diego besitzt - ein Fluch, ja selbst eine obszöne Bemerkung sind besser als ein Tremolo in der Stimme. Sie malt, und was Diego in ihren Bildern wahrnimmt, fasziniert und bewegt ihn tief. All ihre Enttäuschungen, all ihre inneren Dramen, jenes ungeheure Leiden, das mit Fridas Leben verschmilzt, all das kommt in ihren Bildern mit einer ruhigen Schamlosigkeit und einer geistigen Unabhängigkeit zum Ausdruck, die außergewöhnlich sind.Hinter ihrem ungezwungenen Auftreten und dem Äußeren eines verliebten jungen Mädchens verbirgt Frida eine Erfahrung des Schmerzes, die ihresgleichen sucht. Ihr ganzes Leben ist eine Folge schwieriger Erfahrungen. Sie wurde 1907 in einer mittellosen Familie geboren und begreift schnell, daß sie wenig zu erwarten hat. Ihr Vater Guillermo lebt in schwierigen Verhältnissen. Unter Porfirio Diaz war er amtlicher Fotograf, doch die Revolution hat ihn mittellos und ohne Zukunft zurückgelassen, er besitzt noch ein Fotoatelier in der Stadtmitte von Mexiko und schlägt sich durchs Leben, indem er vor einer großen staubigen Stoffdekoration Porträtaufnahmen von Kommunikantinnen und Hochzeitspaaren macht. Fridas Mutter Matilde Calderón muß für den Unterhalt der Familie sorgen, indem sie ihre Wertgegenstände und Möbel verkauft, Zimmer an durchreisende Junggesellen vermietet und an allen Ecken und Enden spart. Fridas Mutter, die aus der Ehe zwischen Isabel, der Tochter eines spanischen Generals, und Antonio Calderón, einem Fotografen taraskischer Abstammung aus Michoacán, entstammt, scheint in Fridas Gefühlsleben nur einen geringen Platz eingenommen zu haben: sie ist zu fromm, ja bigott, hart und zugleich unscheinbar, so daß ihr eine undankbare Rolle neben Guillermo zufällt, der so künstlerisch, so labil und so unrealistisch ist. Matilde, in ihrer Jugend noch so hübsch und lebendig, ist autoritär und streng geworden, um ihre Familie zu beschützen. "Mi jefe", sagt Frida von ihr ("mein Chef"). Wie auch Diego hat Frida als Kind früh gelernt, auf ihre Mutter zu verzichten: Matilde Calderón, die durch kurz aufeinanderfolgende Schwangerschaften völlig erschöpft ist, verfällt bei der Geburt von Cristina (ein Jahr nach Frida) in eine tiefe Depression und kann sich nicht mehr um die beiden Babys kümmern. Die Amme, die Frida an ihrer Brust nährt, erfüllt für sie die gleiche Rolle wie für Diego Antonia, die indianische Amme. Später malt Frida von ihr ein imaginäres Porträt mit den Zügen einer maskierten indianischen Göttin, die kosmische Milch aus ihren Brüsten fließen läßt. Dennoch hat Frida zweifellos von Matilde Calderón die Seiten geerbt, die sie von den Mädchen ihrer Klasse unterscheiden: ihre Energie, ihren strahlenden Blick und ihre fast religiöse Hingabe an das revolutionäre Ideal.Ihr Vater, labil und verträumt, ist der Kindmann, den Frida ihr ganzes Leben lang sucht. Er neigt zu Schwindelanfällen, wie Frida verschämt sagt, wenn sie von ihm spricht. In Wirklichkeit leidet er an Epilepsie, und schon als kleines Mädchen lernt sie, sich um ihn zu kümmern, wenn er mitten auf der Straße einen Anfall bekommt. Sie legt ihn auf den Boden, lockert seine Kleidung und hält den Fotoapparat fest, damit nicht etwa ein Dieb die Gelegenheit nutzt! Frida ist Guillermos Lieblingstochter, diejenige, die er unter seinen sechs Töchtern auserwählt hat, und Frida verehrt ihren Vater trotz seiner Schwäche oder vielleicht gerade aufgrund seiner Labilität.Nach seinem Tod malt sie im Jahre 1952 ein liebevolles Porträt von ihm nach Art der Fotos, die er selbst machte. Es zeigt ihn in seinem besten Anzug, steif, die blassen Augen voller Unruhe, mit einem großen Schnurrbart, der so schwarz und dicht ist, daß er wie angeklebt wirkt; der Hintergrund des Bildes in einem verblichenen Gelb, das an die Stoffdekoration des Ateliers in der Calle Madero erinnert, ist auf seltsame Weise mit Eizellen und Samenfäden dekoriert, in denen Frida den Augenblick ihrer Empfängnis veranschaulicht. Die Widmung unten auf dem Bild ist ein Ausdruck der Liebe: "Ich habe meinen Vater gemalt, Wilhelm Kahlo, von deutsch-ungarischer Abstammung, Kunstfotograf von Beruf; von großzügigem Charakter, intelligent, gut und tapfer, denn er hat sechzig Jahre lang an Epilepsie gelitten, dennoch nie seine Arbeit aufgegeben und am Kampf gegen Hitler teilgenommen. In verehrendem Angedenken. Seine Tochter Frida Kahlo."Frida lernt sehr früh in ihrem Leben das Leiden kennen. Mit sechs Jahren erkrankt sie 1913 an einer Kinderlähmung und behält davon eine Behinderung des linken Beins zurück; ihr verkümmertes Bein ist für sie eine ständige Quelle von Schmerzen und Komplexen, die sie das ganze Leben begleiten. Ihr ganzes Leben lang schämt sie sich für dieses zu magere Bein, das sie an die Zeichnungen von Posada oder den aztekischen Kriegsgott Huitzilopochtli erinnert, der ebenfalls mit einem verkrüppelten Bein geboren ist. Auf ihren Bildern verheimlicht sie meistens ihre Körperbehinderung, und auf der einzigen Aktzeichnung, die Diego 1930 von ihr anfertigt, sitzt sie in einer Haltung unbeholfener Scham mit übereinandergeschlagenen Beinen in einem Sessel, so daß das verkümmerte Bein nicht zu sehen ist.Ein Familienfoto, das kurz nach ihrer Genesung aufgenommen ist, zeigt bereits, daß der Schmerz sie von den anderen isoliert. Das kleine Mädchen mit dem ernsten Gesicht steht abseits von der übrigen Familie unter dem Balkon des Hauses in Coyoacán, der untere Teil des Körpers ist halb von Sträuchern verdeckt. Das ist die Zeit, in der sie begreift, daß sie nie ganz so sein wird wie die anderen, und die Jungen und Mädchen aus der Nachbarschaft machen sich mit der instinktiven Grausamkeit, die Kindern zu eigen ist, über ihre Behinderung lustig: Wenn sie mit dem Rad fuhr, erinnert sich Aurora Reyes, und dabei ihre hohen Stiefel trug, von denen sie sich nie trennen wollte, rief man ihr nach: "Frida, pata de palo" (etwa: Holzbein-Frida).Sie verbringt ihre ganze Kindheit in dieser Einsamkeit. Ihre einzige richtige Freundin ist ihre Schwester Matita, doch die reißt genau in dieser Zeit von zu Hause aus und kommt nie wieder. Frida, die damals sieben ist, wird zur Mitwisserin der Flucht ihrer Schwester und entwickelt daher solche Schuldgefühle, daß sie einen großen Teil ihrer Jugend dem Versuch widmet, ihre Schwester wiederzufinden. Die Familie verzeiht Matita erst sehr viel später, als Frida zwanzig ist - und Matita siebenundzwanzig.mehr Info zum Buch auf der dtv-Homepageonline bestellenLesen Sie hierzu bitte auch:
"Salmas Traum" von Mirja Rosenau (ZEIT 2003/11)