Inhalt:
FESTIVAL
1. Gstaad im Sommer - Das Menuhin FestivalMUSIK
2. Liebe die Ungeliebten. Das neue Album "Shootenanny!" der Eels
3. Manna für die Streicher. John Storgårds und das Ostrobothnian Chamber Orchestra spielen Peteris Vasks LITERATUR
4. Büchertisch - Rezensionen von ZEIT-Literaturredakteuren 5. KULTURKALENDER
Theater
Konzerte
Ausstellungseröffnungen
Literatur

1. Gstaad im Sommer - Das Menuhin Festivalvon Tanja Rupprecht-Becker Der Winter in Gstaad ist fest in den Händen der Sportler, Stars und Sternchen. Der Sommer hingegen steht ganz im Zeichen der Musik. Aus aller Welt reisen Künstler in die blühende Region des Berner Oberlandes, um ihr Publikum mit Klassik zu verzaubern.
Das Menuhin Festival Gstaad vom 18. Juli bis 6. September gehört zu den Events der Sonderklasse. Motto in diesem Jahr: "Freund- und Feindschaften in der Musikgeschichte". © Menuhin Festival Gstaad Er war "Wundergeiger", Dirigent und Humanist - Lord Yehudi Menuhin (1916 bis 1999). Der Sohn russisch-jüdischer Einwanderer war zeitlebens Nomade und Kosmopolit und erkundete als Philosoph und Musiker die ganze Welt. Bereits 1956 zog er mit seiner Familie nach Gstaad - fasziniert und inspiriert von der Kraft der Natur und der Berge. Kurz darauf gründete er das "Menuhin Festival" und prägte es durch sein Interesse an anderen Kulturen und Musikrichtungen. Der erste Veranstaltungsort war die Mauritius-Kirche von Saanen. Bedeutende Kammermusiker wie der Cellist Maurice Gendron, der Bratsche-Spieler Edmond de Stoutz oder das Zürcher Kammerorchester spielten dort. Das Motto, Musizieren im Freundeskreis, wurde zum Symbol und gilt auch heute noch als Fundament des Festivals. "Es ist eine Herausforderung, die künstlerischen Botschaften von Yehudi Menuhin aufzunehmen und weiterzuentwickeln", so Christoph Müller, künstlerischer Leiter des Festivals, "seine fortwährende Lust auf Neues macht mich neugierig. Zurück zu den Wurzeln heißt vorwärts zum Ursprünglichen, Unkomplizierten und Kreativen."Tiefe Freundschaften und abgrundtiefe Feindschaften prägen und prägten das Zusammenleben aller Menschen. Insbesondere auch bei künstlerisch tätigen und denkenden. Vor diesem Hintergrund zeigt das Festival in diesem Jahr zahlreiche Verbindungen von Musikern aller Epochen, was zu erstaunlichen, amüsanten und überraschenden Erkenntnissen führt. Zahlreiche Interpreten widmen sich in über 30 Konzerten in sechs Kirchen und im Festivalzelt diesem Motiv. Eine intensive Kammermusik-Woche, große sinfonische Werke sowie konzertante Opern und die 21st Century Renaissance stehen auf dem Programm. So wird der amerikanische Violinist Joshua Bell mit seinen Freunden drei Kammermusikkonzerte (30. Juli bis 2. August) gestalten. Geigenvirtuosen wie Thomas Zehetmair, Daniel Hope oder Leila Josefowicz spielen große Konzerte der Klassik und Romantik.
Der Pionier der Alten-Musik-Szene und Entdecker der Barockmusik Iberiens Jordi Savall und sein Ensemble 'Hesperion XXI' treffen auf Jazz-Musiker um George Gruntz und präsentieren an einem Abend Raritäten aus dem Spanien des 16. und 17. Jahrhunderts (16. August).
Musikalisch interessant wird auch das Zusammentreffen dieser beiden Interpreten: Im Zyklus "21st Century Renaissance" spielt der bekannte New Yorker Jazz-Pianist Uri Caine zusammen mit dem Barockorchester Concerto Köln (18. Juli).
Absoluter Höhepunkt ist die Uraufführung der Oper "Magic of Flute" am 8. August. Das "Menuhin Festival" hat diesen Auftrag an George Gruntz vergeben, der seine Komposition an Mozarts "Zauberflöte" anlehnt und alte sowie neue Elemente zu einem spannenden Potpourri der Jahrhunderte verbindet.
Pianistenstars wie Mikhail Pletnev und Hélène Grimaud spielen bekannte Klavierkonzerte von Rachmaninov und Brahms. Weltklassedirigenten wir Rostropowitch, Ashkenazy, Hogwood, Wolff oder Brüggen greifen in Gstaad zum Taktstock.
Die musikalische Jugend ist mit dem Orchester der Menuhin School London, dem European Union Youth Orchestra und den Rising Stars Julia Fischer - sie wird bereits als die größte Entdeckung seit Anne-Sophie Mutter gehandelt - sowie den Schweizern Esther Hoppe und Olivier Darbellay vertreten.
Im Geiste des großen Künstlers werden auch in diesem Jahr zum zweiten Mal die Improvisationstage stattfinden. Dabei widmen sich Masterclasses für Berufsmusiker dem Thema; Late Night-Concerts, Rezitals und die Begegnung aller Improvisationskünstler runden die experimentellen Tage ab. © Menuhin Festival Gstaad, Kirche Saanen Zum Zauber für die Ohren gehört natürlich auch ein Wohlfühl-Programm für den Körper, zum Beispiel das "Kleine Wellness ABC mit Musik": Drei Tage und Nächte kann sich der Gast mit Kräuterbädern und Massagen im 'Ermitage Golf' für 450 Euro verwöhnen lassen - und dazu einige Konzerte besuchen. Eine Woche Wandern mit Festivalpräsident Leonz Blunschi und Übernachtungen im Hotel Bernerhof gibt es für 1145 Euro. Mehr Informationen zum Festival und zu den Packages finden Sie unter
www.menuhinfestivalgstaad.ch

2. Liebe die Ungeliebten!von Susanne Messmer Highschool in Amerika, das muss die Hölle sein. Unzählige Teenagerfilme aus Hollywood erzählen von einer Welt für Cheerleader mit Dauergrinsen im Gesicht, f ür Football-Helden, breitschultrig, brutal und von den Mädchen begehrt. Alles ist so abstoßend perfekt, dass es nicht ohne Antithese geht. Es braucht einen Dicken, einen Hässlichen, einen, der die Ordnung stört und am Ende als souveräner Sieger alles menschlicher macht. Einen wie Mark Oliver Everett, den Sänger und Songschreiber der Eels . Shootenanny!(Motor/Universal) , das neue Album der Band aus Los Angeles, lebt von der Rolle des selbstbewussten Außenseiters. Everett gibt sie im Outfit eines autistischen Brillenträgers, der die Welt staunend und ein wenig verächtlich betrachtet. Es ist dasselbe Lied wie auf allen Alben der Eels zuvor. „I am a lone wolf, I always was and will be“ , singt da einer gelassen, mit verschlafener, offener Stimme, die sich den grauen Alltag ebenso beiläufig vornimmt wie die großen Dinge, den Tod der Schwester und der Mutter etwa. Everetts Themen: der Schmerz, die Trauer, das hartnäckige Beharren auf Abweichung, die Demontage des amerikanischen Traums, das Plädoyer für „beautiful freaks“ und „beloved monsters“ , für Love Of The Loveless . Es geht um Mitgefühl und Nächstenliebe, Solidarität mit den Benachteiligten – allerdings nicht zu angestrengt, denn er weiß: Eigentlich ist er auf der sicheren Seite. Die Songs sind nur dafür komponiert, sich liebevoll um seine Weltsicht zu schlingen, niveauvoll verschachtelte, manchmal in Schleifen wiederkehrende Motive geben dem Sound etwas Schlenderndes. Mal sorgt eine Mundharmonika oder eine Steel Guitar für die nötige Weite, mal brechen seltsame Samples eine Spur Abweichung in die durchkomponierten, kugelrunden und sonnigen Popsongs. Es gibt aber auch achtlosere Momente, in denen klingen die Eels ein wenig satt. Da haben sie etwas von der Geradlinigkeit einer Collegecombo, der properen Pausbäckigkeit eines traditionellen Trinklieds, und plötzlich weiß man: Diese Band will gar nicht wirklich anklagen, sie gefällt sich darin, die etwas andere Note beizusteuern, das Unterhaltungsbedürfnis einer reiferen Jugend zu befriedigen, die manchmal die Nase voll hat von der Perfektion der kalifornischen Cheerleader und Footballer und muskulösen Skater, wie sie etwa die Red Hot Chili Peppers verkörpern. Die Eels wissen: Bei diesem Modell fehlt etwas. So richtig übelnehmen kann man ihnen dies aber nicht. Auch wenn Melancholie und Differenz inzwischen längst Teil des Spiels sind: Verschönert haben sie den Status quo allemal.