Aus dem Inhalt:
MUSIK
1. Das Taxi wartet. Florian Weber präsentiert modernen Jazz aus Köln - mit Verlosung
2. Elektrofee im Großstadtwald - "Nichts muss" von Barbara Morgenstern
3. Schostakowitschs Schatten - Das Keller Quartett spielt Alfred SchnittkeFILM
4. Zum Kinostart von "Pinocchio" verlost der Deutsche Taschenbuch Verlag den Klassiker von Carlo Collodi
5. Adaption - Die Kunst sich selbst zu hassen6. BÜCHERTISCH
Rezensionen von ZEIT-Literaturredakteuren7. KULTURKALENDER
Theater
Konzert
Ausstellungseröffnungen
Lesungen

1. Das Taxi wartet - Florian Weber präsentiert modernen Jazz aus Köln© hubermusicZurück vom Studium am Berklee College of Music, preisgekrönt bei der Piano Solo Competition des Montreux Festival du Jazz, wird Florian Weber derzeit als der Jazzpiano Newcomer in Deutschland gehandelt. Ende März erscheint sein erstes Album mit eigenen Kompositionen "Minsarah". Auf dem Weg von einer Probe zu einem Konzert sprach Claudia Pahlich (zeit.de) mit dem jungen Pianisten.zeit.de: Herr Weber, Sie haben gerade Ihr erstes Album mit eigenen Kompositionen aufgenommen - mit 24 Jahren. Was ist das für ein Gefühl? Florian Weber: Vor zwei Jahren habe ich Jeff und Ziv, den Bassisten und den Schlagzeuger meines Trios Minsarah, in Boston kennen gelernt. Seitdem spielen wir zusammen. Und das Gefühl in dieser Besetzung war von Anfang so gut, dass wir schnell den Traum hatten, ein eigenes Album zu produzieren. Ich bin sehr glücklich, dass es geklappt hat. Und sich selbst zu hören, diese intensive Arbeit im Studio war auf jeden Fall eine Bereicherung für unsere musikalische Entwicklung. Den musikalischen status quo jetzt in den Händen zu halten ist fantastisch. zeit.de: Sie legen großen Wert darauf, als Band gesehen zu werden - als Minsarah, und nicht als Florian Weber plus Begleitung. Trotzdem kurz zu Ihnen: Wie sind Sie zum Jazz gekommen? Florian Weber: Ich habe mit klassischer Musik begonnen. Doch von Anfang an wollte ich mich von den Noten lösen, schon als Kind habe ich bei Mozartsonaten nicht genau das gespielt, was da zu Papier gebracht war, sondern habe eigene Sachen dazu erfunden. Ich bin immer eher spielerisch und improvisatorisch an die Stücke herangegangen. Dass ich mich dann irgendwann mit Jazz beschäftigt habe, war eigentlich nur eine logische Folge daraus. zeit.de: Seit einem Jahr studieren Sie in Amerika Klavier - warum nicht in Deutschland? Florian Weber: Fast alle Lehrwerke, die hier in Deutschland an den Hochschulen unterrichtet werden, stammen aus Amerika. Ich wollte einfach diese Leute wie Hal Crook, Gary Burton oder Joe Lovano selbst kennen lernen. Ich denke, dass es schon eine andere Herangehensweise an die Musik gibt. Eine europäische und eine, ja, eine nicht-europäische. Und ich wollte einfach auch diese andere Seite kennen lernen. zeit.de: Was meinen Sie mit anderer Herangehensweise? Florian Weber: Darüber habe ich schon unzählige Gespräche geführt (lacht). Auf eine Art ist der europäische Jazz viel mehr intellektualisiert - ohne das negativ bewerten zu wollen. In Amerika ist das anders. Als ich in Boston Konzerte gespielt habe, war da eine ganz andere Stimmung im Saal als hier in Deutschland. Die Leute konnten die Melodien der Standards mitsingen - und haben das auch getan. Oder sie haben den Rhythmus mitgeklatscht, laut reingerufen, sind aufgestanden und haben getanzt. zeit.de: Also ein emotionaler Zugang zum Jazz - und nicht der bebrillte Intellektuelle mit dem roten Schal, der mit verschränkten Armen die Musiker beäugt? Florian Weber: Genau. In Deutschland habe ich solch ein lebendiges Publikum noch nie erlebt. Wobei ich ein konzentriert zuhörendes Publikum durchaus schätze. Aber ein Publikum, das Spaß an der Musik hat und das auch zeigt und trotzdem gut zuhört - das würde ich mir wünschen. Das wäre der gute Kompromiss - den ich in Deutschland bisher noch nicht erlebt habe. zeit.de: Kommen wir auf Minsarah zu sprechen. Das ist der Name Ihres Trios und gleichzeitig der Titel des ersten Albums. Auf Hebräisch bedeutet Minsarah "Prisma". Was steht hinter dieser Bezeichnung? Florian Weber: Ein Prisma, das ist ein durchsichtiges Glas, das das einfallende Licht bricht und in sein Spektrum aufteilt - so versuchen wir uns und die Musik, die wir spielen, auch zu sehen. Dinge, die wir in unserem Umfeld aufnehmen, wollen wir durch die Musik gefiltert darstellen. Musik wollen wir also als Prisma für unsere Erfahrung nutzen - und dann neue Farben und Strahlen hervorbringen. zeit.de: Wollen Sie also mehr machen als gute Jazzmusik? Geht Ihr Anspruch über die Ebene der L'art pour l'art hinaus? Florian Weber: Ich denke schon, dass das mehr ist als gute Musik. Wir suchen einen möglichst klaren, puren Kanal für unsere Eindrücke. Aber nicht um unsertwillen, nicht als egoistische Projektion unseres Innenlebens. Reflexion sehen wir dabei aber auch nicht als Reflexion von anderen Jazzmusikern, von anderen Jazzsoli. Wir versuchen einfach, etwas Eigenes zu kreieren. zeit.de: Wie würden Sie die Art von Jazz bezeichnen, die Sie machen - Contemporary Jazz steht auf Ihrer Internetseite. Wo siedeln Sie sich an: Irgendwo zwischen Bill Evans und Brad Mehldau? Florian Weber: Mehr muss man eigentlich gar nicht kennen (lacht). Keith Jarrett natürlich noch dazu. Auch Herbie Hancock darf man hier nicht vergessen! Beeinflusst bin ich natürlich durch all diese Pianisten. Seine eigene Musikrichtung zu beschreiben ist immer schwierig. Am unverfänglichsten wäre die Bezeichnung: moderner Jazz - vielleicht belassen wir es dabei. Ginge man wie mit der Lupe an die Beschreibung, geriete das Ganze vielleicht aus dem Blickfeld. zeit.de: Sie sind eine internationale Besetzung: Jeff Denson kommt aus den USA, Ziv Ravitz aus Israel, Sie selbst sind Deutscher. Profitiert Ihre Musik von dieser kulturellen Vielfalt? Florian Weber: Auf jeden Fall. Was ich eben über amerikanischen und europäischen Jazz gesagt habe, trifft natürlich auch auf diese Musiker zu. Zumindest auf Jeff. Ziv hat da noch andere Wurzeln, durch seine israelische Herkunft. In Israel hat er viel Straßenmusik gemacht, mit Blechdosen und Pfannen getrommelt. Seinen Ursprung hat er sicherlich dort, in der israelischen Volksmusik. Und das hört man seinem Spiel auch an. Sehr impulsiv trommelt er, und viele Rhythmen sind israelischen Ursprungs. zeit.de: Wie verlief die Aufnahme des Albums? Sehr lange haben Sie nicht gebraucht. Florian Weber: Ja, wir waren zwei Tage im Studio, dann wurde noch drei Tage abgemischt und gemastert. zeit.de: Das ist ungewöhnlich kurz. Andere Musiker verbringen Wochen und Monate an der Produktion eines Albums. Wieso ging das so schnell? Florian Weber: Das stimmt schon. In Boston hatte ich Unterricht bei Paul Bley, der dafür bekannt ist, zügig einzuspielen. Er geht sozusagen zur Aufnahme und lässt das Taxi vor der Tür warten, weil er sowieso gleich fertig ist. Und das ist eine Einstellung, die ich sehr mag. Jazz ist für mich eine Momentaufnahme. Improvisierte Musik, bei der Dinge schief laufen, im selben Stück aber auch Geniales passiert. Alles spielt sich in einem Fluss ab. Das kann man nicht wiedergeben, wenn man an einem Stück herumbastelt, den B-Teil an den A-Teil schneidet - das gibt nicht die Musik wieder. Ein Stück ist wie ein Bild. Man kann nicht eine Ecke herausschneiden und sich sagen: "Da möchte ich jetzt aber lieber rot statt grün". Das funktioniert nicht. zeit.de: Sie sind in Köln bei dem noch recht jungen Plattenlabel Hubermusic herausgekommen. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit? Florian Weber: Die beiden Macher von Hubermusic, Hanno Busch und Tobias Kremer, sind auf mich zugekommen und haben mir diese Produktion angeboten. Recht spontan kam dieses Angebot, meine beiden Bandmitglieder wurden extra aus den USA für diese Produktion "eingeflogen". Und wie die ganze Sache abgelaufen ist - so was gibt es eigentlich gar nicht. Über den Umgang von Plattenfirmen mit ihren Musikern hört man ja viel. Das war hier ganz anders. Sehr freundschaftlich. Und auch musikalisch waren wir ganz frei. Wir konnten einfach unsere Musik spielen, niemand redete uns rein oder machte uns irgendwelche Vorschriften - wie man das aus dem Popbereich ja oft hört. zeit.de: Wie sieht die Planung von Minsarah in diesem Jahr aus? Gehen Sie zurück in die USA? Florian Weber: Die Band bleibt noch bis zum 6. Mai in Deutschland und wir werden noch einige Konzerte spielen. Ich selbst habe noch ein Stipendium, das mir einen weiteren Aufenthalt in den USA ermöglichen könnte. Wann ich das in Anspruch nehmen werde, steht noch nicht fest. Da Jeff viele Kontakte in Washington, Florida und Boston hat, und Ziv in Israel, werden wir versuchen, weiter in Deutschland, aber auch in den USA und Israel zu spielen. zeit.de: Auf dem politischen Parkett herrschen derzeit extreme Spannungen zwischen den USA und der Bundesrepublik: Schwappt da auch etwas auf die musikalische Bühne über? Florian Weber: Da Jeff und Ziv momentan bei mir wohnen und wir regelmäßig die Tagespolitik verfolgen, entstehen da interessante Diskussionen. Wir sind uns da alle sehr einig. Großes Unverständnis über diesen Krieg, der keinen Sinn hat. Jeff, der mit seiner Regierung zwar in keiner Weise einverstanden ist, war teilweise schon etwas schockiert über das Bild Amerikas hier in Deutschland. Und über die Berichterstattung. Für unsere Musik bedeutet das aber nichts. Wir sind durch eine sehr tiefe Freundschaft verbunden, eine ganz besondere Freundschaft. Um so absurder kommt einem da die politische Spannung vor. Man fühlt sich nicht zu einer Partei zugehörig - die persönliche Verbundenheit ist da stärker. zeit.de: Wo sehen Sie sich in zehn Jahren, was würden Sie sich wünschen? Florian Weber: Ich möchte möglichst viel mit diesem Trio spielen, viel reisen. Noch viele Platten bei Hubermusic aufnehmen. Und die Möglichkeit haben, meine eigene Musik zu machen. Ja, eigentlich nur meine eigene Musik spielen. Verlosung
Die Band Minsarah präsentiert ihr Album am Sonntag, dem 23. März 2003 im Loft in Köln. zeit.de verlost zwei Eintrittskarten für das Konzert und 5 Exemplare der CD "Minsarah". Senden Sie uns bis zum 18. März, 12 Uhr mittags, eine eMail, bitte mit Namen und Adresse, an kulturbrief@zeit.de , Stichwort: Minsarah
Die Gewinner werden unter allen Einsendern ausgelost. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. zur Homepage "Minsarah"
zur Homepage "Loft"

2. Elektrofee im Großstadtwaldvon Thomas Winkler Es war einmal eine Fee, die schritt heraus aus dunklem Tann und hub an zu singen, während von ferne Klänge aus anderen Sphären ertönten. Als sie aber um sich blickte, musste sie feststellen, dass sie sich im Zeitalter vertan hatte, und kaufte sich einen Computer. „Aufwärts zum Himmel fällt ein Moment nieder“, singt sie nun, und per Mausklick schmiegen Laute sich an elfengleichen Gesang. Selbst Liedermacherinnen wollen sich dieser Tage nicht mehr hinter der Akustischen verstecken, buchstabieren ihre Botschaft stattdessen mit dem Rechner in Bits und Bytes. Bei Barbara Morgenstern küsst das weiße Rauschen der Elektronik die Kitschgefahr in einen endlosen Schlaf. Nichts muss ( Monika/Labels/Virgin ) hat Morgenstern ihr drittes Album genannt, als wollte sie sagen: „Alles kann“. Mühelos geht hier zusammen, was man vor kurzem noch für unversöhnlich hielt, das Technische und das Fantastische, Hardware und Intuition. Mitunter lässt sie das Singen ganz und nur die Elektronik für sich sprechen – oder ihre vom Flohmarkt gerettete tschechische Vermona-Orgel. Dann wieder intoniert sie die zwischen Rätsel und Bekenntniszwang changierenden Texte schmucklos, beseelt vom Suchen nach unirdischer Reinheit. Morgenstern ist ausgezogen, den Zuhörer mit ihrer Vision von Poesie zu berühren, und wohnte dem Ton kein eigener Zauber inne, man könnte es peinlich finden. Weil wir im Märchen sind, geht alles gut aus. Das Wahrhaftige lastet allerdings schwer auf dieser schönen Seele. Eine eigenartige Kälte, die nicht von der Elektronik kommt, durchzieht das Album. Der Grund mag sein, dass die aufs Land Geflohene zurückgekehrt ist in die Großstadt Berlin und nahe an der Spree ein Studio bezogen hat, wo Nichts muss entstand: Es ist eben schwerer, im Häusermeer zu komponieren als draußen im Brandenburgischen beim Betrachten von Sonnenuntergängen. Unmöglich ist es nicht, wie zuletzt Reset beweist, der Song, mit dem das Album ausklingt: In einem dicken, mächtigen Knistern dürfen verlorene Laute wieder zu sich kommen. Dort finden sich auch zwei, drei einsame Töne einer akustischen Gitarre ein, die klingen wie eine erleichterte Erinnerung an Zeiten, in denen Barbara Morgenstern nicht eine Elektrofee, sondern womöglich die neue Bettina Wegener geworden wäre. Wie wir uns erinnern, waren dies Zeiten, als das große B wie Besinnlichkeit noch für Baez stand und nicht für Björk, als der Wald noch tief und undurchdringlich schien und Hexen Liebestränke brauten anstatt zu singen. Es war einmal… doch auch im elektronischen Zeitalter vergeht nichts.

3. Schostakowitschs Schattenvon Oswald Beaujean Dem Schatten von Hamlets Vater ähnlich“ habe Dmitrij Schostakowitsch mit einigen Werken die „musikalische Realität beeinflusst und geformt“, schrieb Alfred Schnittke 1975, im Todesjahr seines großen Vorgängers. Bei allem Respekt kennzeichnet dieses seltsame Kompliment ein durchaus ambivalentes Verhältnis. Zugleich wurde Schnittkes Musik mehrfach, so von dem bedeutenden Dirigenten Gennadi Roshdestwenski, als die direkte Fortführung von Schostakowitschs geistigen Traditionen gesehen. Und auch Schnittke selbst bezeichnete sich 1994 als „Nachfolger“ Schostakowitschs. Das Keller Quartett hat Schnittke beim Wort genommen und gemeinsam mit dem Pianisten Alexei Lubimov sein Klavierquintett als das gedeutet, was es in vieler Hinsicht tatsächlich ist: die Fortschreibung des Fünfzehnten Streichquartetts in es-Moll, das Schostakowitsch ein Jahr vor seinem Tod vollendete ( ECM New Series 1755 ). Die Kombination ist absolut zwingend. Zwar begann Schnittke die Arbeit am Quintett 1972 als Reaktion auf den Tod der Mutter, die Vollendung jedoch gelang erst wenige Monate nach Schostakowitschs Tod. Ausgerechnet mit einem in Schostakowitsch-Manier ironisch verfremdeten Walzer über die Tonfolge B-A-C-H – der Thomaskantor war das große Vorbild beider Russen – gelang es Schnittke, den jahrelang abgerissenen Kompositionsfaden wieder aufzunehmen. Auch sonst stehen sich die beiden Werke sehr nah, näher, als der Titel der Veröffentlichung – Lento – vermitteln kann. Der Ausdruck tiefer Trauer und individuellen wie überpersönlichen Leids durchzieht beide Partituren – die in sich kreisenden Motive und brütenden Klangflächen des Schnittke-Quintetts ebenso wie die sechs langsamen Sätze, die Schostakowitsch in seiner wohl kompromisslosesten kammermusikalischen Konzeption zu seinem letzten Streichquartett zusammenschweißte. Auch die Differenzen freilich werden deutlich: Die Polarität zwischen freitonalem und tonalem Denken, kompositorischer Strenge und nostalgischen Reminiszenzen, die das Quintett bestimmt, hebt Schnittke in der abschließenden gespiegelten Passacaglia in die musikalische Versöhnung auf, die Trauer wird licht, das Leid zur Erinnerung. Schostakowitschs tonales Quartett kennt solche Tröstungen nicht: Der zerfransende Trauermarsch , in den der Epilog mündet, scheint nur eine Botschaft bereitzuhalten, die auch die Vierzehnte Sinfonie verkündet: „Der Tod ist groß, wir sind die seinen.“ Alexei Lubimov und das Keller Quartett vermitteln beide Haltungen gleichermaßen, zwingend und mit atemnehmender Intensität. Eine beklemmend grandiose Aufnahme.