Inhalt:
LITERATUR
1. Alexander Kluge, Georg-Büchner-Preisträger 2003 - mit Leseprobe und Verlosung
2. Büchertisch - Rezensionen von ZEIT-Literaturredakteuren MUSIK
3. Schwüle Visionen - Peter Härtling und das Trio Jean Paul erzählen und musizieren E.T.A. Hoffmann
4. Die Schönheit von XP-I - Das neue Album "00-237 XP-I" des Magic Malik Orchestras 5. KULTURKALENDER
Theater
Konzerte
Ausstellungseröffnungen
Lesungen und Vorträge

1. Verdeckte ErmittlungenNach der Schlacht: Alexander Kluge erhält den Büchner-Preisvon Thomas AssheuerDie Bücher und Filme von Alexander Kluge sind vielleicht ein endloses Trümmerfeld, aber ein anhaltendes Rätsel sind sie nicht. Eine kurze Geschichte, eine kleine Szene, und jeder Leser ahnt, wie es um das Dasein von Kluges Menschen bestellt ist. Sie hocken unter einer Zirkuskuppel und leben so dahin. Wenn ihnen nicht gerade Bomben auf den Kopf fallen, geht es ihnen mehr recht als schlecht. Manchmal nehmen sie, wie die Filmheldin Gabi Teichert, ratlos ein Kinder-Schäufelchen in die Hand und graben nach Vergangenheit. Plötzlich treten die Herren der Geschichte auf und stören den Naturfrieden der Gefühle. Sie kommen über Nacht und fuchteln mit allerlei Zwingschrauben. Sie wollen Ordnung und rufen die Menschenmängelwesen zur Vernunft. Ein Staatsanwalt brüllt: „Warum begeben Sie sich nicht auf den Boden der Tatsachen? Warum ordnen Sie ihre Angelegenheiten nicht zufriedenstellend?“ So machen Kluges Figuren ihre Erfahrung mit der Welt. Nur ihre Gefühle sind immer woanders, und wenn sie erwachen, kollidieren sie sehr übel mit den Tatsachen. Historiker nennen das „Geschichte“. Alexander Kluge nennt es eine „Schlacht“. Es gibt, so haben wir von Kluge gelernt, die Macht und die Politik – und es gibt die Gefühle und den Eigensinn. Was die Macht alles anrichtet, das lesen wir in den Büchern, aber für die Basisgeschichten unserer Gefühle gibt es keine Zeugen, nur die Vermischten Nachrichten . Das ist zwar richtig, aber übertrieben. Kluge selbst hat die Chronik der Gefühle geschrieben, eine voluminöse, zugleich wahre und erfundene Schlachtbeschreibung aus dem beschädigten Leben. Sie handelt von unerhörten Begebenheiten und von dem Schmerz, wenn Geschichte und Eigensinn aufeinander stoßen und die Politik sich ihre Opfer sucht. Vieles in Kluges Passagenwerk ist auf großartige Weise bizarr, und fast immer sind die Gefühle vernünftiger als die Rationalität, mit der sie im Widerstreit liegen. Das Wichtigste aber ist die Freiheit, die sich oft erst im Angesicht der Katastrophe zeigt. Zum Beispiel dann, wenn Revolutionäre das Zifferblatt der Weltuhr zerschießen oder die Züge der Reichsbahn für immer stillstehen. Einige fürchten deshalb, Kluge sei insgeheim ein Dialektiker, der listig die großen Katastrophen feiert, um den Eigensinn der Freiheit aus der Reserve zu locken. Aber dies wäre ein Missverständnis. Kluge ist ein Realist der Fiktion. Er legt Geschichte in Trümmer, damit wir sehen, wie falsch sie zusammengebaut war und dass alles auch hätte besser kommen können.Das gilt sogar für den Frieden. Über ihn erzählt Kluge wunderbare Geschichten, die das Leben hätte schreiben können, wenn wir rechtzeitig zugegen gewesen wären. Aber wir hatten uns mal wieder in die Büsche geschlagen. Nun erhält der Filmemacher, Schriftsteller und Partisan im Quotenfernsehen Alexander Kluge den Büchner-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Jeder, der noch seine fünf Sinne beisammen hat, wird dafür der Jury zu Füßen liegen.Verlosung:
Der Suhrkamp Verlag und der Verlag Hörbuch Hamburg verlosen jeweils drei Exemplare des Buchs "Die Kunst, Unterschiede zu machen" (Leseprobe weiter unten im Kulturbrief) und der 3-CD-Box "Chronik der Gefühle", gelesen von Hannelore Hoger und Alexander Kluge.
Senden Sie uns bis zum 22. Mai, 12 Uhr mittags, eine eMail, bitte mit Namen und Adresse, an kulturbrief@zeit.de , Stichwort: Kluge .
Die Gewinner werden unter allen Einsendern ausgelost. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Leseprobe aus "Die Kunst, Unterschiede zu machen"© Suhrkamp VerlagTheodor W. Adorno, der die Oper liebt, die fortgeschrittenste Stufe der Oper wie die von Alban Berg und Schönberg, hat die Frage gestellt: Wenn die Opern sozusagen Abbild des Kopfes der Leidenschaften sind, was wäre der Fuß der Leidenschaft?Ich stelle mir vor, daß die Geografen des Aristoteles, die hinter den Armeen Alexanders der Großen von Mazedonien bis zum Indus marschieren, darin noch südlich in Ägypten die Nilquellen erforschen, das sehr sorgfältig mit der Geduld ihrer Füße tun. Sie durchmessen den Planeten mit ihren Füßen und mit einem Gerät hinter sich, mit dem sie die Parasangen, die Entfernungen messen, die sie hinterher ablesen können. Sie gehen Fuß für Fuß über Gebirg und Tal, über die Flüsse und erkunden die Erde mit ihren Fußsohlen, mit einer der empfindlichsten Gefühlsgrößen, die es gibt. Das ist ein sehr guter Gebrauch der im Fuß sitzenden Leidenschaftlichkeit. Oft besser als die Leidenschaft des Kopfes, die auf der Karte sehr schnell nach Stalingrad führt, obwohl die Füße inzwischen rückwärts gehen, zurück nach Deutschland, und deswegen eine Armee zugrundegeht, weil die Motive verschwunden sind. Die Folterknechte wissen das auch. Cortez z.B. brennt die Füße der Montezuma an, um herauszufinden, wo noch Gold liegt. Auch im Dreißigjährigen Krieg ist es üblich, die Füße anzubrennen, um herauszufinden, wo vergrabene Schätze liegen, eine der schärfsten Formen der Folter.Der Einfallsreichtum der Menschheit, Mißbrauch mit Gefühlen zu treiben, mißbrauchen, um Herrschaft zu errichten, steht in keinem Verhältnis zur Emanzipation der Gefühle, die doch daliegen wie Schätze. Von diesem Unterscheidungsvermögen zwischen Schmerz und Nicht?Schmerz am Fuß, zwischen Geduld und Ungeduld der Füße machen wir nicht genug Gebrauch, sind wir nicht auf der Höhe. Aber da liegen die Orte, die Metaphern für Aufklärung, für Emanzipation, für Aufklärung im Sinne der Selbstentfaltung des Menschen. Wenn wir alles, was Menschen können, zusammenfügten und wir das untereinander austauschten, entstünde von selbst ein emanzipatorischer Prozeß, selbstreguliert und ernsthaft nicht aufzuhalten.Alexander Kluge: Die Kunst, Unterschiede zu machen
Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main, 2003, 112 Seiten, gebunden, mit zahlreichen Abbildungen, 15 Euro
online bestellen Weitere Informationen
www.kluge-alexander.de
www.suhrkamp.de
www.hoerbuchhamburg.de

2. BüchertischBelletristikvon Susanne MayerAldo Nove: Amore mio infinito
Roman; Aus dem Italienischen von Steve J. Klimchak
Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 2003; 176 S., 12,– Euro
Zehn Jahre jung sein und ein Mädchen im Haus gegenüber sehen und stumm anbeten oder dreizehn Jahre sein und aushalten, wie die Mutter Krebs hat, oder fünfzehn sein und neben einer Silvia die Griechischarbeit schreiben, und alles will auf den einen Satz hinaus: Amore mio infinito… Dies ist vielleicht der schönste, leiseste Liebesroman, den man im Wonnemonat Mai lesen kann. Es sind Erinnerungen von einem, der schon achtundzwanzig ist und sich in eine Maschine wünscht, die ihn in seine Mama wieder hineinbettet, 500 Gramm leicht und weich umspült, stattdessen aber Fischkühlmaschinen für Restaurants verkauft. Seine Gedanken fließen dahin, nach Halt suchend oder Trost, und machen so schwindelig, wie man sich mit zehn oder dreizehn gefühlt haben mag, als es dieses Buch noch nicht gab.
online bestellen Meera Nair: Video
Erzählungen; aus d. Englischen von Eike Schönfeld
Kindler Verlag, Berlin 2002; 253 S., 17,90 Euro
Lammkeule mit Cumin, Kindergeschwader, die sich in Mangobäumen verstecken, eine Totenwache vor der Kulisse von sich abschlachtenden Hindus und Muslimen – Meera Nair, aus Indien kommend und nach Brooklyn gezogen, erzählt kleine Geschichten, die den Geschmack des Exotischen haben und unseren Horizont für Gefühle und Haltungen erweitern, die außerhalb von Berlin-Mitte liegen. Dringend notwendig, könnte man meinen, und dazu eine unterhaltsame, gelegentlich anrührende, auch amüsante Lektüre.
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Am 18. und am 22. Mai stellt Meera Nair ihre Erzählungen in Berlin vor. Mehr Informationen weiter unten im Kulturbrief unter "Lesungen und Vorträge". Sachbuchvon Konrad HeidkampMichael Kleff (Hrsg.): Hard Travelin’ – Das Woody Guthrie Buch
Songtexte und Essays; a. d. Engl. v. Harry Rowohlt
Palmyra Verlag, Heidelberg 2002; 460 S., 29,90 Euro
Wie „Kafka“, „Schönberg“ oder „Picasso“ – sein Name steht für ein Genre. Kaum einer kennt mehr als drei seiner Songs, doch wer „Woody Guthrie“ sagt, meint damit das politisch aufrechte Lied der USA. Um Bob Dylan zu verstehen oder Bruce Springsteen, kommt man nicht ohne ihn aus, aber dieses Opus enthält auch den anderen Woody: seine Kinderlieder, Gedichte über fliegende Untertassen oder die Nichte von Walt Whitman und ein Liebeslied an Ingrid Bergman. 400 Songs, drei Ehen und neun Jahre mit einer Nervenkrankheit in einem Heim, dazu eine CD – die amerikanische Seele hat jeden Ton und jede Zeile von Woody Guthrie (1912–1967) nötig.
online bestellen Bill Wyman/Richard Havers: Blues – Geschichte, Stile, Musiker, Songs + Aufnahmen
aus dem Englischen von Stefan Hentz
Christian Verlag, München 2002; 400 S., 49,90 Euro
Wer Mick Jagger und die Rolling Stones für das Original hielt, hatte zwar keine Ahnung, lag aber nicht falsch: Die Engländer verhalfen dem Blues zu einer unendlichen Geschichte. Gutes Recht also für Bill Wyman, den ehemaligen Bassisten der Stones, seinen Namen für ein üppiges, mit seltenen Fotos bebildertes und fundiertes Buch über den Blues in die Waagschale zu werfen. Die Querverbindungen zu aktuellen Aufnahmen sind so erhellend, wie die Porträts nützlich sind. Und vor allem: Jeder dieser Künstler ist jedes Blatt Glanzpapier wert. Wie Blind Willie McTell: „Er lebte, wovon er sprach.“
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3. Schwüle Visionenvon Volker Hagedorn Seiner Stimme vertraut man sich gern an, der ruhigen, breiten Sprechart, von zwei Mundarten grundiert – der Schwabe Peter Härtling kam im südsächsischen Chemnitz zur Welt. „Orchester“ spricht er mit Gaumen-ch wie „nicht“, ein sehr langes i in „Komponieren“, ein sehr kurzes e in „den“, wenn er „den Leib der Musik“ beschwört. Das tut Härtling als Vorleser der drei Instrumentalisten, die mit ihm auf Tournee und ins WDR-Studio gingen, um den Musiker E.T.A. Hoffmann neu zu entdecken. Dem Kobold aus Königsberg hat der Schriftsteller nämlich seinen Roman Hoffmann oder Die vielfältige Liebe gewidmet. Dem Trio Jean Paul schien er der richtige Mann, ein ohnehin einleuchtendes Programm literarisch zu illuminieren: E.T.A. Hoffmanns E-Dur-Trio für Klavier, Geige und Cello – und Beethovens Es-Dur-Trio op. 70, Nr. 2. , über das Hoffmann einst eine so hymnische wie analytische Rezension geschrieben hat. Doch neben Härtlings Präsenz, zwischen seinen behaglichen biografischen Skizzen und Romanpassagen droht nun die Musik zum Requisit zu werden, so vorzüglich Pianist Eckart Heiligers, Geiger Ulf Schneider und Cellist Martin Löhr auch spielen (Ars Musici 1337-2, Freiburger Musik Forum) . Den Schriftsteller interessiert vor allem jener Hoffmann, der den Frauenstimmen nachstellt „wie ein Jäger“. In der zentralen Szene hat er ihn und seine blutjunge Gesangsschülerin inszeniert: „Ihre Augen schwimmen, stellt er mit Genugtuung fest, ihre Lippen sind prall.“ Derlei schwülen Visionen zieht man dann doch den komponierenden Hoffmann vor, einen differenzierenden, handwerklich hoch bewussten Musiker. In den Ecksätzen seines Trios verfährt er zwar eher gelehrt als genial. Aber das Scherzo in der Mitte verschärft sich zum ganz persönlichen Charakterstück mit verblüffender Tango-Harmonik. Besonders schwer fällt es, nach Härtlings vereinnahmender Präsenz sich auf Beethoven einzulassen. Sein Es-Dur-Stück ist transparent bis zur Sprödigkeit, konstruktiv kühl, das Subjektive vermeidend. Aber in dieser Materialhaftigkeit steckt auch eine Energie, für die das junge Trio fast etwas zu schön spielt, nie gefährlich. Die Schwerelosigkeit der Musiker passt dafür zur atemberaubenden Passage im Finale, wo sich das Klavier einsam so weit versteigt, dass die Musik sich aufzulösen droht – Beethoven selbst scheint sie von außen zu betrachten. So sitzt man vor den Boxen, hat Härtling hier, dort die Musik – und in der Hand die Fernbedienung, um wieder zu trennen, was die Mode just vereint.4. Die Schönheit von XP-Ivon Konrad Heidkamp Flötisten sind oft schwer erträglich. Wie Vibrafonisten oder Virtuosen an der akustischen Gitarre, so rein, so schnell und luftig. Zum einen Ohr rein, zum anderen raus. Ohne Haken, widerstandslos. Umso verblüffender, wie sich die Musik von Malik Mezzadri festsetzt. Beinahe vergisst man, dass er Flöte spielt. Und doch ist er kein Klangverfremder, bläst geradewegs auf die Melodie zu, redet ernsthaft über dem Luftstrom, wispert und murmelt den Tönen kleine Koseworte zu. Das erinnert an den großen Multiinstrumentalisten Rahsaan Roland Kirk, den der 33-jährige Franzose auch gebührend verehrt, und bleibt dem Gesamtklang doch stärker verbunden – Mezzadri ist nur ein Fünftel des Magic Malik Orchestras . Von der üblichen Klage und Frage, wohin mit dieser Musik, kann hier keine Rede sein. Das ist Jazz, ganz eindeutig, und ist doch von jener Stilvielfalt, die einer im Kopf hat, wenn er 1969 in Guadeloupe mit einer französischen Mutter und einem afrikanischen Vater aufwächst, Xenakis, Bach und Ravel liebt, in Marseille Musik studiert, nach Paris geht und dort in verschiedenen Gruppen spielt, die sich Human Spirit, Equilibriste oder Gambit nennen. Da legen sich Drum-’n’-Bass-Schlieren unter die Melodien, wiederholen sich die minimalen Muster aus Glass-Menagerien oder ziehen impressionistische Keyboard-Schleier durch Stücke, deren Titel man nur schwer behält. Er hat es nicht mit den Namen, und so nennt er das neue Doppelalbum 00-237 XP-I , wie er den hoch gelobten Vorgänger vor zwei Jahren 69-96 nannte, nach seinem Geburtsjahr und dem seiner Tochter (Label Bleu 6662/63, Vertrieb: Sunny Moon) . Zwei CDs enthält diese schwarzweiße Papphülle mit dem großen gelben Punkt, helle Tages- und dunkle Nachtmusik, und wer will, mag auch filmartige Tableaus heraushören, in Irland, in Spanien, in Afrika beheimatet, elegische Melodien über todmüdem Schlagzeug, Corrida-Rufe zu Miles-Davisscher Fusionmusik oder Schalmeien zu rhythmischen Frühnebeln. Mit grandioser Selbstverständlichkeit wechseln Stimmungen und Farben, weniger unvermutet und schräg als die Musik des stilverwandten Engländers Django Bates. Magic Malik bedeutet auch die Entdeckung des Altsaxofonisten Denis Guivarc’h, des Keyboarders Or Solomon, des Schlagzeugers Maxime Zampieri und vor allem der Bassistin Sarah Murcia. Ein Quintett und doch ein Klanggebräu-Orchester aus dem Geiste der Tijuana Moods eines Charles Mingus, das den Jazz feiert, indem es ihn mit genrefremden Zutaten unterlegt. In Providence , einem Film des französischen Regisseurs Alain Resnais, taucht ein Fußballspieler auf, der durch die Villa läuft. Im Dress, mit Stutzen und Stollen. So wie eine zweite und dritte Welt die erste durchquert. Die Musik von Magic Malik ist von dieser seltsamen Selbstverständlichkeit.