Aus dem Inhalt:
1. SMS-Lyrik. 160 Zeichen Poesie - mit Leseprobe und Verlosung2. Nicht gekonnt ist halb gewonnen - Die deutschen Grand-Prix-Kandidaten3. BÜCHERTISCH
Rezensionen von ZEIT-Literaturredakteuren4. KULTURKALENDER
Theater
Konzerte
Ausstellungseröffnungen
Lesungen

1. SMS-Lyrik - 160 Zeichen Poesie© Deutscher Taschenbuch-Verlag Anton G. Leitner (Hrsg.): SMS-Lyrik. 160 Zeichen Poesie
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2003, 99 S., 6,- Euro Vom ersten zarten Annäherungsversuch über Rendezvous-Feinabstimmungen bis hin zum kühlen Adieu - eine Lebenshilfe allerersten Ranges."Ankomme Freitag den 13. um 14 Uhr Christine." So hatten sich das die Erfinder des SMS (Short Message Service) wohl gedacht, als simple Möglichkeit, Notizen zu verschicken, eine Information loszuwerden, als höchst pragmatisches Komunikationsmittel für pragmatische Botschaften.Gekommen ist es ganz anders: Das pralle Leben in seiner ganzen Fülle hat Einzug gehalten auf 160 Zeichen. Da aber nicht jeder, der will, bekanntlich auch kann, findet er/sie viele Möglichkeiten, die eingefahrenen SMS-Pfade zu verlassen, und originelle, witzige, überzeugende, anregende, aufregende Mitteilungen zu verschicken, die nicht schon zum eintausendundsten Mal auf dem Display aufgetaucht sind. Vom ehrenwerten Catul bis zu rotzfrechen, jungen Poeten kann man sich anregen lassen, seine Mitmenschen (wenn, dann wenigstens) geistreich zu nerven. Anton G. Leitner, geboren 1961 in München, ist Verlagsleiter und Publizist. Seit 1993 gibt er die Zeitschrift Das Gedicht heraus, deren "Erotik Special" im Focus auf die Bestenliste gelangte. Anton G. Leitner wurde mit vielen Förder- und Kulturpreisen ausgezeichnet. LeseprobeBarbara Zeizinger - SMS
Rückfrage Hölle an Himmel:
Könnt ihr uns trotzdem
Wolke Sieben leihen?
Hier ist erst recht
der Teufel los!
Grüße an - alle.
Barbara Zeizinger, geboren 1949 in Weinheim a. d. Bergstraße, lebt in Alsbach-Hähnlein. Richard Dove - SMS
Tanka gibt's, Sonette,
Distichen. Du bekommst
diese geschwätzige Kürze.
Die Botschaft ist freilich
bei allen die gleiche:
die Liebe ist lang,
der Akku ist leer.
Richard Dove, geboren 1954 in Bath (England), lebt in München. Nico Bleutge - SMS
verdammt ich kann nicht
jedesmal das harte ding
an die ohrmuschel halten
müßte meine finger mal
wieder persönlich vorbei
bringen und dir den akku
raten kerl zeigen
Nico Bleutge, geboren 1972 in München, lebt in Tübingen. Karin Fellner - SMS
du hast meine finger elektrisiert
fremde sind meine hände heiß
laufen sie über plastik zwei
hundert volt auf den nägeln
Karin Fellner, geboren 1970 in München, lebt dort. Nikolaus Dominik - SMS
Sturmwarnung als Möwe windstoßen
und
in dir stranden sanden&sonnen&salzen
zuwassern als Glühfisch
und
ein Schiff inselt über
Untiefen, verkiemt uns
Nikolaus Dominik, geboren 1951 in Amberg (Oberpfalz), lebt in München. Anton G. Leitner - SMS
Kleider, Ordnung
Deine Trümpfe stechen.
Meine Strümpfe brechen
Auf. Auch deine
Haben ein Loch. Da
Muß ich durch.
Ich armer
Tor!
Anton G. Leitner, geboren 1961 in München, lebt in Weßling (Landkreis Starnberg). Ludwig Steinherr - SMS
Idee Im völlig dunklen Zimmer
das Rascheln deines Kleides das
zu Boden fällt
Ludwig Steinherr, geboren 1962 in München, lebt dort. Wilhelm Busch - SMS
Komm, komm!
Mit Güte lockt fast überall
Die Frau ihr Schweinchen in den Stall.
Wilhelm Busch, geboren 1832 in Wiedensahl bei Hannover, gestorben 1908 in Mechtshausen bei Seesen (Harz). Jürgen Preuss - SMS
ER SIE, / ES LENZT // Alle /
Vögeln / Sind schon da // Alle /
Vögeln / Alle ///
Jürgen Preuss (Pseudonym Weinrich Weine), geboren 1942 in Düsseldorf, lebt in Ratingen. Gabriele Trinckler - SMS
Dschungel
Im Zimmer sprießt
Das saftige Fleisch
Eine Hüfte springt
Aus den Petunien
Gabriele Trinckler, geboren 1966 in Berlin, lebt in München. Mehr Informationen zum Buch >>Verlosung:
Gemeinsam mit dem Deutschen Taschenbuch Verlag verlost ZEIT-Online fünf Exemplare dieses Buchs.
Senden Sie uns bis zum 23. Januar, 12 Uhr mittags, eine eMail, bitte mit Namen und Adresse, an kulturbrief@zeit.de . Stichwort: SMS
Die Gewinner werden unter allen Einsendern ausgelost. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

2. Nicht gekonnt ist halb gewonnen

Der Schlagercontest ist keiner mehr. Die Trauer um den Verlust der sauberen Plastikrosenromantik des deutschen Schlagers ist - hossa! - längst überwunden, Trash angesagtVon Carsten ZurEnde des Schlager-Revivals. Statt brennendes Verlangen nach deutschen Liedern in den Seelen der heranwachsenden Generation zu entfachen, reichte es nur zum Strohfeuer. Den Langhaarpädagogen Gildo Horn oder den Schlagerbarden Dieter Thomas Kuhn kennt die SMS-Generation schon nicht mehr. Die Visionen der hauptsächlich amerikanischen Pop-Videos sind stärker. Folgerichtig passten die Talentförderer des Grand Prix beim deutschen Vorentscheid am 15. Januar in Hamburg ihre 15 Schützlinge der Zielgruppe an: die selbsternannten Künstler bedienen das boygroup-/girlgroup-Image. Und die Telekom stellt die Kandidatenwahltechnik dazu. Beim Vorentscheid am 7. März in der Ostseehalle Kiel wird per SMS abgestimmt werden.Schlager-Urgestein Ralph Siegel, der einzige Musikproduzent, der die Erinnerung an Heile-Welt-Musik aufwärmen kann, ließ sich für den Abend der Vorentscheidung entschuldigen. Nach der enttäuschenden Platzierung seines Zöglings Corinna May - im letzten Jahr erreichte sie Rang 21 von 24 möglichen - wollte Siegel dem Grand Prix den Rücken kehren. Der ZEIT klagte er damals sein Leid: "Da treten Künstler mit einem Anspruch an, und es gewinnt der, der sich über alles lustig macht. Das find ich moralisch nicht fair." Früher, sagte er, seien alle eine große Familie gewesen. Jetzt sei "die Eintracht empfindlich gestört". Doch anscheinend hat er Trost gefunden, denn auch er ist bei "Das Beste aus dem Norden" wieder mit einer Kandidatin vertreten. Keine Newcomerin, sondern Lou. Die 39-jährige Sängerin mit den orangefarbenen Haaren bekommt schon ihre zweite Chance von Siegel innerhalb von zwei Jahren. Moral und Spaß passen wohl nicht mehr zusammen. Sicherlich, eine Botschaft hatte jeder Kandidat am Montagabend. Der kakaobraune Stuttgarter Joachim Deutschland beispielsweise nutzte seinen Auftritt, um den eigenen Typ in den Mittelpunkt zu stellen: "Auf der Bühne zu sein ist einfach nur geil. Ich bin geil". Er trat im offenen mütterlichen Pelzmantel auf, mit nackter Brust und Armeehose auf Schamhöhe. Mit dem Rücken zum Publikum ließ er die Hose runter und rief: "Die weiße Rasse müsste ausgemerzt (oder war es ausgerottet?) werden!" Ein geschmackloser Scherz.
Inzwischen wurde er vom Wettbewerb ausgeschlossen - nicht wegen seines provokanten Auftritts sondern wegen des aus seiner Feder stammenden Musikstücks "Die Stoibers". Darin bedachte er die Ehefrau des bayerischen Ministerpräsidenten Karin Stoiber, sowie die Stoiber-Töchter Veronica und Constanze mit sexuellen Anspielungen.
Zum nächsten Auftritt. Den 15- bis 21-jährigen Mädchen der Girlie-Band "Lovecrush" reichte es zu sagen, dass sie eine Botschaft hätten, "weil, das wäre ja wichtig eine zu haben". Die Gruppe "Freistil" will das Image einer sensiblen Boygroup verkörpern: "Ich habe meinen Freund tot in der Wohnung gefunden", erzählte XXX. "Mein Bandkumpel hat ein Lied aus meinen Eindrücken gemacht." Tränen und Spaß? Auch das geht nicht zusammen. Corinna May rührte das Publikum letztes Jahr in Kiel nicht zuletzt durch ihre Sehbehinderung. Aber im Grand-Prix-Finale half ihr das nicht. Das Mitleid der deutschen Zuschauer wird auch am 24. Mai in der lettischen Hauptstadt Riga nichts nützen.Spaß allein verspricht Stimmenimitator Elmar Brandt mit einem neuen Kanzler-Song. Doch Moment: Wer von uns kennt die Originalstimme von Silvio Berlusconi oder Toni Blair? Auch wenn unser Staatschef als riesiger Pappkopf mitsingt, könnte der Gag ein nationaler bleiben. NDR-Online verspricht dieses Jahr: "Kein Schlager, kein Klamauk" zur Grand Prix Vorentscheidung. Was, wenn nicht Klamauk, ist dann der neue Schröder-Song aus der NDR-eigenen Gerd-Show?Zu hören war an diesem Vorentscheidungsabend im übrigen nichts. Die Lieder der Teilnehmer dürfen nicht vorab gespielt werden. Die Kandidaten kamen. Die Kandidaten gingen. Das war "das Beste für den ganzen Norden".

3. BüchertischBelletristikvon Benedikt ErenzAntonio Porchia: Voces abandonadas / Verlassene Stimmen
zweisprachige Ausgabe, aus dem Spanischen von Juana und Tobias Burghardt
Tropen Verlag, Köln 2002; 133 S., 15,80 Euro
Wird’s nicht einfach haben in unseren Buchläden, dieser Band: die deutsche Übersetzung des zweiten Teils von Porchias Lebenswerk Stimmen (der erste erschien 1999 und wurde auf dieser Seite bereits in der ZEIT Nr. 33/00 verzweifelt bepriesen). Denn was ist das nun? Lyrik? Philosophie? Kunst des Aphorismus? Wo ordnet man das ein? Vielleicht unter: Denkbilder. Oder Kippfiguren: "Der Ernst ist ein Merkmal der Kindheit, das in manchen Menschen fortbesteht." Evidenzblitze: "Es gibt keinen Schmerz, der nicht riefe." Paradoxe. Helle Mystik: "Die Liebe wird aus zwei Lieben geboren und stirbt in einer." Ordnen Sie es unter Weltliteratur ein, lieber Buchhändler. Unter Kanon. Unter: unbedingt! Denn die vielen hundert ein- bis zehnzeiligen Texte, die Porchia Stimmen nannte, sind ganz einfach große Literatur, und wer will, kann in ihnen Wege zu Laotse und Wittgenstein finden, zu Kafka und Novalis und Pascal. Geboren 1886 in Italien, hat Porchia fast sein ganzes Leben in Buenos Aires verbracht, wo er 1968 auch gestorben ist. Ein kleiner Angestellter, dessen Schreiberei niemanden sonderlich interessierte, bis Europa, bis Paris ihn entdeckte. Juana und Tobias Burghardt haben Antonio Porchia jetzt der deutschen Sprache anvertraut - hoffen wir nur, dass seine Leser ihn finden! Encore une journée / Ein weiterer Tag
Anthologie französischsprachiger Gedichte aus Belgien (2. Band)
ausgewählt und übersetzt von Rüdiger Fischer
Verlag im Wald, Rimbach 2002; 205 S., 15 Euro
Der Verlag im Wald in 93485 Rimbach, Doenning 6, ist ein hoch erstaunlicher Verlag, auch das ward schon einmal in diesem Blatt geschrieben, und auch das muss hier einfach noch einmal gesagt werden. Er veröffentlicht Autoren aus Frankreich, die man bei Suhrkamp oder Hanser leider noch nicht zu kennen scheint, zum Beispiel die wundersame Lyrikerin Odile Caradec (Kühe Autos Celli). Jetzt hat der Verlag den zweiten Band einer (natürlich zweisprachigen) Anthologie mit neuer französischer Poesie aus Belgien herausgebracht - und auch hier gibt es wieder eine Fülle erstaunlicher Texte und Autoren zu entdecken... Sachbuchvon Susanne MayerAnna Dünnebier/Ursula Scheu: Die Rebellion ist eine Frau. Anita Augspurg und Lida G. Heymann. Das schillerndste Paar der Frauenbewegung
Vorwort von Alice Schwarzer; Heinrich Hugendubel Verlag, Kreuzlingen 2002; 319 S., 22 Euro
Anita Augspurg, die erste Juristin Deutschlands, und ihre Gefährtin, die Bürgerstochter aus Hamburg-Harvestehude Lida G. Heymann - hier wird, im Detail, eine große politische Liebe beschrieben, die 1943 mit dem Tod der beiden im Schweizer Exil endete. Radikale Demokratinnen waren sie, die in freier Rede Bürgerrechte vertraten, das Recht auf Demonstration, auf weibliche Selbstständigkeit durch Bildung und (ausgeübten) Beruf, und die für Frieden kämpften, natürlich vergeblich. "Erschrecken darüber", notiert Alice Schwarzer in ihrem Vorwort, "wie viel sie verloren haben." Adolf Holl: Brief an die gottlosen Frauen
Paul Zsolnay Verlag, Wien 2002, 207 S., 17,90 Euro
Ein Essay, eine Plauderei, dazu eine einzige Provokation: "Sind Frauen womöglich gar keine religiösen Tiere?", fragt der Wiener Theologe Adolf Holls sich und uns auf jeder dieser erstaunlichen Seiten. Holl, ehemaliger Priester und mit über 70 Jahren noch gern in der Rolle des Schelms, will uns zum Grübeln verführen. Waren Frauen immer nur als Touristinnen in jenen geistigen Tempeln der Herren? Sind sie Zuschauerinnen bei den heiligen Verrichtungen, eben weil die nicht ihre Sache sind? Fehlt es an uns "den mystischen Rosen", weil sie ausgerottet wurden, verbrannt wie einst Jeanne d’Arc? Antworten werden höchstens nahegelegt, en passant, dafür finden sich herrliche Sätze wie: "Ich bin ein Ägypter geblieben, seit ich zum Priester geweiht wurde, vor 45 Jahren." Kurz: Zum noch mal Lesen. Eva Rühmkorf/Ute Vogt: "Wir sind die Besseren". Starke Frauen und Politik.
Ein Gespräch moderiert von Jürgen Leinemann und Horand Knaup, DVA, München 2002, 243 S., 8,90 Euro
Eva Rühmkorf, Deutschlands erste Gleichstellungsfrau, auch Bildungsministerin, einst Marketingexpertin und Gefängnisdirektorin - und Ute Vogt, dreißig Jahre jünger, Senkrechtstarterin bis ins Präsidium der SPD. Keine Liebesgeschichte. Aber ein Herantasten, unter Zeugen, vielleicht deshalb so freundlich. Rühmkorf, bei aller Leidenschaft schon milde geworden, Vogt, zähneknirschend zugebend, dass auch die beste Ich-AG selbst eine der "tollen Frauen" nicht nur nach oben führt. Ach nee.