„Erich wie?“ – „Mühsam. Erich Mühsam.“ Tatsächlich wissen heute Viele mit dem Namen nichts mehr anzufangen. Auch in den Reihen der Buchhandlungen sucht man meist vergeblich nach ihm. Ein Symptom dafür, dass die kulturelle Erinnerungsarbeit – außerhalb einiger kleiner linksintellektueller Kreise – hier jahrzehntelang geschlafen hat. Oder - schlimmer Verdacht - gar schlafen wollte?

Umso wichtiger ist die Ausstellung „Sich fügen heißt lügen“, mit der die Stadt München nun dem Schriftsteller und Anarchisten Erich Mühsam (1878-1934) ein Denkmal setzt. Die von der Lübecker Erich-Mühsam-Gesellschaft übernommene Ausstellung zeigt in bewegenden Zeugnissen und in sehr übersichtlicher Form die Stationen seines Lebens.

So wandern wir entlang der Schautafeln und –kästen von der Kindheit und Jugend des Lübecker Apothekersohnes über seine „Berliner Jahre und Wanderjahre“ zur Zeit der „Schwabinger Bohème“ und dem ersten Weltkrieg, der die revolutionären Ansichten und Aktivitäten Mühsams radikalisiert. Wir erfahren von der zentralen Rolle, die der Anarchist an der Seite von Ernst Toller und Gustav Landauer bei der Revolution von 1918 und der nur kurz bestehenden Münchner Räterepublik gespielt hat. Und von deren Folge – seiner Festungshaft. Die Berliner Jahre zwischen Entlassung 1924 und erneuter Gefangennahme 1933, in denen sich der Freidenker zwar unter Pseudonymen, aber immerhin in unverhohlener Kritik an der Weimarer Republik schriftstellerisch und journalistisch betätigt, erscheinen, am Ende der Ausstellung angekommen, lediglich als retardierendes Moment vor dem grausamen Ende im KZ Oranienburg.

Erich Mühsam hat wohl wie kein anderer für seine Ideale gekämpft. Schon früh rebelliert der Apothekersohn gegen den strengen Vater, der mit Kaiser-Wilhelm-Bart und Rohrstock für Zucht und Ordnung sorgen will. Doch der Sohn entflieht der väterlichen Herrschaft und entscheidet sich für ein Leben als freier Schriftsteller.

1908 siedelt er nach München über, wo er – neben Frank Wedekind, Heinrich Mann, Emmy Hennings und Franziska Gräfin zu Reventlow - eine zentrale Figur der Schwabinger Bohème wird. Im zerknitterten Anzug und mit wildem Haar- und Bartwuchs preist er die Bohème als „Freiheitsdrang, der den Mut findet, gesellschaftliche Bindungen zu durchbrechen und sich Lebensformen zu schaffen, die der eigenen inneren Entwicklung die geringsten Widerstände entgegensetzen.“

Erich Mühsam – der erste Hippie? Sicherlich nimmt er mit seiner radikalen Abkehr von allem, was nach Anpassung und Norm riecht, zentrale Ideen der 68er-Bewegung vorweg. So propagieren er und seine Schwabinger Künstlerfreunde die freie Liebe, lange bevor Rainer Langhans das Licht der Welt erblickte. Aber Mühsam steht für mehr ein als nur für ein ausschweifendes Leben jenseits des Establishments: Immer wieder fordert er öffentlich – und ab 1911 auch in seiner selbst herausgegebenen Zeitschrift „Kain“ mit dem pathetischen Untertitel „Zeitschrift für Menschlichkeit“ - revolutionäre Aktion, Streik und Kriegsdienstverweigerung als Mittel zur „Bekämpfung des Staates in seinen wesentlichen Erscheinungsformen Kapitalismus, Imperialismus, Militarismus, Klassenherrschaft, Zweckjustiz und Unterdrückung in jeder Gestalt“.

Der Ausbruch des Krieges radikalisiert denn auch seinen Kampf gegen alle, die diesen Krieg unterstützen. Dabei attackiert er auch die Sozialdemokratie, der er vorwirft, das „revolutionäre sozialistische Prinzip aufgegeben“ zu haben. Das parlamentarische System führt seiner Ansicht nach immer nur zu falschen Kompromissen. Das geht vielen zu weit, und so findet Mühsam weder unter den Pazifisten noch unter linken Sozialdemokraten genügend Mitstreiter. Daran kann auch seine nach Kriegsende 1918 gegründete „Vereinigung Revolutionärer Internationalisten“ (VRI) nichts ändern, die schon zwei Monate später in der neu gegründeten Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) aufgeht.

Schließlich wird er aufgrund seines wiederholten Kampfes für eine Räterepublik - die in seinen Augen die einzig mögliche Form für die Verwirklichung seiner Ideale darstellt – wegen „Hochverrats“ zu 15 Jahren Festungshaft verurteilt. Dass er davon „nur“ fünf absitzen muss, verdankt sich einer außerordentlichen Ironie des Schicksals: Ausgerechnet sein späterer Henker trägt jetzt zur frühzeitigen Entlassung bei. Im Zuge der Amnestie Adolf Hitlers, der wegen seines Putschversuchs ebenfalls in Haft sitzt, werden auch linke Revolutionäre frei gelassen. Neun Jahre später aber, in der Nacht des Reichstagsbrands, wird er von Hitlers Schergen zusammen mit 4000 anderen „Novemberverbrechern“ verhaftet und schließlich ins KZ gesperrt.

Der während der Haft erschienene Gedichtband „brennende Erde“ macht deutlich, wie sehr Mühsam für eine politische Kunst eintritt, ja, dass dies deren einzige Bestimmung sein soll. Er erklärt denn auch unmissverständlich, dass jene Gedichte „Zeugnis des Geistes“ sein sollen, „der die Kunst nicht aus dem Leben herausheben, sondern dem Leben und seinem besten Teil, der Revolution, dienstbar machen will. Der Zweck heiligt die Kunst! Zweck meiner Kunst ist der gleiche, dem mein Leben gilt: Kampf! Revolution! Gleichheit! Freiheit!“

Das künstlerische Manifest als politisches Programm. Und umgekehrt. Einen Tonio Krögerschen Kunst-Leben-Konflikt kennt Mühsam nicht, denn eine Kunst, die nicht dem Leben dient, verliert für ihn jegliche Daseinsberechtigung.

Das Theater sieht er folgerichtig auch als „agitatorische Anstalt“. Sein Credo: „Der Proletarier soll im Theater keine Symbolik enträtseln und keine Kunstsprache in seine Prosa übersetzen.“ Und das in einer Zeit, in der die Expressionisten gerade mit allen Sprachgewohnheiten brechen, die mit ihrer teils bis zur völligen Abstraktion verdichteten Wortakrobatik einen Abgesang auf alle herkömmlichen Sprachnormen inszenieren!

Aber gerade das ist es, was Mühsam nicht will: Seine Revolution soll nicht in der Sprache stattfinden, sondern in der Tat. Insofern teilt er mit den Expressionisten immerhin die Radikalität im Normbruch. Doch während sich diese in der Literatur gleichsam die revolutionären Hörner abstoßen, ist Mühsam stets daran gelegen, tief in die Wunden der Gesellschaft zu stechen, auf dass es ordentlich wehtue, denn nur so kann man Veränderung bewirken. Dafür nimmt er alles in Kauf: Verleumdung, Verfolgung, Verhaftung …

„Sich fügen heißt lügen“ lautet der Refrain eines seiner Gedichte – es ist sein Lebensrefrain. Noch im KZ, wo Hitlers Gefolgsleute durch monatelange Folter versuchen, seinen Willen zu brechen, rückt er nicht davon ab. Und bezahlt am 10. Juli 1934 mit dem Leben.

In den letzten Zeilen seines Gedichts „Vermächtnis“ beschwört Mühsam die nach ihm Folgenden:

„[... ]
Bald wird vielleicht uns das Henkerbrot
In den Kerker gereicht.
Dann segnet das Blut, das dem Leibe entrinnt!
Es fließt zur Jugend, die Rache sinnt –
Und lehrt sie: Gedächtnis!“

Dies ist den Ausstellungsmachern ohne Zweifel gelungen. Schade nur, dass solches Gedächtnis offenbar erst einen 125. Geburtstag braucht.

Die Ausstellung ist bis zum 17. Oktober 2003 in der Monacensia, dem Literaturarchiv der Stadt München, zu sehen.

Öffnungszeiten:
Mo-Mi 9:00 bis 17:00
Do 10:00 bis 19:00
Fr 9:00 bis 15:00

Ein die Ausstellung begleitender Band mit ausgewählten Texten von Erich Mühsam und einem sehr informativen Vorwort ist entweder vor Ort oder über den Buchhandel erhältlich:

Erich Mühsam. Wir geben nicht auf! Texte und Gedichte.
Hg. von Günther Gerstenberg
edition monacensia im Allitera Verlag 2003
14,90 Euro