Von Mai bis September verwandelt sich Hamburg in eine wahre Fundgrube für Architektur-Interessierte. In Ausstellungen, Vorträgen und Besichtigungstouren geht es um architektonische Themen von der Stadtentwicklung bis hin zu einzelnen Bauwerken. Das Stilwerk, in der Nähe des Fischmarkts in einem historischen Backsteinbau von 1910 untergebracht, zeigt Fotografien von Hanns Joosten. Der 1961 in Haarlem (Niederlande) geborene Fotograf beschäftigt sich seit der Mitte der 90er Jahre mit Landschaftsarchitektur. In der Ausstellung stellt er die Aufnahmen unterschiedlicher Architektur, unter anderem Projekte von Petters Architekten, topotek 1 und O.M.A., einander gegenüber. Die Bilder werden jedoch nicht - wie üblich - in einem Ausstellungsraum präsentiert, sondern hängen im Stilwerk über fünf Stockwerke verteilt an den Geländern des Innenhofs. Wer einen Blick aus der Nähe begehrt, der nimmt am besten den gläsernen Fahrstuhl im Hof, fährt mit ihm an den Bildern vorbei und erhält damit einen ersten Gesamteindruck. Auffällig ist die grafische Wirkung der Fotografien, die aus der geometrischen Formensprache und den intensiven Farbkontrasten besteht.
Auf einer der Fotografien läuft ein schmaler grauer Streifen diagonal über das Bild und teilt die grüne Fläche in zwei Hälften. Drei rostrote Bänder durchkreuzen das Grün auf der einen Seite und erzeugen damit eine strenge Gliederung. Auf der gegenüberliegenden Fläche bewegt sich ein Rasenmähermobil, auf dem ein Mann im Arbeitsanzug seine Bahnen zieht. Durch das unvermittelte Auftauchen menschlicher Existenz wird die abstrakte Bildsprache ironisch gebrochen. Der Betrachter beginnt, die Farbflächen und Linien neu zu ordnen. Erst auf den zweiten Blick wird deutlich, was genau er vor Augen hat: den Ausschnitt einer Gartenanlage, die durch die Aufnahme von oben zweidimensional wirkt. Der graue Streifen ist ein Weg. Die roten Bänder sind Teil des Konzeptes der Gartenarchitektur, die von den Berliner Landschaftsarchitekten topotek 1 zur Landesgartenschau 2002 in Eberswalde errichtet wurde. Wie ein Liniennetz ziehen sie sich über das ehemalige Industriegebiet und kartieren die 17 Hektar große Fläche. © Studio Hanns Joosten, imglueck@hannsjoosten.de Hanns Joosten interessieren die "Mehrdeutigkeiten", die ihm im Spannungsfeld von gebauter künstlicher Anlage und Natur begegnen. Viele seine Bilder vermitteln bei flüchtiger Betrachtung einen nahezu abstrakten Eindruck, der Assoziationen an Farbfeldmalerei hervorruft. Doch baut Joosten in seine Bildausschnitte immer wieder "Störfaktoren" ein, die das grafische Muster unterwandern und damit auf die eigentliche Räumlichkeit der architektonischen Motive hinweisen. Etwa wenn sich auf dem farbigen Linienmuster einer Parkplatzanlage Herbstlaub verteilt und am oberen Bildrand zwei Beine über einen Zebrastreifen gehen. Bei einer Aufnahme, die ein Detail der neuen Fahrradstation von "Petters Architekten" am Dammtor in Hamburg zeigt, sorgen die indirekten Spuren menschlichen Lebens für Spannung. Vor einer Glasfläche, durch die von Außen zarte Farbtöne schimmern, ragen gebogene Metallstäbe in den Bildvordergrund. Erst auf den zweiten Blick sind sie als Fahrradständer zu identifizieren.Hanns Joostens Fotografien wirken als grafische Bilder und weisen dennoch augenzwinkernd auf ihren dreidimensionalen Ursprung hin. Die Hängung im Stilwerk ermöglicht dem Betrachter einen vielschichtigen Blick auf die Arbeiten. Er kann sie isoliert oder etagenweise betrachten und zwischen den Bildern Beziehungen herstellen. Die Architektur des Ausstellungsraums fließt in die Betrachtung mit ein. Die Bilder sind bis zum 17. August in der Ausstellung "ZwischenSchichtenSichten" im stilwerk Hamburg, Große Elbstraße 68, zu sehen.

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