Die Nähe des Todes, bewusst provoziert und sinnlich inszeniert, steigert die Lust am Leben. Der Kampf zwischen Mensch und Stier will die genussvoll hinausgezögerten Sekunden am Abgrund zur Kunst machen, zum Spiel, mitunter sogar zum Spott über die eigene Existenzangst. Francisco de Goya, Spanier bis aufs Blut, hat in seinem graphischen Zyklus "La Tauromaquia" die vielen Momente angehaltenen Atems in spanischen Stierkampfarenen festgehalten: 1816 veröffentlicht, zeigen die 33 Blätter die Geschichte des Stierkampfes aus der Sicht des damals 70-Jährigen. Bis zum 26. Oktober ist die Bilderserie im Hegewisch-Kabinett der Hamburger Kunsthalle zu sehen. Ergänzt wird die Ausstellung durch vier der insgesamt 50 erhaltenen Vorzeichnungen, die der erste Direktor der Kunsthalle, Alfred Lichtwark, 1891 in Berlin erworben hatte. Zwei im Jahre 1825 entstandene Lithographien runden den Zyklus ab. Der Tod in der Arena machte den spanischen Torero Pepe Illo 1801 zum NationalheldenFrancisco Goya - "La Tauromaquia"

Der Künstler führt in seinem Bilderbogen vor, wie der Stierkampf vom adligen Vorrecht zum ausgelassenen Volksfest wurde. Die ersten dreizehn Blätter verfolgen die spanische Tradition von den Stierjagden urzeitlicher Menschen bis hin zu maurischen Stierkämpfen und berühmten mittelalterlichen Persönlichkeiten wie El Cid. Ritter und Könige werden in ihrem Bezug zum Stierkampf dargestellt - so erlegte Karl V. in Valladolid ein Tier. Dem Erfinder des roten Tuches, Francisco Romero, hat Goya ebenfalls ein Blatt gewidmet. Romero legte vor knapp 300 Jahren den Grundstein für das heutige Kampfritual. Er gilt somit als Schlüsselfigur für die Entwicklung des Stierkampfes zum Massenspektakel. Todesmutige Toreros avancierten in der Folgezeit in den Arenen von Madrid und Zaragossa zu Volkshelden. Die letzten Kämpfe berühmter Zeitgenossen hat Goya in seine "Tauromaquia" aufgenommen. Ein Beispiel hierfür sind die Darstellungen des beliebten Torero Pepe Illo, der 1801 während eines Stierkampfes ums Leben kam. Goya fertigte zwei Varianten der Todesszene an, die zweite Version befand sich auf der Rückseite der Original-Radierplatte des veröffentlichten Bildes.

In der ersten Fassung ist der aufgespießte Illo zu sehen, wie er von anderen Stierkämpfern umringt wird. Das zweite Bild zeigt den Torero am Boden, alleine mit dem Stier. Das Publikum ist an den Rand gedrängt, es gibt keine Mitkämpfer. Die meisten Szenen sind durch diesen isolierten Charakter gekennzeichnet. Mensch und Stier sind in den Minuten der Konfrontation allein. Verstärkt wird dieser Spot-Effekt durch die Verfeinerung der Technik der Aquatinta: Helle Partien werden aus bereits angelegten Graustufen nachträglich herauspoliert. Spannungsreiche Lichteffekte können somit zur Heraushebung der Hauptszene in der Bildmitte eingesetzt werden. Das Augenmerk richtet sich unweigerlich auf den kämpfenden Menschen im Angesicht des Todes. Für ihn bedeutet die Auseinandersetzung keinen Wettbewerb, sondern ist Ausdruck seines Willens, sich die Kreatur untertan zu machen. Die düstere und vielschichtige Sicht Goyas auf den menschlichen Charakter, die ihn zu einem der ersten modernen Künstler gemacht hat, spiegelt sich in den Darstellungen der Toreros und Picadores wieder.

Der Stier als Gegenpart zum Menschen erscheint als kraftvolles, bewegliches Tier. Sein Fell, für dessen Farbschattierungen der Spanier mehr als ein Dutzend Ausdrücke, glänzt dunkel. Goya zeigt ihn in Angriffs- oder Abwehrhaltung, getroffen oder bereits am Boden liegend. Der Stier bedeutet an dieser Stelle mehr als der Kampf zwischen Mensch und Kreatur. In der kurz nach den Naopleonischen Kriegen geschaffenen "Tauromaquia" symbolisiert er den vom spanischen Volk geschlagenen französischen Feind. Das Kunstwerk wird somit zum Dokument für Goyas Nationalstolz. Es drückt außerdem seine große Leidenschaft für das Stierkampfspektakel aus. "Allein durch den bloßen Anblick" soll sich dieses dem Zuschauer erklären, wie Goya selbst am 18. Oktober 1816 in spanischen Tageszeitungen ankündigte. Aufforderung genug, die Graphiken mit eigenen Augen zu betrachten.

Noch bis 26. Oktober: Francisco de Goya - "Tauromaquia" oder Die Kunst des Stierkampfs
Hamburger Kunsthalle, Hegewisch-Kabinett
Di bis So 10-18 Uhr, Do 10-21 Uhr
www.hamburger-kunsthalle.de