Am 12. August im Jahre 30 vor Christus nimmt sich die ägyptische Königin Kleopatra, Tochter des Ptolemaios XII., das Leben und besiegelt damit das Ende des pharaonischen Ägyptens. Im Kampf um die Macht im römischen Reich war jede Hoffnung auf einen Sieg perdu: Die entscheidende Seeschlacht bei Actium im Nordwesten Griechenlands war verloren, ihr römischer Mann Marcus Antonius war tot, und der letzte Versuch, durch ein Gespräch mit dem späteren Kaiser Augustus ihre Stellung zu retten, scheiterte. Ihr droht die Schande, auf dem Triumphzug durch Rom vorgeführt zu werden. Als Ausweg wählt sie den Tod und als Todesinstrument die Schlange, das Symbol pharaonischer Macht. Ihr Tod gleicht einer bühnenreifen Selbstinszenierung. In einem Feigenkorb lässt sie das giftige Tier in ihr Zelt schmuggeln; ein Biss in den Arm bringt ihr das erlösende Ende. Den Mythos des Schlangenbisses überliefern antike Autoren wie Plutarch oder Cassius Dio, in deren Werken Kleopatra als eine genusssüchtige Herrscherin und Verführerin dargestellt wird. Hans Makart (1840-1884), Tod der Kleopatra, 1874/75, Leihgabe der Bundesrepublik Deutschland © Staatliche Museen Kassel, Neue Galerie, www.museum-kassel.de

In der Bildenden Kunst tritt das Motiv des Selbstmordes mit der Giftschlange im Zusammenhang mit der Wiederentdeckung antiker Autoren ab dem 15. Jahrhundert auf. Dabei weichen die Künstler zusehends von den literarischen Vorlagen ab. Wird Kleopatra zu Beginn des 15. Jahrhunderts noch züchtig gekleidet und mit der Natter am Arm dargestellt, wie etwa in einer Buchillustration zu Boccaccios` Werk "Vom Glück und Unglück berühmter Männer und Frauen" (1410, Bibliothèque Nationale, Paris), so wandelt sich die bildnerische Wiedergabe im Laufe der Jahrhunderte in eine zusehends erotische Form. Die Schlange beißt nun nicht mehr in den Arm, sondern direkt in den entblößten Busen.

Der Bologneser Künstler Guido Reni (1575-1642) widmete sich dem Thema in mehreren Variationen. In der Gemäldegalerie von Schloss Potsdam in Sanssouci hängt eine um 1626 entstandene Darstellung. Festgehalten ist der Augenblick unmittelbar vor dem Todesbiss. Kleopatra steht vor einem dunklen Hintergrund. Ihre Augen sind flehend nach oben gerichtet. Vor die linke Brust ihres halb entblößten Oberkörpers hält sie fast zärtlich eine kleine Schlange. Sie trägt keinerlei ägyptische Attribute, ihre Kleidung entspricht dem zeitgenössischen Geschmack. Reni geht es nicht um eine Illustration des historischen Ereignisses. Parallel zum "Tod der Kleopatra" entstehen Bildnisse vom "Selbstmord der Lucretia", die in ihrer Komposition nahezu identisch wirken. An die Stelle der Schlange tritt hier jedoch der Dolch. Beide Frauen begingen Selbstmord, ihre Geschichten haben jedoch wenig gemeinsam. Dennoch schaffen Künstler bis in das 17. Jahrhundert immer wieder Doppelbildnisse, in denen es um das Vermitteln der heroischen Dimension der Tat als Beispiel für Tugendhaftigkeit geht.

Das Gemälde Hans Makarts (1840-1884) in der Neuen Galerie in Kassel präsentiert hingegen eine völlig andere Auffassung des Themas. Es entsteht um 1874, eine Zeit, in der das Interesse am Orient wächst. Makart orientiert sich an Shakespears Stück "Anthony and Cleopatra", erschienen Anfang des 17. Jahrhunderts, das die Treue der beiden Dienerinnen Charmion und Iras im Todesmoment schildert. Er inszeniert Kleopatra wie auf einer Bühne vor einer Kulisse aus dunkelrotem Stoff. Sie trägt ägyptischen Kopfschmuck und hält die züngelnde Schlange um ihren linken Arm gewickelt. Kleopatra gilt hier als Verkörperung des geheimnisvoll, exotischen Landes und als betörende "Femme Fatale".

Bis heute hat die Pharaonin nicht an Anziehungskraft verloren, obwohl zeitgenössische Münzbildnisse mit dem Mythos der umwerfenden Schönheit aufräumen. Kleopatra ist dort im Profil und mit kräftiger Nase wiedergegeben. Auch Plutarch schrieb 76 Jahre nach ihrem Tod kritisch, sie sei gar nicht "so unvergleichlich" gewesen, doch in ihrer Art habe sie einen "Stachel" der Verehrung hinterlassen können.

In der bildenden Kunst geht es jedoch nicht um eine authentische Darstellung der historischen Figur. Kleopatra wird zu einer Projektionsfläche für individuelle Bildansprüche: Während bei Reni die Vermittlung ihrer Tugend im Mittelpunkt steht, geht es bei Makart um eine erotische Darstellung. Bilder anderer Künstler präsentieren sie wie eine Schlafende, völlig entblößt vor einer Landschaftskulisse und bedienen vor allem den Voyeurismus der Betrachter. Die Schlange übernimmt hier zugleich eine phallische Symbolik.