In Berlin findet man sich in diesen Tagen zur Internationalen Comicmesse zusammen, um Geschichte, Zukunft und status quo des Genres zu beleuchten. Als Auftakt zur Messe fand am Dienstag im Kinosaal des Martin-Gropius-Bau eine Podiumsdiskussion mit einem Meister statt: Art Spiegelman gab sich hier anlässlich der retrospektiven Ausstellung seines Werkes die Ehre. Im Gespräch mit Jens Balzer, Redakteur der Berliner Zeitung, erläuterte Spiegelman unkompliziert und humorvoll seine Arbeitsweise, seine persönliche Entwicklung und analysierte das Genre. © Covergestaltung von Art Spiegelman zum 11. September

Seitdem Art Spiegelman 1992 als einziger Comic-Zeichner den Pulitzer-Preis für seine Holocaust-Comic-Erzählung Maus erhielt, ist er einer der begehrtesten und meistdiskutierten Zeichner Amerikas. In den zwei Bänden von Maus porträtiert er Juden als Mäuse und Nazis als Katzen. "Hinter diesen Masken können meine Figuren deutlicher ausdrücken, was sonst ungesagt bleiben müsste", erklärte Spiegelman über sein Werk. "Es sind optische Metaphern." Dreizehn Jahre arbeitete Spiegelman an dieser persönlichen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Er ist als Künstler nicht unumstritten: immer wieder haben sich an dem Genre Comic im Zusammenhang mit dem Holocaust, wie auch an Spiegelmans beißenden gesellschaftlichen und politischen Diagnosen, kurz: an seiner Respektlosigkeit und Kompromisslosigkeit die Geister geschieden.

Mit seinen Titelblättern für das Magazin The New Yorker , die Spiegelman zwischen 1993 bis 2003 schuf, setzte er sich ebenfalls heftigen Protesten aus. Es war eine zermürbende Hassliebe zwischen dem Magazin und seinem Illustrator, erzählt Spiegelman in Berlin. Seine visuellen Kommentare haben zu oft spannungsgeladenen öffentlichen Diskussionen über Kultur und Politik der Stadt New York geführt. Dies war schon bei seinem ersten Cover 1993 - einem Kuss zwischen einem orthodoxen Juden und einer Schwarzen - bis hin zum vollkommen schwarzen Titelblatt zum 11. September 2001 der Fall. Die Arbeiten, die er zehn Jahre lang für The New Yorker schuf, sind nun zu einem Buch mit einem einleitenden Essay von Paul Auster zusammengefasst worden: In Küsse aus New York (Zweitausendeins) kommentiert Spiegelman in den Bildunterschriften zu seinen Titeln oftmals ironisch seine Intention.

Er hatte Anfang der Neunziger Jahre mit den Comic-Romanen zum Holocaust aufgehört, weil er sich von der Öffentlichkeit "zu beobachtet" fühlte, und weil er sich nicht in einem Winkel des Lebens gemütlich einrichten, sondern sich weiterentwickeln wollte, erklärt er nun in Berlin. Deswegen gab er nach Maus II - Und hier begann mein Unglück (1992) seine Buchprojekte auf und widmete sich der neuen Aufgabe, den Titelblättern für den New Yorker . Warum hat er 2003 aufgehört, für das Magazin zu zeichnen? "Der 11. September hat mich zum Comic zurückgebracht", sagt Spiegelman. Seine Unzufriedenheit beim New Yorker war unerträglich geworden und die Kompromisse dort für ihn teils unverzeihlich. "Es war eine interessante Arbeit, einmal weil es sich um Einzelbilder handelte, zum anderen weil es eine gute Schule für das Handwerk war, für jede Ausgabe verschiedene Meinungen vereinen zu müssen und sein Werk vor so vielen Redakteuren verteidigen zu müssen. Dann aber kam das großzügige Angebot der ZEIT, wieder Comic-Strips zeichnen zu können - und das ist schließlich doch mein Medium", erzählt Spiegelman. In der ZEIT-Serie "Im Schatten keiner Türme" verarbeitet Art Spiegelman seit einem Jahr den Schock und die Auswirkungen des 11. September in großem Format. "Diese großen Seiten haben mich gereizt. Im Nachhinein habe ich mich manchmal gefragt, warum habe ich nicht eine meiner "commix novels" daraus gemacht, immerhin ist es viel Stoff. Aber vielleicht kommt das ja noch: ein Buch mit nur zehn Seiten, so groß wie DIE ZEIT." Die letzte Folge von "Im Schatten keiner Türme" wird in der zweiten Septemberwoche dieses Jahres in der ZEIT erscheinen.

Wie sieht für Spiegelman die Zukunft des Comics aus? "Wenn der Comic als Genre im 21. Jahrhundert überleben will, muss er sich neu erfinden", lautet Spiegelmans Überzeugung. "Die Entwicklung ist immer die gleiche: Wenn etwas einmal ein Massenmedium war, aber nicht mehr ist - so wie der Comic jetzt - dann muss das Medium zu Kunst werden, oder es stirbt. Der Comic sollte sich jetzt an Akademiker wenden und in Kunstbuchhandlungen angeboten werden, er ist kein Vehikel mehr für Botschaften des Underground und der Jugend - aber er kann sich in neue Sphären begeben, eine neue gesellschaftliche Bedeutung bekommen." Ist der Comic im Internet dafür die Lösung? "Naja," grinst Spiegelman, "ich habe schon immer eine Romanze mit dem Papier gehabt. Der Comic im Internet hat sicherlich interessante Aspekte, zum Beispiel die Möglichkeit von Bewegung, Geräuschen oder nicht-linearen Texten. Aber mich hat an Comics immer die Beschränkung interessiert, gerade die Limitierung des Mediums fasziniert mich, es macht mich kreativ."

Art Spiegelman: ‚Kisses from New York'
Martin-Gropius-Bau Berlin
Niederkirchnerstraße 7 / Ecke Stresemannstr. 110
bis 17. September
www.gropiusbau.de