Wer ist der Mörder?
Im zweiten Roman von Arne Dahl geht es um einen Serientäter, der nach einem grausamen Ritual vorgeht: Er zerfetzt seinen Opfern die Stimmbänder, bevor er sie hinrichtet. Spezialagent Paul Hjelm und seine Kollegen sind ratlos. Wer benutzt eine Foltermethode, die zuletzt im Vietnamkrieg angewandt worden ist? Die Untersuchungen führen Hjelm und seine clevere Kollegin Kerstin Holm nach New York, denn dort wurde sie entwickelt - von Wayne Jennings, einem Ex-CIA-Agenten. Aber der ist angeblich vor Jahren bei einem Unfall ums Leben gekommen ... © Piper Verlag, München 2003

Arne Dahl ist das Pseudonym eines 35jährigen schwedischen Autors, der mit "Misterioso", Paul Hjelms erstem Fall, Publikum und Kritiker auf sich aufmerksam gemacht hat und auf den ersten Plätzen der schwedischen Bestsellerlisten landete.

Verlosung
Mit freundlicher Unterstützung des Piper Verlags verlosen wir fünf Exemplare des Romans "Böses Blut".
Senden Sie uns bis zum 4. September, 12 Uhr mittags, eine eMail, bitte mit Namen und Adresse, an kulturbrief@zeit.de , Stichwort: Krimi .
Die Gewinner werden unter allen Einsendern ausgelost. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Leseprobe

Wortloser Schmerz, dachte er. Jetzt weiß ich, was das ist.
Lernen fürs Leben, dachte er, und das Gelächter, das sein Galgenhumor ihm eingab, war ebenso wortlos. Lernen für den Tod, dachte er, und statt des Gelächters noch ein stummer Schrei.
Als der Schmerz zu einem neuen Angriff ausholte, wußte er mit einer Art kristallener Klarheit, daß er sein letztes Lachen gelacht hatte.
Der Schmerz wurde nicht mehr schlimmer. Mit einem Gefühl, das er noch als eine Mischung von Erleichterung und Entsetzen ausmachen konnte, spürte er, daß die Intensität ihren Höhepunkt erreicht hatte, und begriff, welcher Prozeß jetzt einsetzte.
Die Talfahrt.
Die Schmerzkurve stieg nicht mehr, sie flachte ab, und dahinter ahnte er den steilen Absturz, der unerbittlich wie eine Rutschbahn ins Nichts führte. Oder - und er sträubte sich gegen den Gedanken - zu Gott.
Die Poren seines Körpers waren weit offen, kleine aufgesperrte Münder, die das große Warum brüllten, das er selbst nicht brüllen konnte.
Und dann kamen die Bilder, er hatte gewußt, daß sie kommen würden. Sie hatten schon eingesetzt, als der Schmerz sich in Dimensionen steigerte, die er sich in seiner wildesten Phantasie nicht hätte ausmalen können. Er war verwundert über diese Möglichkeiten, die all die Jahre in ihm verborgen gelegen hatten.
Das gab es also.
Der Mensch trug also ein solches Intensitätspotential in sich.
Während sein ganzes Wesen in immer neuen Kaskaden explodierte, schien der Schmerz sich von den Fingern, dem Geschlecht, dem Hals zu einem Punkt außerhalb seines Körpers zu verlagern. Es wurde irgendwie ein allgemeiner Schmerz, der sich über den Körper erhob und seine - ja, er mußte dieses Wort denken -, seine Seele okkupierte, und bei alledem versuchte er, klar zu denken. Doch da kamen die Bilder.
Zuerst hatte er gekämpft, um den Kontakt mit der Außenwelt zu behalten, und die Außenwelt war da nichts anderes als gigantische Flugzeugrümpfe, die vor der kleinen Fensterluke vorüberschossen - dann und wann glitt auch die schweigende Henkersgestalt mit ihren todbringenden Werkzeugen vorüber. Allmählich vermischten sich die brüllenden Flugzeuge mit den Bildern, und jetzt begannen auch die Flugzeuge sich in schreiende Höllengeister zu verwandeln.
Er hatte keine Kontrolle über die Bilder, wie sie kamen, ihre Reihenfolge, die Struktur. Er sah das unvergeßliche Interieur des Entbindungssaals seines Sohns, aber er selbst war nicht da, sondern hörte sich, während sein Sohn geboren wurde, wie er sich draußen auf der Toilette erbrach. Aber jetzt war er da, und es war schön, geruchsfrei, lautlos. Das Leben ging in Reinheit weiter. Er begrüßte Menschen, die er als große Autoren erkannte. Er glitt durch ahnenreiche Korridore. Er sah, wie er und seine Frau sich liebten, und ihr Gesichtsausdruck war von einer Seligkeit, wie er ihn an ihr noch nie gesehen hatte. Er stand an einem Rednerpult, die Leute applaudierten wild. Neue Korridore, Begegnungen, Sitzungen. Er war im Fernsehen, und bewundernde Blicke flogen ihm zu. Er sah sich mit glühender Leidenschaft schreiben, sah sich Buch auf Buch lesen, Papierstapel auf Papierstapel. Aber wenn die Schmerzpausen kamen und der Flugzeuglärm ihn zurückholte, merkte er, daß er nur sich selbst sah, lesend und schreibend, nie das, was er las und schrieb. Während der kurzen Atempausen fragte er sich, was das bedeutete.
Jetzt begann die Talfahrt, er spürte es deutlich. Wenn die Stiche kamen, erreichten sie ihn nicht mehr. Er entfloh seinem Quälgeist, er würde siegen. Er war sogar in der Lage, ihn anzuspucken, und die einzige Antwort war ein Knirschen und eine leichte Steigerung des Schmerzes. Aus der Dunkelheit kam ein brüllender Drache, und der wurde zu einem Flugzeug, das einen Schleier über einem Fußballfeld zurückließ, auf dem sein Sohn unruhige Blicke zur Seitenlinie warf. Er winkte ihm zu, aber sein Sohn sah ihn nicht, er winkte wilder, schrie lauter, aber sein Sohn sah nur noch resignierter aus, bis er aus Verwirrung oder aus Protest ein Eigentor schoß. Dann die junge Frau am Bücherregal, die bewundernden Blicke. Sie gehen die große Straße entlang, eifrig ihre generationsübergreifende Liebe demonstrierend. Auf der anderen Seite zwei völlig reglose Gestalten, seine Frau und sein Sohn, und er sieht sie, bleibt stehen und gibt ihr einen langen Kuß. Er joggt, trainiert. Die kleine Nadel dringt in die Kopfhaut ein, wieder und wieder, und endlich ist die üppige Mähne wieder am Platz. Sein Mobiltelefon klingelt während der Debatte auf der Buchmesse, neuer Sohn, die Champagnerkorken knallen, und als er nach Hause kommt, sind sie fort. Und wieder liest er, und in einem letzten Bewußtseinsschub denkt er, daß etwas von all dem, was er gelesen und geschrieben hat, vorüberfliegen sollte, doch das einzige, was er sieht, ist er selbst, lesend und schreibend, und in einer letzten glänzenden Klarheit, die ihm das Gefühl eingibt, in Aufrichtigkeit zu sterben, erkennt er, daß nichts von dem, was er gelesen und geschrieben hat, irgend etwas bedeutet. Er hätte ebensogut etwas ganz anderes tun können.
Er denkt an die Drohungen. "Niemand wird deine Schreie hören können." Daran, daß er die Drohungen nicht ernst nahm. Weil er vermutete ... Ein letzter Schmerzschub löscht den letzten Gedankengang aus.
Dann beginnt das Ende. Der Schmerz verebbt. Die Bilder sind jetzt schnell. Als wäre es eilig.
Er geht im Demonstrationszug, der Polizist hebt den Schlagstock über ihm. Er steht im Sommergarten, das Pferd kommt immer rascher auf ihn zu. Eine kleine Blindschleiche gleitet in seine Gummistiefel und windet sich zwischen seinen Zehen. Der Vater schaut zerstreut auf seine Zeichnung der riesigen Schlange. Die Wolken ziehen über der Kante des Verdecks vorbei, und er meint eine Katze zu sehen, die sich da oben bewegt. Süße Milch spritzt über sein Gesicht. Der dicke hellgrüne Strang weist den Weg, und er treibt durch dunkle, fleischige Kanäle.
Dann treibt er nicht mehr.
Irgendwo denkt es: "Was für eine schäbige Art zu sterben."

Paul Hjelm war davon überzeugt, daß es reglose Vormittage gab. Und er war sich ganz sicher, daß dieser Spätsommermorgen ein solcher war. Kein Blatt regte sich in den verkümmerten Grünanlagen des Innenhofs. Und auch in dem Büro, aus dessen Fenster er hinausstarrte, bewegte sich kein Staubkorn. Außerdem waren unterhalb seiner Schädeldecke nur äußerst wenige Gehirnzellen in Bewegung. Mit anderen Worten: Es war ein unbeweglicher Morgen im Polizeipräsidium auf Kungsholmen in Stockholm.
Leider war es auch ein unbewegliches Jahr gewesen. Paul Hjelm gehörte dem Polizeikommando an, das im Vorjahr mit der Ermittlung der sogenannten Machtmorde befaßt gewesen war, als ein Serienmörder zielbewußt die Elite des schwedischen Wirtschaftslebens auszuradieren begann. Weil die Ermittlung ein Erfolg war, wurde die Gruppe in eine ständige Spezialeinheit beim Reichskriminalamt aufgenommen, als eine Kapazitätsreserve für "Gewaltverbrechen von internationalem Charakter", wie die offizielle Formulierung lautete. In der Praxis handelte es sich darum, mit der neuen Form von Kriminalität Schritt zu halten, die die Grenzen Schwedens noch nicht ernstlich erreicht hatte.
Da lag auch das Problem. Das Land war im Laufe des letzten Jahres nicht von weiteren ausgeprägten "Gewaltverbrechen von internationalem Charakter" heimgesucht worden, und deshalb richtete sich immer mehr interne Kritik gegen die Existenz der A-Gruppe. Eigentlich hieß sie nicht A-Gruppe, das war nur der Name, auf den man sich in leichter Panik geeinigt hatte, als die Gruppe vor eineinhalb Jahren von heute auf morgen gebildet worden war. Aus formalen und aus Gründen der Existenzberechtigung hieß die Gruppe jetzt "Spezialeinheit beim Reichskriminalamt für Gewaltverbrechen von internationalem Charakter", und weil die Bezeichnung unmöglich auszusprechen war, ohne daß man anfing zu lachen, benutzte man inoffiziell weiter den Namen A-Gruppe, der an und für sich nicht weniger komisch war, aber zumindest einen gewissen emotionalen Wert hatte. Und man war jetzt auf dem besten Weg, zu den Annalen gelegt zu werden. Relativ beschäftigungslose öffentlich Bedienstete entsprachen kaum der Tonart der Zeit, und die Gruppe wurde ganz allmählich aufgelöst; sie wurde mit diversem Kleinkram behelligt, und ihre Mitglieder wurden hierhin und dahin ausgeliehen. Obwohl ihr formaler Chef Waldemar Mörner, Abteilungsleiter bei der Reichspolizeiführung, wie ein Verrückter schuftete, schien die Saga der A-Gruppe bald zu Ende zu sein.
Was sie brauchten, war ein robuster Serienmörder. Von robustem internationalem Charakter.
Paul Hjelm starrte unbeweglich in den unbeweglichen Morgen, sah ein kleines Blatt, eins der wenigen gelben, zittern und auf den tristen Beton des Innenhofs fallen. Als sei es die Vorwarnung eines Orkans, zuckte er zusammen, und das Zucken brachte ihn wieder zu sich. Er ging hinüber zu einem abblätternden Rasierspiegel an der Wand des anonymen Büroraums und betrachtete das Mal auf seiner Wange.
Während der Jagd nach dem Machtmörder hatte sich auf seiner Backe ein rotes Mal gezeigt, und ein Mensch, der ihm sehr nahestand, hatte gesagt, das Mal sehe aus wie ein Herz. Das war lange her. Sie stand ihm nicht mehr nahe, und die, die es jetzt tat, fand das Mal vor allem eklig.
(c) Piper Verlag, München 2003