Die internationale Expertenrunde war sich schnell einig, daß nichts mehr auszuschließen war. Völlig neue Sicherheitskonzepte mußten her. Trotz ihrer archaischen Moral- und Wertvorstellungen verfügten diese islamistischen Terroristen über einen hohen Organisations- und Bildungsgrad, wie die Vorbereitung und Ausführung des Anschlags auf das World Trade Center bewiesen hatten. Obwohl es letztlich in den Augen der Terroristen ein Fehlschlag gewesen war, hatten sie gezeigt, zu welchen logistischen Leistungen sie fähig waren. Immerhin war es ihnen gelungen, die größte und wirkungsvollste Bombe in der Kriminalgeschichte des FBI zu bauen, was zumindest überdurchschnittliche Kenntnisse in Chemie und Physik voraussetzte, ganz vom Geschick abgesehen, das erforderlich war, eine solche Bombe mitten in New Jersey zusammenzusetzen und nach New York zu transportieren, ohne sich dabei selbst zu gefährden.

Die internationalen Experten hielten es in ihrer Studie auch nicht mehr für abwegig, daß die "Terroristen der Zukunft" in der Lage sein würden, Passagierflugzeuge zu entführen, um sie in ein Ziel wie etwa das Pentagon oder das Weiße Haus zu steuern. Gerade die Regierungsgebäude in Washington waren nach Einschätzung der Experten besonders gefährdet. Sowohl das Weiße Haus als auch das Pentagon liegen direkt an der Einflugschneise des nationalen Ronald-Reagan-Airports. Die Piloten sind bei ihrem Anflug auf den Airport angewiesen, sich am Potomac zu orientieren, der durch Washington fließt. Das Weiße Haus liegt auf der linken Seite des Flusses beziehungsweise der Einflugschneise, das Pentagon auf der rechten. Nach den Überlegungen der Experten wäre es durchaus möglich, daß Selbstmordattentäter kurz vor dem Landeanflug auf Washington eine Passagiermaschine kaperten und diese dann in eines der Regierungsgebäude steuerten. "Zum Weißen Haus links abbiegen", schrieb Cetron handschriftlich in die erste Version ihres Abschlußberichtes, "zum Pentagon rechts". Damit hatte die Runde aus Wissenschaftlern und Nachrichtendienstlern vermutlich noch vor den Terroristen die Idee gehabt, gekaperte Flugzeuge als Bomben zu benutzen.

Im Juni 1994 war die Studie soweit fertig, und die Expertenkommission legte den Regierungsstellen ihren Abschlußbericht vor. Dieser war mit "Terror 2000 - Das künftige Gesicht des Terrorismus" überschrieben und sollte veröffentlicht werden. Die Verantwortlichen von CIA, NSA, FBI wie auch der Katastrophenschutzbehörde FEMA hatten nichts dagegen einzuwenden und wollten die Studie freigeben. Das State Department jedoch intervenierte. Barbara Bodine wollte die Studie auf keinen Fall veröffentlicht haben. Sie befürchtete diplomatische Verwicklungen, weil darin islamische Staaten als Unterstützer des religiösen Terrorismus an den Pranger gestellt wurden. Die resolut auftretende Diplomatin galt nicht nur im Außenministerium als exzellente Kennerin der arabischen Welt. Zudem war sie im diplomatischen Corps so etwas wie eine Heldin. Nach dem Überfall auf Kuwait durch Truppen des irakischen Diktators Saddam Hussein hatte sie so lange in der dortigen US-Botschaft ausgeharrt, bis alle Amerikaner evakuiert worden waren.

Die Thesen der Studie hielt Bodine für abwegig, besonders die Ausführungen zum "religiösen Terrorismus", wonach zunehmende Gefahr von der arabischen Welt ausginge und weshalb schnellstens Lösungsvorschläge eingefordert wurden. "Man kann nicht eine Lösung für eine Krise suchen, die es noch gar nicht gibt", sagte Bodine dazu.69 Der Karrierediplomatin gelang es schließlich, die Veröffentlichung des Abschlußberichts zu verhindern. Die Studie "Terror 2000" bekam den Stempel "VS - Nur für den Dienstgebrauch" und verschwand in den Archivtresoren der Regierungsbehörden.
(c) Aufbau-Verlag, Berlin 2003, S. 72-75

Oliver Schröm, Dirk Laabs: Tödliche Fehler
Das Versagen von Politik und Geheimsdiensten im Umfeld des 11. September
Aufbau-Verlag, Berlin 2003, 256 S., 18 Abb., geb., 19,90 Euro

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