Berlin steht am Abgrund. Die Hauptstadt ist pleite und wird kaputtgespart, Finanzsenator Sarrazin teilt mit seinem Säbel furchterregende Kürzungs-Hiebe aus. Die Krise hat jedoch den Vorteil, dass sich gut über sie berichten lässt, nach dem Motto: Nur wo Krise draufsteht, ist Berlin drin. So verwundert es nicht, dass diverse Hauptstadtpublikationen im "Art Forum" eine typisch berlinerische Veranstaltung sehen. An der internationalen Messe für Gegenwartskunst nehmen rund ein Drittel Galerien weniger teil als noch im Vorjahr, und einige wichtige Berliner Galeristen sind nicht mehr dabei. Die Kauflust schwindet, im Beirat gibt es Streit, das Messe-Gelände ist nicht der beste Austragungsort, in London wird bald die Kunstmesse "Frieze" eröffnet, was für zusätzliche Konkurrenz sorgt... alles Zutaten für eine hübsche Berliner Krisen-Veranstaltung. Maike Abetz und Oliver Drescher: This is tomorrow (2002), Acryl auf Leinwand

"Art Forum"-Leiterin Sabrina van der Ley hält in Interviews tapfer die Fahne hoch und in den auffrischenden Kunstherbst-Wind. Immerhin, 25 langjährige Berliner Aussteller sind wieder dabei. Beispielsweise die Galerie Volker Diehl mit Fotos des chinesischen Aktionskünstler Zhang Huan sowie dem Berliner Künstlerpaar Maike Abetz und Oliver Drescher. Letztere erregten 1996/97 mit ihrer Ausstellung "Up against it" Aufsehen, in der sie Gemälde, Aquarelle und Plattencover auf einer Op-Art-Tapete zur Rauminstallation kombinierten. Abetz und Drescher gehören zur ersten Fernsehgeneration; ihre Bilder sind von Kultfiguren wie Curtis Mayfield, David Bowie oder den Beatles bevölkert, selbst der langhaarige Dürer wird zum Rockstar.

Der "Kunstherbst 03" möchte allerdings auch den weniger bekannten Berliner Künstlern zu Geltung verhelfen. Mit Rundgängen durch die Galerien in Berlin-Mitte sollen ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen dokumentiert werden. Am 19. und 20. September luden die Veranstalter zum Rundgang durch die Galerien nördlich der Torstraße in Berlin-Mitte. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Ausstellungen, Talks und sogenannte "Kunstherbstspecials", beispielsweise die Kunstsammlung des Deutschen Bundestages. Zu den Highlights zählt die Ausstellung "Berlin-Moskau/Moskau-Berlin 1950-2000" im Martin-Gropius-Bau mit über 500 Exponaten. Erörtert werden hier die künstlerischen Beziehungen zwischen Deutschland und der Sowjetunion beziehungsweise Russland.

Während "Moskau-Berlin" finanzielle Unterstützung vom Bund erhält, sind andere Berliner Ausstellungen auf die Gunst der Stadt angewiesen. Und das bedeutet dann wieder: Krise. Für das Haus Schwarzenberg ist der Herbst Schicksals-Jahreszeit - und der Kunstherbst vielleicht die Rettung. Das Künstlerhaus am Hackeschen Markt ist - im Moment noch - eine feste Adresse der Berliner Kulturlandschaft. 1995 zu günstigen Konditionen von der Wohnungsbaugesellschaft Mitte an eine Künstlertruppe vermietet, haben sich dort zwei Dutzend Projekte angesiedelt - vom Künstleratelier zum Programmkino, von der Gedenkstätte zum Zentrum für Jugendarbeit, von der Bar zum Netart-Projekt. Der Verein Schwarzenberg trägt das Haus autonom, benötigt keine Subventionen, doch nun droht die Zwangsversteigerung. Im Falle des Verkaufs würde das Haus wohl ähnlich den Hackeschen Höfen umgestaltet - für die Künstler wäre zwischen Gastronomie und Einzelhandel nicht mehr viel Platz. Im April scheiterte mangels Geboten eine erste Versteigerung des Objektes, am 4. November kommt es zum neuerlichen Showdown. Eine Veranstaltungsreihe mit Vernissagen und Konzert soll zum Erhalt der Einrichtung beitragen. Auftaktveranstaltung ist die Kunstauktion in der Galerie Neurotitan vom 25. bis 28. September.

Internet:

Haus Schwarzenberg
Galerie Volker Diehl
Art Forum
Kunstherbst 03
Ausstellung "Berlin-Moskau/Moskau-Berlin 1950-2000" (siehe auch Ausstellungs-Tipp)