Die Stadt Theben wird von der Pest heimgesucht. Ausgemergelte, von Würmern zerfressende Leiber winden sich im Sand. In ihrer Verzweiflung wenden sich die Bewohner an ihren Herrscher Ödipus (Sven Lehmann). Dieser sitzt im Schlafanzug in einer dunklen schwarzen Kammer (Bühne: Karl Kneidl). Das Elend und die Klagen seiner Untertanen werden ihm als Filmsequenzen auf zwei rechteckige Türme projiziert, was zu einer eigenartigen Distanz zwischen ihm und seinem Volk führt.

Diese schläfrige Trantüte soll der Held sein, der das Rätsel der Sphinx löste und dadurch die Stadt aus deren Umklammerung befreite? Man nimmt ihm nicht ab, dass er der verantwortungsbewusste Herrscher ist, der das Schicksal seines Volkes entschlossen in die Hand nimmt und sie vor der Pest errettet, indem er den Mord an König Laios aufklärt. Dafür ist er viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt - einer der zentralen Fehler der Inszenierung.

Ödipus ist ein Durchschnittstyp, der unmöglich den tragischen Sturz vom umjubelten Retter der Stadt zum einsamen von der Gesellschaft ausgeschlossenem Subjekt verkörpern kann. Neuenfels ist das egal, weil ihn anscheinend nur die psychoanalytische Seite des Dramas interessiert. In einer filmischen Rückblende, die den Mord an Laios zeigt, liefert der Regisseur auch gleich eine neue Erklärung für den Vatermord. Der hier als homosexuell dargestellte Laios wird vom eigenen Sohn nicht im Streit um das Wegerecht erschlagen, sondern weil er den nur mit einem Lendenschurz bekleideten Ödipus entblößt und begehrt. Ob dadurch das Verbrechen gerechtfertigt ist, bleibt offen.

Überhaupt erweist sich die szenische Darstellung des Laios-Mordes als problematisch. Offenbar hat Neuenfels kein Vertrauen in die Macht des Wortes. Dabei beruht die Faszination, die von diesem Stück ausgeht, darauf, dass die Geschichte erst nach und nach durch Frage und Antwort, Entdeckung und Erforschung ans Licht kommt. Dieser Effekt wird leider durch die Macht der Bilder erschlagen, die auch der Grund für fehlende schauspielerische Glanzpunkte sind.
Sven Lehmann bleibt als Ödipus eher blass. Elisabeth Trissenaar (Iokaste) stammelt sich an einigen Stellen unnötig verkrampft durch ihren Text, während Margit Bendokat (eine Amme) zeigt, dass das einfache Volk im antiken Theben offenbar stark berlinert hat. Einzig Ingo Hülsmann sticht als kühler, majestätischer Kreon etwas heraus.

Ihn lässt Neuenfels in seinem neuen Schluss sagen: "Jeder Schmerz hat seine Grenzen!" Recht hat er, aber die Schmerzgrenze des Publikums war zu diesem Zeitpunkt, nach knappen drei Stunden, längst überschritten.

Deutsches Theater Berlin
Termine: 3., 8., 15. November, jeweils 20 Uhr

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