Russische Literatur? Nach wie vor denkt man dabei hierzulande vor allem an Klassiker von Tolstoi und Dostojewski. Die gesamte Moderne des 20. Jahrhunderts wird in der westlichen Rezeption überwiegend vergessen und die typische Rezension eines modernen russischen Werkes beginnt seit den letzten dreißig Jahren in etwa so: "Russische Literatur kennen wir als ernsthaft und schwer verdaubar, aber das folgende Werk beweist: Es gibt etwas neues", wie der russische Literaturprofessor Boris Groys festgestellt hat. Doch das Neue ist bisher im westlichen Bewusstsein nicht angekommen.

Der Russland-Schwerpunkt auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse bot nun Anlass, die neue russische Literatur endlich ausführlich zu erkunden und der interessierten Öffentlichkeit bekannt zu machen. Jedes größere Feuilleton, diverse Kulturformate stürzten sich auf das neue Russland, und die Buchmesse eignete sich bestens, die verschiedenen Niveaus des Austausches zu spiegeln: Mediengerechte Interviews, langatmige theoretische Diskussionen und erlesene Buchvorstellungen in abgelegenen Konferenzräumen laufen hier traditionell selbstverständlich nebeneinander. Das passt gut zum heutigen Russland, von dem wir inzwischen wissen: Ein einheitliches Bild gibt es heute weniger denn je, es herrscht Chaos in der kulturellen Aufbruchsstimmung.

Ein in Deutschland beliebter Vorzeige-Russe ist der Autor Wladimir Kaminer, bekannt geworden durch seinen Bestseller Russendisko . Der wurde auf der diesjährigen Buchmesse auch fleißig befragt und gab erwartungsgemäß lustige Antworten mit typisch russisch-schwerem Timbre. Gibt es zum Beispiel in Russland auch eine umstrittene Ostalgie-Tendenz? Nein, Kaminers Landsleute hätten da eindeutig Position bezogen: "Es war alles schlecht, alles. Es ist noch immer schlecht und wird auch schlecht bleiben", beschreibt er die russische Befindlichkeit. An Klischees à la "in Russland ist es immer kalt und alle trinken Wodka" ist Kaminer gewöhnt und er verstärkt sie gerne, denn: Etwas Wahres sei dran, und vor allem machten sie das Leben lustiger. Aber wie ist es wirklich, das gegenwärtige russische Lebensgefühl?

Sigrid Löffler, prominente Herausgeberin der renommierten Literaturzeitschrift Literaturen , berichtet, dass der Russland-Schwerpunkt der Septemberausgabe für die Redaktion das "größte denkbare Abenteuer" war, denn auch hier wusste man fast nichts über russische Literatur nach Tolstoi und Tschechow. Beratung und Hilfe gaben Übersetzer, Lektoren und andere Kenner. Das neue Russland habe sich als "literarische Offenbarung" herausgestellt, aber ein eindeutiger Mainstream sei nicht festzumachen. Denn seit den Reformbewegungen Glasnost und Perestrojka gilt in der russischen Literaturszene das Credo: Alles geht! In der Sowjetunion totgeschwiegene Klassiker wie Nabokovs Werke finden hier ebenso neuen Ruhm wie früher unterdrückte Autoren, aber auch westlich orientierte Popkultur triumphiert auf der fragilen neuen Bühne. Es gibt keine political correctness und wohin die Reise geht, kann niemand abschätzen. Ein übergreifendes Selbst- und Leitbild ist noch nicht gefunden und vielleicht auch nicht mehr möglich - zumindest darin ähnelt das heutige Russland den westlichen Nachbarn.

Die russisch-deutsche Vermittlung gelang auf der Buchmesse allerdings nicht immer ungestört, wie sich schon an ganz banalen Details zeigte: Viele der Präsentationen waren schlecht gedolmetscht und manche Diskussion litt an Sprachbarrieren. Aber auch das Selbstverständnis stellte sich manchmal als gegensätzlich heraus: Im Westen ist man an spannungs- und abwechslungsreiche Vermittlungsformen gewöhnt - die Russen zeigen sich dagegen klischeegemäß oft steifer, langatmiger und theoretischer. Ein übergreifendes Motiv der Begegnung wurde allerdings schnell deutlich: Was wissen wir voneinander, was denken wir übereinander und wie könnte die zukünftige kulturelle Beziehung mit Russland aussehen? Beide Länder stehen sich erwartungsvoll gegenüber.

Von der geschichtlichen Kulturbeziehung Russlands und Deutschlands ist heute allgemein nicht viel bekannt. Für deren Erforschung ist inzwischen ein Meilenstein erreicht worden: Das Lebenswerk des russischen Geisteswissenschaftlers Lew Kopelew, die "West-östlichen Spiegelungen". Ein zehnbändiges, von Kopelew herausgegebenes Werk, das die kulturelle Beziehungsgeschichte Deutschlands und Russlands über die letzten 1000 Jahre dokumentiert und nun posthum beendet wird. Die ersten acht Bände sind bereits im Wilhelm Fink Verlag erschienen, ebenso eine zweibändige Auswahl, die auch für Studenten erschwinglich sein soll. "Zauber und Abwehr" und "Traum und Trauma" bieten einen einmaligen Streifzug durch die Geschichte der russisch-deutschen Beziehungen bis ins 20. Jahrhundert.

Der Russland-Schwerpunkt der Buchmesse hat einen Weg aufgetan, dem neuen Russland auf die Spur zu kommen. Zur weiteren Information seien drei aktuelle Publikationen empfohlen: die Septemberausgabe von Literaturen , das Spezialheft des Berliner Wostok Verlags mit dem Titel "Literatur- und Buchhandelslandschaft - russische Innenansichten" und die zwar lückenhafte, dennoch reichhaltige Bibliografie der Bücherausstellung internationaler Titel zu Russland: "Books on Russia", herausgegeben vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels . An übersetzter russischer Gegenwartsliteratur ist derzeit kein Mangel - rund 200 Titel sind allein im Verlauf des letzten Jahres übersetzt worden.
Der Weg einer neuen westlichen Rezeption ist geebnet, auf deren Nachhaltigkeit ist zu hoffen.