Der Mann gilt manchen zu Recht als einer der besten Pianisten der Gegenwart, beim Lucerne Festival wurde er als moderner Rachmaninow gepriesen. Mehr als zwanzig CDs hat der 1963 in Sibirien geborene Konstantin Scherbakow eingespielt. Und was er anpackt, gelingt in aller Regel brillant, seien es Beethovens Diabelli-Variationen, Schuberts Wanderer-Fantasie, Beethoven-Sinfonien in den sü ndhaft schweren Transkriptionen Franz Liszts, die Klavierwerke des Supervirtuosen Leopold Godowsky, die er atemberaubend auf fünf CDs rehabilitierte, Klavierkonzerte von Skrjabin und Nikolai Medtner, Etüden von Liapunow oder auch die Klaviermusik Respighis. Scherbakows stupende Virtuosität bleibt dabei stets leise, unauffällig, sachbezogen. Vielleicht ist er deshalb für das breite Publikum bis heute kein wirklicher Star. Nur Insider geraten ins Schwärmen, wenn sein Name fällt.

Als er 1990 beim Kammermusik-Festival in Asolo an vier Abenden alles spielte, was Sergej Rachmaninow je für Soloklavier komponierte, war nicht nur sein großer Kollege Swjatoslaw Richter beeindruckt. Wer damals nicht dabei war, kann Scherbakows fulminantes, unsentimentales Rachmaninow-Spiel jetzt in den Chopin-Variationen und der "Zweiten Sonate op. 36" erleben (Naxos 8.554669). Möglich, dass Richter sich an seine eigenen Anfänge erinnert fühlte, setzt Scherbakow doch jene große Tradition russischen Klavierspiels fort, die Richter mit verkörperte: Er ging durch die knallharte Schule des Moskauer Konservatoriums, wurde von Lev Naoumov ausgebildet, einem der Siegelbewahrer des legendären Heinrich Neuhaus. Der unterrichtete neben Gilels, Radu Lupu und anderen großen Russen eben auch Richter.

Im vergangenen Jahr legte Scherbakow mit seiner Deutung der 24 Präludien und Fugen von Dmitrij Schostakowitsch die moderne Referenz-Einspielung des monumentalen, an Bach orientierten Zyklus’ aus dem Jahr 1951 vor (Naxos 8.554745), ein Wunder an struktureller Durchdringung und überwältigender Kantabilität. Scherbakows zweite Schostakowitsch-Veröffentlichung, den Werken der zwanziger und frühen dreißiger Jahre gewidmet, setzt diesen Ansatz fort: Die "24 Präludien op. 34" spielt er mit unfehlbarem Gespür für ihr undurchschaubares Changieren zwischen Sarkasmus, Pathos und Traumverlorenheit, die wüste erste "Klaviersonate op. 12" erbarmungslos in ihrer perkussiven Härte, die an Webern orientierten "Aphorismen op. 13" bei aller klanglichen Raffinesse als groteske Maskentänze. In diesen 66 Minuten lernt man – fast – den ganzen Schostakowitsch kennen (Naxos 8.555781).