Inhalt
Der bretonische Seemann Joss Le Guern, kürzlich aus dem Gefängnis entlassen, steht an einer Pariser Metrostation und verliest Lokalnachrichten, zweimal am Tag, für 5 Francs das Stück. Zu dieser Tätigkeit inspiriert hat ihn sein Urahn, "Ausrufer" im Zweiten Kaiserreich, der ihm im Traum erschien. Immer öfter finden sich unter Joss' Nachrichten Texte in einem sehr alten Französisch, die von kleinem Getier berichten, das auf die Erde zurückkehren und Schrecken und Fäulnis über die Menschheit bringen werde. Eines Morgens wird eine Leiche entdeckt, mit Flohbissen übersät und schwarz. Ein Pesttoter? Panik erfasst die Pariser Bevölkerung, denn die Flöhe kamen mit der Post. Ein zweiter Toter taucht auf.
Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg stellt bald fest, dass die Opfer nicht an der Pest starben, sondern erdrosselt wurden. Haben die immer bedrohlicheren Meldungen des Bretonen etwas mit den Morden zu tun? Oder die seitenverkehrt geschriebenen Ziffern, die immer öfter auf Wohnungstüren im 18. Arrondissement erscheinen? Schon liegt der dritte Tote auf dem Pflaster, schwarz. © Aufbau Verlag

Die von der ZEIT als "beste Kriminalschriftstellerin in Frankreich" bezeichnete Fred Vargas, im Hauptberuf Archäologin, lebt in Paris. Ihre erfolgreichen Krimis schreibt sie fast ausschließlich im Urlaub.

Verlosung
Mit freundlicher Unterstützung des Aufbau Verlags verlosen wir drei Exemplare dieses Buchs. Senden Sie uns bis zum 30. Oktober, 12 Uhr mittags, eine eMail, bitte mit Namen und Adresse, an kulturbrief@zeit.de , Stichwort: Vargas
Die Gewinner werden unter allen Einsendern ausgelost. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Leseprobe
"Ich frage mich", fuhr Adamsberg fort, während er langsam mit der Hand über den feuchten Putz fuhr, "ob mit uns dasselbe passieren kann wie mit den Felsen am Ufer des Meeres."
"Das heißt?" fragte Danglard ein wenig ungeduldig.
Adamsberg hatte schon immer langsam geredet und sich viel Zeit genommen, Wichtiges wie auch Lächerliches zu formulieren, wobei er unterwegs das Ziel bisweilen aus den Augen verlor, und Danglard ertrug diese Vorgehensweise nur schwer.
"Nun, sagen wir, diese Felsen sind nicht aus einem Stück. Sagen wir, sie bestehen aus hartem Kalkstein und sanftem Kalkstein."
"Sanften Kalkstein gibt es in der Geologie nicht."
"Schnurzegal, Danglard. Es gibt sanfte, und es gibt harte Stücke, wie in jeder Lebensform, wie in mir und in Ihnen. So sind diese Felsen. Und in dem Maße, wie das Meer dagegen brandet und schlägt, beginnen die sanften Stücke zu schmelzen."
"'Schmelzen' ist nicht das richtige Wort."
"Schnurzegal, Danglard. Diese Stücke verschwinden. Die harten Teile bilden allmählich einen Vorsprung. Und je mehr Zeit vergeht und je mehr das Meer daranstößt, desto stärker entschwindet das Schwache in alle Richtungen. Am Ende seines Menschenlebens besteht der Fels nur noch aus Zacken, Zähnen, aus Kalkkiefer, der bereit ist zuzubeißen. Wo vorher das Sanfte war, befinden sich jetzt Hohlräume, Leerstellen, Freiräume."
"Und?" fragte Danglard.
"Ich frage mich, ob Bullen und alle anderen Menschen, die der Brandung des Lebens ausgesetzt sind, nicht derselben Erosion unterliegen. Verschwinden der weichen Teile, Widerstand der hartnäckigen Teile, Desensibilisierung, Verhärtung. Im Grunde genommen ein wahrer Verfall."
"Fragen Sie sich, ob Sie den Weg dieses Kalkkiefers gehen?"
"Ja. Ob ich nicht zum Bullen werde."
Danglard dachte einen Augenblick nach.
"Was Ihren persönlichen Felsen angeht, so denke ich, daß die Erosion nicht normal verläuft. Sagen wir, bei Ihnen ist das Harte weich und das Weiche hart. Da ist das Ergebnis zwangsläufig ein völlig anderes."
"Was ändert das?"
"Alles. Resistenz der weichen Teile bedeutet verkehrte Welt."
Danglard dachte über seinen eigenen Fall nach, während er ein Bündel Papiere in eines der Hängeregister steckte.
"Und was käme heraus", fuhr er dann fort, "wenn ein Felsen vollständig aus weichem Kalk bestünde? Und Bulle wäre?"
"Am Ende würde er auf die Größe einer Murmel schrumpfen und schließlich mit Mann und Maus untergehen."
"Das ist ja ermutigend."
"Aber ich glaube nicht, daß in der Natur solche Felsen vorkommen. Die außerdem noch Bullen sind."
"Das wäre zu hoffen", sagte Danglard.
Die junge Frau vor der Tür des Kommissariats zögerte. Also, auf dem glänzenden Schild, das am Türflügel angebracht war, stand nicht "Kommissariat", sondern "Polizeipräfektur - Strafverfolgungsbrigade" in lackierten Buchstaben. Es war das einzig Saubere hier. Das Gebäude war alt und schwarz und die Scheiben dreckig. Vier Arbeiter waren damit beschäftigt, unter Höllenlärm um die Fenster herum Löcher in den Stein zu bohren und Gitterstäbe anzubringen. Maryse schloß daraus, daß das hier - ob nun Kommissariat oder Brigade - auf jeden Fall Bullen waren, und sie waren erheblich näher als die an der Avenue. Sie machte einen Schritt in Richtung Tür, dann zögerte sie erneut. Paul hatte sie gewarnt, kein Bulle würde sie ernst nehmen. Aber sie machte sich Sorgen, wegen der Kinder. Was kostete es sie schon, hineinzugehen? Fünf Minuten. Die Zeit, es zu sagen und wieder zu verschwinden.
"Kein Bulle wird dich ernst nehmen, meine arme Maryse. Wenn du das willst, geh."
Ein Mann kam aus der Toreinfahrt, ging an ihr vorbei und kam dann zurück. Sie nestelte an ihrer Handtasche.
"Stimmt was nicht?" fragte der Mann.
Es war ein kleiner, braunhaariger Mann, nachlässig gekleidet, nicht mal gekämmt, die Ärmel seiner schwarzen Jacke über die bloßen Unterarme hochgeschoben. Sicher jemand, der wie sie irgendwelche Probleme loswerden wollte. Aber er hatte es schon hinter sich.
"Sind die nett da drin?" fragte Maryse ihn.
Der braunhaarige Mann zuckte mit den Schultern.
"Je nachdem."
"Hören sie einem zu?" präzisierte Maryse.
"Das kommt drauf an, was Sie ihnen zu sagen haben."
"Mein Neffe glaubt, daß mich keiner ernst nehmen wird."
Der Typ legte den Kopf zur Seite und sah sie aufmerksam an.
"Worum geht es denn?"
"Um das Haus, in dem ich wohne, neulich nacht. Ich mach mir Sorgen wegen der Kinder. Wenn neulich abend ein Verrückter reingekommen ist, wer sagt mir, daß er nicht wiederkommt? Oder was?"
Maryse biß sich auf die Lippe, ihre Stirn war leicht gerötet.
"Das ist hier die Abteilung Kapitalverbrechen", sagte der Mann behutsam und zeigte auf das verdreckte Gebäude. "Da geht's um Morde, verstehen Sie. Wenn jemand umgebracht wurde."
"Oh!" rief Maryse verschreckt.
"Gehen Sie in das Kommissariat an der Avenue. Mittags ist es da ruhiger, die werden sich die Zeit nehmen, Ihnen zuzuhören."
"O nein", erwiderte Maryse und schüttelte den Kopf. "Ich muß um zwei im Büro sein, mein Chef ist unerbittlich, wenn man zu spät kommt. Können die hier nicht ihre Kollegen an der Avenue benachrichtigen? Ich meine, sind diese Polizisten nicht alle irgendwie gleich?" , "Nicht ganz", antwortete der Typ. "Was ist passiert? Ein Einbruch?"
"O nein."
"Gewalt?"
"O nein."
"Erzählen Sie einfach, dann kann man Ihnen einen Rat geben."
"Natürlich", sagte Maryse, die leicht in Panik geriet.
An die Motorhaube eines Autos gelehnt, wartete der Typ geduldig darauf, daß Maryse sich konzentrierte.
"Es ist mit schwarzer Farbe gemalt", erklärte sie. "Besser gesagt, dreizehnmal mit schwarzer Farbe gemalt, auf allen Türen des Gebäudes. Das macht mir Angst. Ich bin immer allein mit den Kindern, verstehen Sie."
"Sind es Bilder?"
"Nein. Vieren. Also die Ziffer 4. Große schwarze Vieren, ein bißchen altmodisch. Ich hab mich gefragt, ob das nicht eine Bande ist oder so was. Vielleicht weiß die Polizei es, vielleicht verstehen die das. Vielleicht auch nicht. Paul hat gesagt, wenn du willst, daß die Bullen dich nicht ernst nehmen, dann geh."
Der Mann richtete sich auf und legte eine Hand auf ihren Arm.
"Kommen Sie", sagte er. "Wir werden das alles aufschreiben, und dann gibt's nichts mehr zu befürchten."
"Aber war's denn nicht besser, einen Bullen dafür zu finden?" wandte Maryse ein.
Der Mann sah sie einen Moment etwas überrascht an.
"Ich bin Bulle", antwortete er. "Hauptkommissar Jean-Baptiste Adamsberg."
"Oh", sagte Maryse verunsichert. "Das tut mir leid."
© Aufbau-Verlag GmbH, Berlin 2003

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