Belletristik

Von Iris Radisch

Marina Tarkowskaja: Splitter des Spiegels. Die Familie des Andrej Tarkowski
a. d. Russ. von Martina Mrochen; edition ebersbach, Berlin 2003; 154 S., 16,– Euro
Als der spätere weltberühmte Filmregisseur Andrej Tarkowski eine Schwester bekam, zeigte die Mutter dieser nie, wie sie sich um sie sorgte, und liebkoste sie kaum, um die Eifersucht des großen Bruders nicht zu wecken. Dennoch hat die kleine Schwester, die inzwischen eine Moskauer Publizistin geworden ist, eine poetische Biografie der Familie Tarkowski verfasst, die sich wie ein Roman liest. Mehr als die Chronologie der Ereignisse zählen die Bilder der Erinnerung, die Treppe im Haus der Kindheit, die dicken Wintermäntel aus Watteline, die Sommertage auf dem Land. Das Herz der Tochter gehört der Mutter, die der Vater früh für eine andere verlassen hat. Den Vater, den Dichter Arseni Tarkowski, habe die Mutter dann manchmal noch im Kaufladen getroffen, wo er Törtchen für seine neue Frau gekauft habe. Von ihrem Bruder schreibt sie, er habe ihrer Liebe kaum bedurft: „Er lebte sein eigenes Leben – flog unmittelbar ins Feuer und verbrannte.“
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Alexander Nitzberg (Hrsg.): Selbstmörder-Zirkus. Russische Gedichte der Moderne
a. d. Russ. v. Alexander Nitzberg; Reclam Verlag, Leipzig 2003; 191 S., 8,90 Euro
Von den 43 russischen Dichtern dieser Anthologie haben 14 Selbstmord begangen, drei haben es versucht, und zwei haben andere zum Selbstmord angestiftet. Der Suizid, schreibt der Herausgeber, sei ein wesentlicher Teil des dichterischen Lebens in Russland. Und die Gedichte, die er ausgewählt hat, geben ihm Recht: Überall wird über den Lebensüberdruss geschrieben, in Russland hat man ihn.
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Sachbuch

Von Benedikt Erenz

Detlef Lorenz: Künstlerspuren in Berlin vom Barock bis heute – ein Führer zu Wohn-, Wirkungs- und Gedenkstätten
Reimer Verlag, Berlin 2003; 505 S., Abb., 39,– Euro
Gewiss, gewiss, eine europäische Kunstmetropole wie Rom oder Paris ist Berlin nun wirklich nie gewesen, und auch als Orte teutschen Kunstwollens fallen einem, von Wien einmal abgesehen, eher die Rhein- und die Mainlande ein, eher Dresden und München. Und doch, wer sich Detlef Lorenz anvertraut, der wird staunen. Denn dem Autor ist ein grandioses Kompendium gelungen – alphabetisch nach Straßen geordnet und durch mehrere Register rasch zu erschließen –, bei dessen Lektüre sich die ganze Stadt, von der Adalbertstraße 65 (Gustav Grohe) bis zur Zossener Straße 60a (Ludwig Sütterlin, der Schriftmeister), in ein einziges riesiges Atelier verwandelt.
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