Es sind immer die gleichen Gesichter. Uwe kennt seine Leute, alles Stammkunden. Nur gestern, da kam dieser Vogel Schill hier vorbei, der mal "Senator" war, direkt aus dem Rathaus, und Uwe hat ihm gesagt: "Tach Herr Schill, wie wär's mit Harry Potter?" Und da sagt der Schill, er habe kein Geld.

Uwe steht jeden Tag in der Passage unter dem Hamburger Rathausmarkt, vor dem Kiosk. Hier holt er sich ab und zu einen Kaffee oder Zigaretten, während er die Obdachlosenzeitung Hinz&Kunzt verkauft. Zehn Jahre macht er das nun schon. Es läuft gut dieser Tage, denn aktuell ist die Harry-Potter-Sonderbeilage im Heft. Autorin Joanne Rowling hat allen deutschsprachigen Obdachlosenmagazinen erlaubt, das erste Kapitel ihres neuen Harry Potter Romans vorab zu drucken. "Hallo Uwe, wie geht's?", grüßt eine Passantin. "Was war'n los? Hab dich schon'n paar Tage nich gesehn", meint Uwe. "Nee, war im Urlaub. Haste ein Heft für mich?", fragt die Mittdreißigerin, die nach zwei Euro für ein Exemplar in ihrer Jackentasche kramt. Manche geben auch vier oder fünf Euro, nie will jemand Wechselgeld. Den Hinz&Kunzt-Verkäufer kennen hier alle. Die Vorbeieilenden heben die Hand zum Gruß, Pastor Martin aus der Buchhandlung nebenan schickt manchmal katholische Jugendgruppen bei Uwe vorbei, und die Bedienung des Kiosk bittet ihn immer auf ihre Auslage zu achten, wenn sie kurz mal im Laden gegenüber verschwindet.