Aufgerichtet wie eine Kobra steht der Schlagzeuger inmitten seiner Trommeln. Den Oberkörper leicht nach vorne gebeugt, die Sticks in Schulterhöhe, drischt er immer wieder ruckartig auf die Becken ein. Weiter rechts wiegt sich der Bassgitarrist in Rockerpose. Vor ihm, auf einem Stuhl, kichert und murmelt die Sängerin. E-Gitarren jaulen in beachtlicher Lautstärke – was einige Zuhörer räumlich Abstand nehmen lässt. In den manischen Beat mischt sich die Trompete des Japaners Jun Miyake. Jun Miyake

Dabei beginnt der Abend im Haus der Berliner Festspiele vergleichsweise ruhig. Zu Beginn des zweiten JazzFest-Tages tritt mit leiser, freundlicher Stimme ein Mann ans Mikrophon, der schon in den fünfziger Jahren in der Band von Ray Charles erst Bariton- und dann Tenor-Saxophon spielte: David „Fathead“ Newman. Sein Quintett serviert seelenvollen Jazz ohne Schörkel, mit einem herausragenden Bryan Carrott am Vibraphon und einem furiosen Gastauftritt des turbangeschmückten Dr. Lonnie Smith an der Hammond B3-Orgel.

Dass es nicht immer Jazz ist, was sie zu hören und zu sehen bekommen, darauf weist das Programmheft die Festival-Besucher schon im Vorwort hin. Bereits am ersten Tag wird deutlich, dass die Organisatoren die Grenze doch recht weit gezogen haben. Die Japanerin Miharu Koshi baut sich ihre eigene „Musique Hall“ – singend, tanzend, mit Akkordeon und Cowboy-Hut, einem Pianisten, einem Fagottisten, Vogelgezwitscher vom Band und drei liebreizenden Ballerinas. Ihre „chansons imaginaires“ sollten das „neue japanische elektronische Volkslied“ für „Jazz-Ohren urbar machen“, so das Programmheft. Dies gelingt nicht ganz – das „Alte Europa“ (Programmheft) entzieht sich mehrheitlich der Darbietung.

Wieder nichts für Jazz-Puristen könnte ein Konzert werden, dass am morgigen Samstag im Tränenpalast stattfindet. Der New Yorker DJ Spooky mixt den Auftritt des „Matthew Shipp Trio“. Ganz neu ist ihre Zusammenarbeit zwar nicht – gemeinsam haben sie im vergangenen Jahr das hochgelobte Album „Optometry“ veröffentlicht – doch jede Session verspricht neue Rückkopplungen zwischen modalem Freejazz und virtuellen Klangvisionen des neuen Jahrtausends.

Als Co-Kurator hat sich Festival-Leiter Peter Schulze einen Japaner ins Boot geholt - jenen Jun Miyake, der mit seiner Band am zweiten Abend für Furore sorgte. Als ausgebildeter Jazzmusiker avancierte Multiinstrumentalist Miyake in seiner Heimat zu einem der gefragtesten Komponisten für Werbe- und Filmmusik, arbeitete unter anderem mit Jean-Michel Jarre, Arto Lindsay und Robert Wilson zusammen. Auf der Berliner Bühne entfesselte Miyake einen atemberaubenden Sturm aus Weltmusik und Rock, der den Zuhörer beglückt und taub zurückließ.

Vom heutigen Freitag bis zum Sonntag stehen noch zwanzig Konzerte auf dem Programm, die sich auf den UdK-Konzertsaal an der Bundesallee, das Haus der Berliner Festspiele, den Tränenpalast und das Quasimodo verteilen. Ausverkauft ist bisher nur der Auftritt von Don Byron und „Ballin’ the Jack“ sowie die Verleihung des Deutschen Jazzpreises an Ulrike Haage.