Mutsumi Tsuda verdreht R.J. Oppenheimer, dem Schöpfer der Atombombe, die Augen - fotografische Freiheit. Damit er nicht länger im Stile amerikanischer Propaganda-Inkonografie verklärt in die Weiten des Himmels schaut, wie es seit George Washngton's Überquerung des Delaware - das klassische Bild des Unabhängigkeitskriegs - üblich ist. Jetzt sieht Oppenheimer den Überlebenden von Hiroshima und Nagasaki in die Augen.

Die Ausstellung "le quotidien" (Das übliche, tägliche Leben) im Japanischen Kulturinstitut in Köln zeigt noch bis zum 19. Dezember die Fotografien zweier Künstlerinnen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Was die Frauen verbindet: der Jahrgang 1962 und das Thema von Nähe und Distanz, die universellen Gesetze einer industriellen Kultur am Beispiel Japans. Tokyo - Osaka 2001© Jaqueline Merz

Die Schweizerin Jaqueline Merz kam als Fremde in das Land und ließ sich wochenlang treiben durch die Straßen von Tokio und Osaka, den Finger dabei nie am Auslöser, so ist es ihre Art. Als Beobachterin, als Forscherin auf der Suche nach einer vertrauten Urbanität, die doch so fern scheint. So entdeckt sie zwei Risse auf einer Wand, die sie an japanische Schriftzeichen erinnern, obwohl ihr klar ist, dass es sich um Erdbebenschäden handelt. Dann wieder ein Bild von einer Hauswand, wie sie Merz auch schon in New York und Skopje und in ihrer Wahlheimat Dresden begegnet ist. Doch hier wird der Blick des Betrachters auf die Fuge gelenkt, hinter der sich uniformierte Angestellte und Manager mit Aktentaschen beim kollektiven Mittagsturnen zeigen. Ihre Fotos wirken wie Suchbilder. Man sieht alltägliche Motive, die überall hätten aufgenommen werden können. Und nach längerem Betrachten findet sich immer die japanische Komponente.

Während Jaqueline Merz ihre Motive still komponiert und dabei ganz leise reportiert, agiert Mutsumi Tsuda geradezu aggressiv. Sie isoliert ihre Objekte und kommentiert laut. Die Makro-Aufnahmen von Souvenirs für den kommerziellen Kult zur Vergangenheitsbewältigung: die Schlüsselanhänger mit dem amerikanischen Atom-Bomber im Mini-Format, das Plastik-Gerippe des Mahnmal-Bausatzes vom "Atomdom" - dies zeugt von einer unüberwindlichen Distanz. Je stärker sie versucht, der massenproduzierten Vergangenheit nahe zu kommen, desto mehr bleibt sie eine Fremde im eigenen Land. A-Dome, model 1© Mutsumi Tsuda

Von dieser Spannung in und zwischen den Bildern der Schweizerin und der Japanerin lebt die Ausstellung. Zwei Künsterlinnen mit gegensätzlichem Blick und verschiedener Sprache. Identisch ist allein die Suche nach der Nähe.