In einer der schönsten Szenen, die bei den Nordischen Filmtagen in Lübeck zu sehen war, steht ein Dalahästar, eines der rot lackierten schwedischen Holzpferdchen, auf der Veranda eines Holzhauses in der norwegischen Schneeöde. Langsam wird die Tür geöffnet und eine behutsame Altmännerhand holt das Pferdchen ins Haus. Dem skandinavischen und baltischen Film waren vom 30. Oktober bis 2. November zum 45. Mal alle Lübecker Türen weit geöffnet, und ein interessiertes Publikum und viele Filmschaffende folgten der Einladung. Mit 18500 Kinofans hatte sich die Besucherzahl im Vergleich zum Vorjahr bis an die Kapazitätsgrenze der bespielten Kinos gesteigert. Joachim Calmeyer als Isak und Tomas Norström als Folke in Bent Hamers "Kitchen Stories"© Nordische Filmtage Lübeck

Neben dem Schwerpunkt "Skandinavische Produzenten" und einem Doku-Special "Richard Leacock vs. Lars von Trier" waren es vor allem die 141 Filme, die Ströme von Besuchern anlockten. Einer der Publikumslieblinge war die norwegische Produktion "Kitchen Stories", aus der die Szene mit dem Dalahästar stammt. Regisseur Bent Hamer nimmt schwedische Rationalisierungsexperimente in den 50er Jahren, die die hausfräuliche Küchenarbeit erleichtern sollten, zum Anlass, eine fiktive Untersuchung eigener Art auf den Weg zu bringen: Ein Trupp Wissenschaftler fährt in kleinen Wohnwagen über die Grenze in die norwegische Provinz, um das Küchenverhalten alleinstehender Männer zu untersuchen. Die Dalahästars sollen die Belohnung für die freiwilligen Teilnehmer sein, nur hatten die sich echte Gäule erhofft. Es beginnt ein Katz- und Mausspiel zwischen dem beamtenhaft korrekten Folke, der in Anzug und Wollsocken in einem Hochstuhl in einer Küchenecke von Bauer Isak sitzt, und dem kauzigen Landbewohner, der von nun an im Schlafzimmer kocht und durch ein kleines Loch in der Decke wiederum Folke beim Versuch beobachtet, Isaks wenigen Küchenbesuche zu analysieren. Die keinesfalls komplizierten Leben beider Männer geraten durch die behutsame Annäherung auf eine Art durcheinander, die vom wissenschaftlichen Standpunkt aus kaum zu erklären ist. In einer sehr puren, langsamen Bildsprache erzählt Bent Hamer die skurrile und berührende Geschichte einer Freundschaft, die fast ausschließlich in Isaks Küche und in Folkes Wohnwagen spielt. Der sieht wie ein gekippter Nierentisch aus und ist der schönste Retrodesign-Einfall des aktuellen Kinos.

Bent Hamer produziert seine Filme übrigens selbst. In einer Retrospektive beschäftigten sich die Filmtage mit seinen großen Kollegen dieses Fachs im skandinavischen Film: Katinka Faragó (Schweden), Per Holst (Dänemark), John M. Jacobsen (Norwegen) und Jörn Donner (Finnland) stehen für Filme wie "Pelle, der Eroberer", "Fanny und Alexander" und "Nur Wolken bewegen die Sterne". Holst hat Lars von Trier, Thomas Vinterberg und Bille August entdeckt. Den "Nordischen Filmtagen" war es gelungen, die Produzenten mit ihren eigenen Lieblingsfilmen nach Lübeck zu holen, wo sie vom Filmemachen früher und heute erzählten. Katinka Faragó arbeitete schon im Studiosystem der 50er Jahre als Scriptgirl für einige der ersten Filme Ingmar Bergmans: "Die Studios gaben den Filmemachern ein Zuhause. Man durfte versagen, auch mehrmals - Bergman hatte zuerst 16 Misserfolge. Vor dem Fernsehen war das Publikum auch für weniger gute Filme in Massen da. Heute muss gleich der erste Versuch ein Erfolg sein." John M. Jacobsen befürchtet, dass es künftig noch schlimmer wird: "Es wird so viel Geld in einen Film investiert, dass es unbedingt zurückkommen muss. Deshalb wird noch mehr Geld in Werbekampagnen und Kopien gesteckt." Nach amerikanischem Vorbild funktioniere das Kino heute deshalb mehr wie ein Chartsystem als dass es auf den künstlerischen Aspekte ankäme. "Nur mit Qualität verkauft man keine Tickets," bedauerte auch Faragó. Trotzdem war der Rückblick der Produzenten kein sentimentales Jammern, sie arbeiten alle auch heute noch gerne - "I'm still in love with it", sagte Holst. Er mag am jetzigen Filmbetrieb, dass das Publikum viel schlauer und kritischer geworden sei und häufiger in den intellektuellen Diskurs auch mit den Produzenten einsteige. Und John M. Jacobsen findet, dass es in gewisser Weise einfacher geworden ist, ungewöhnliche Projekte zu fördern: "Der Filmbetrieb hat seine Türen für Leute und Ideen geöffnet, die früher keine Chance gehabt hätten."

Einer dieser Verrückten ist der längst als Dauer-"Enfant terible" etablierte Lars von Trier. Mit "Dogville", dem Eröffnungsfilm des Festivals, der bereits in den deutschen Kinos läuft, experimentiert er erneut im Schnittmengenfeld von Film und Theater, während das dänische Filmschaffen weiterhin um DOGMA 95 und das, was aus von Triers Produktionsfirma Zentropa kommt, kreist. Von Zentropa war auch Samir Saif gekommen, der mit "Dogville Confessions" das Making-of zum Film des Chefs gedreht hat. Er hat von Trier und seine Schauspieler Nicole Kidman, Lauren Bacall, Paul Bettany und andere während der siebenwöchigen Dreharbeiten beobachtet, in deren Verlauf nicht nur die Künstler, sondern das gesamte Projekt häufig am Rand des Zusammenbruch standen. Man erfährt, dass der Regisseur sich wie ein Kindergärtner fühlte, und beobachtet seinen mal verletzenden, mal zärtlichen Umgang mit Kidman. In einer eigens eingerichteten "Confession Box", einer Art Beichtmöglichkeit vor der Kamera, bitten die Schauspieler um Vergebung dafür, dass sie ihr Gelübde gebrochen haben, nie wieder mit einem wahnsinnigen Regisseur zu arbeiten.

Im Dokumentarfilm "Die fünf Fallstricke" spielt von Trier mit dem Image des sadistischen Produzenten und lässt seinen Lieblingsfilm "Der perfekte Mensch" von Regisseur Jørgen Leth fünf Mal neu drehen. Leth variiert das Original von 1967 nach unlösbar scheinenden technischen und bitterbösen inhaltlichen Vorgaben: Einmal darf keine Einstellung länger als eine halbe Sekunde dauern, dann muss er ein westliches Festessen in einem Slum in Bombay drehen. Es entstehen kluge Remakes und ein Metafilm über cineastische Kreativität. Die schlimmste Herausforderung: völlig ohne Einschränkungen alles neu machen zu müssen.

Zentropa produzierte auch den Film, der den NDR-Förderpreis, den wichtigsten Award des Festivals, gewann: "Das Erbe" von Per Fly. In nordisch anmutenden Bildern erzählt das "moderne Königsdrama" vom funktionierenden Manager-Leben des Stahlerben Christoffer Borch Møller und der bitteren Aufgabe jedes privaten Glücks- und Freiheitsanspruchs. Die Besetzung des Christoffer mit Ulrich Thomsen (einer der Stargäste des Festivals) stellt den Bezug zu Thomas Vinterbergs "Das Fest" her, der als DOGMA # 1 im Jahre 1998 schon einmal die Aufsprengung einer heilen dänischen Familienwelt zeigte.