Am Abend des 11. März 1791 ist Joseph Haydn bester Laune, und im Rückblick scheint es, als greife er in eine Trickkiste, die längst groß ist wie ein Kleiderschrank. Mehr als 90 Sinfonien hat er bereits geschrieben, aber das englische Publikum will er mit einem Ideen-Feuerwerk erobern. London ist eine offenere, windigere Welt als das verträumte Refugium beim Fürsten Esterházy. Deshalb setzt Haydn zu seinem ersten Abonnementskonzert in der Weltstadt zwei Sinfonien aufs Programm, in denen das Verwöhnaroma duftet und zugleich das Kunsthandwerk prangt. Im Menuett der Sinfonie Nr. 96 D-Dur bläst die Solo-Oboe die Hörer hinaus in eine volkstümliche Ländler-Welt; das Finale der Sinfonie Nr. 92 G-Dur türmt Haydn mit allen Schikanen zum kontrapunktischen Gipfeltreffen. Das Konzert wird ein Fest, der Komponist hat einen neuen Fanclub und „muste schon 6 mahl ausspeisen“, wie er mitteilt.

In Haydns Sinfonik sind die Aspekte des Leutseligen und des Artifiziellen keine gegenseitigen Ausschlusskriterien. Seine Musik ist im selben Moment „popular“ und geistreich; in jede Gefälligkeit ist Tiefsinniges eingeschlossen. Alle paar Ecken hat sie neue Verblüffungen parat. Im Finale der Nr. 96 gibt es eine Generalpause, die eine Rückkehr des Hauptthemas ankündigt. Fehlalarm – es platzt in einer verbotenen Tonart herein. Es sind diese Verknüpfungen von funkelndem Witz und dialektischem Ernst, die das sinfonische Schaffen des späten Haydn so unvergleichlich machen.

Der amerikanische Dirigent Hugh Wolff hat bei Haydn ein Moment des Mysteriösen entdeckt, das oft von einem Schmunzeln erlöst werde. Schon in früheren Jahren, beim Saint Paul Chamber Orchestra, hat Wolff diese Wechselbäder gern inszeniert, jetzt hat er sie mit dem Radio-Sinfonie-Orchester Frankfurt aufgenommen (hr-musik CD 0015-03/Vertrieb: Note 1, Heidelberg), das er seit 1997 als einer der stillen Könner im Lande leitet. Jenen beiden gesellt er noch die Sinfonie Nr. 97 CDur bei – auch sie beginnt mit einer langsamen Einleitung – und macht damit eine reife sinfonische Trias nicht nur durch die Dramaturgie perfekt. Wolff orientiert sich an historischer Praxis, Aufstellung und Klanglichkeit – und hat damit drei Joker in der Hand, die vieles wegstechen, was derzeit auf dem Markt ist, auf dem deutschen sowieso. Wie einleuchtend, dass die beiden Violingruppen einander gegenüber sitzen; wie edel phrasiert die Holzbläsergruppe, wie saftig dezent das (ventillose) Blech.

Vor allem ist es ein Haydn ohne die Feinripp-Wäsche sinfonischer Langeweile: Wolff und sein fabelhaftes Orchester zeigen uns einen Haydn, der die Ärmel hochkrempelt, Blitze verschickt und dabei immerzu zwinkert.