Vor nicht allzu langer Zeit entdeckten die modernsten untern den modernen Menschen den unendlichen und den leeren Raum für sich - als Ort der Entfaltung und Freiheit. Die Jahrhunderte, in denen man Schutz- oder Prachträume für Menschen und Güter gebaut hatte, waren gezählt. Nun sollte die Weite und Leere die Heimat aller Menschen werden. Architekten, Künstler und Ingenieure machten sich ans Werk, um offene, transparente, fast unsichtbare Räume zu bauen. Ausgeräumt bis aufs Nötigste, ohne Schnickschnack wie Schnörkel und Dekor. Doch bald schon wurden die großen Ideen von der Leere und Freiheit durch Faschisten und Stalinisten aufgesaugt und verdarben.

Ganz abgesehen davon entgegen den Ideen der modernen Kunst und Architektur* fühlen sich nur wenige Menschen in so gut wie leeren Räumen mit so gut wie leeren Kunstwerken und so funktional wie möglichen Accessoires wohl. Die anderen halten widerspenstig an heimeligen Hütten, vollen Kammern und überreichlichen Mustern fest. Tag für Tag zeigen sie, dass ihnen Leere unerträglich ist. Das liegt schon in der Begriffsgeschichte. Hierzulande wurden jahrhunderte lang nur Felder geleert, bis der Begriff Leere entstand. Leer hieß also erst einmal abgeerntet und die Alltagssprache spiegelt das noch wider: Was leer ist, war zuvor mit Gutem gefüllt. Im Kühlschrank gähnt Leere. Das Haus, das voller Leben war, befremdet durch seine Leere. Nicht wenige Menschen meinen, in ihnen breite sich urplötzlich eine innere Leere aus. Alle diese Formen der Leeren wirken bedrohlich, denn wird nichts nachgefüllt, dann folgt Hunger, Öde, Stillstand, Depression, Tod.

Anders auch als vor hundert Jahren, als das Vertrauen in Wissenschaft und Technik noch recht ungebrochen war, hängt das Leerwerden jetzt wie ein Damoklesschwert über der vollen Gegenwart. Jeden Tag liest man, dass die Rohstoffe rar werden, die Energie knapp und wie sich die Armut nicht mehr in der Ferne sondern unter uns ausbreitet. Die wachsende Angst vor solchen Zuständen der Leere führt zu Betriebsamkeit: Grenzen werden hochgezogen, Speicher verriegelt und Versicherungen gegen Verluste abgeschlossen. Darüber hinaus lässt sich der Zeitgenosse bis zum Abwinken mit Informationen und Wissen anfüllen. Oder er füllt seine leer laufenden Hirnzellen mit Ersatzstoffen wie Extremsport, Drogen, Alkohol, Sex und Pillen nach.

Es sieht fast so aus, als seien wir momentan am Horror vacui erkrankt, d.h. der Abscheu vor der Leere. Droht das Leerwerden irgendeines Lebensbereichs, meint jeder, Angst oder Depression, Rückzug oder Zusammenbruch wären unabwendbar. Dabei hat die Physik diese Annahme des Aristoteles längst zu den Akten gelegt. Die Natur kennt keine Scheu vor der Leere, genauso wenig wie eine vor der Fülle. So wie es keinen absolut leeren Raum, kein echtes Vakuum gibt, gibt es auch keinen absolut vollen Raum. Leere und Fülle oder Dichte scheinen stattdessen –geheimnisvoll ineinander anwesend. So hat man berechnet, dass die Materie eines Atomkerns um 10 15 , d.h. um 1.000.000.000.000.000, in Worten eine Billiarde Mal weniger Raum als das ganze Atom einnimmt. Dennoch herrscht im Atomkern kein Vakuum. Denn das, was ich leichtfertig Materie genannt habe, besteht selbst aus Teilchen, Elektronen und Quarks, die ihrerseits wiederum 10 18 Mal kleiner sind als das, was sie bilden. Ganz abgesehen davon, dass diese Teilchen nicht irgendwo fest stehen, sondern dass sie sich in Orbitalen (wahrscheinlichen Aufenthaltsbereichen) bewegen. Genug.

Könnte es sein, dass gerade die Entgegensetzung von Leere und Fülle zu brandgefährlichen, einseitigen gesellschaftlichen Situationen führt? Setzt man Leere absolut und mit Freiheit gleich, dann wird man das Bedrohliche des Leeren und Entleerens nicht erkennen können und zugleich die Tür für bedenkliche Invasionen öffnen. Verbietet aber blinde Sorge vorm Leerwerden ein Denken der Leere, dann sind nicht nur alle Öffnungen in unbekannte Denk- und Erfahrungsregionen verschlossen, sondern man geht auch an den Leerstellen vorbei, die sich inmitten all der gegenwärtigen Fülle, in der informationsüberfluteten, sich in alle Weltwinkel erstreckenden Medienwelt ausbreiten.