"Er schrieb mir von seiner Qual und seiner Einsamkeit und von seinen Erinnerungen an uns, als ob wir alle gestorben wären. / Er fühlt sich von uns verlassen und wir fühlen uns von ihm verlassen." Nein, dieser Geschichte entkommt keiner, nicht der "loving man" , der liebende, liebevolle Mann, nicht die fünf Frauen, die ihn beschwören und nicht das Publikum, zu dem die Frauen in dichterisch klaren Sätzen sprechen. Ihre Gesichter aus dem schwarzen Nichts, ihre wandernden Blicke und Stimmen lassen die Zuschauer und Zuhörer selbst dann nicht wieder los, wenn das letzte Wort gefallen ist. Ruhig und präzise, dabei charmant unprätentiös, traurig und dann wieder belustigt vorgetragen spannt sich ein Reigen aus Sätzen von einer Frau zur anderen. Er wandert vom linken zum rechten Rand und beginnt von links aufs Neue. Jede Sprecherin wiederholt ihre Vorrednerin und fügt dem Gesagten einen weiteren Satz hinzu. Aus dem hymnischen (feierlich-poetischen) Anfangssatz "A loving man who broke my heart" * entsteht über fünfzehn Minuten das unglückliche Gespinst einer großen, gescheiterten Liebe zwischen einem fernen, fremd gewordenen Mann, seiner Frau und ihren gemeinsamen Töchtern. Dabei begann alles verlockend und unbekümmert. "He looked so young and optimistic once - He was my Hero" Ein Wunschdenken. "He was in love and he made promises he couldn't keep" Es folgt Verzweiflung. Verständnis und Wut lösen einander ab. "I understood his dilemma / He never joined us, he tried, but did he try hard enough? / Complete despair, frustration and deep anger" Schließlich machen sich die Frauen frei von ihm, verlassen sein Land. "I can live my life more fully with him not near me / I have freedom from the exile's gloom" Und doch lässt sie die Sehnsucht nach seiner Liebe nicht los. "Will he ever love me for who I am?" Der Reigen endet wie er begann: "He has broken my heart." *

Der Schlüssel zum Verstehen der tragischen Liebe, die die irakisch-irische Künstlerin Al-Ani über fünf Projektionsleinwände ausgebreitet hat, liegt sachlich und schlicht in dem Satz: "When politics, religion, war and cultures clash it's the ordinary familiy who pays the price" *. So verschiebt sich die Tragödie von einer rein privaten auf eine allgemein politische Ebene. Nicht länger tragen nur persönliches Fehlverhalten oder missliche Umstände die Schuld daran, dass Ehe und Familie zerbrachen, sondern etwas, das den Horizont der Familie übersteigt. Die Liebe scheitert, weil es für diese Familie keinen gemeinsamen Ort (mehr) gibt, an dem sie ihre kulturellen und religiösen Differenzen leben kann. Das düstere Exil, dem Mutter und Töchter entkamen, ist die Heimat des Mannes. Und die Heimat, in die die Mutter mit den vier Töchtern zurückkehrte, ist für ihn kein Ort, an den er folgen konnte oder wollte.

Es gibt offenbar keinen gesellschaftlichen, kulturellen oder politischen Kontext, in dem ein gemeinsames Leben der sechs möglich ist. Dabei macht es die Sache nicht leichter, dass der Konflikt der Familie nicht rein privat ist, sondern weltpolitische Dimensionen besitzt. Die Familienmitglieder sitzen in der Falle: Denn obwohl der Konflikt politisch, kulturell und religiös begründet ist, gibt es für seine Folgen weder politische, noch kulturelle oder religiöse Lösungen. Was vor allem anderen fehlt ist ein Ort, an dem die Angelegenheit mit anderen besprochen und verhandelt werden könnte. Am Ende müssen die traurigen Konsequenzen privat getragen und ertragen werden. Diese Ausweglosigkeit wird durch die kreisförmig verlaufende Geschichte aufgegriffen. Das Herz ist am Anfang und bleibt auch am Ende gebrochen. Und doch ist die Installation ein Weg, um die Tragödie überhaupt in die gigantische Öffentlichkeit der Welt zu tragen.

Mit A Loving Man bringt Jananne Al-Ani zwei ausgesprochen englische Traditionen zusammen: das auf große Monologe setzende Sprach-Spiel des Elisabethanischen Theaters, allen voran Shakespears,*** und die Bildniskunst, die im vergleichsweise bildlosen, puritanischen England besonders im 18. Jahrhundert zur Meisterschaft gebracht wurde. Die Frauen sitzen wie auf einer Bühne und warten auf ihren Einsatz vor dem (unsichtbaren) Publikum. Die Bühnensituation wird betont durch den schwarzen Hintergrund und das Scheinwerferlicht, das auf die Gesichter fällt und die Frauen wie Helden im Theater während eines Monologs in Szene setzt. Doch der Monolog, der im (neueren) Theater meist als Selbstrede ausfällt, der Held spricht zu sich oder zu den Göttern, nicht aber zum Publikum, ist hier ganz eindeutig ans Publikum gerichtet. Denn die Frauen schauen direkt in die Kamera und damit auf ihre späteren Betrachter im Ausstellungsraum. Wenn sie gerade nicht dran sind, dann bleiben sie angespannt, blicken wie zufällig im Raum umher, machen typische Übersprungsgesten, schieben die Haare zurecht, fassen sich ins Gesicht oder Lachen verschämt. Sie verhalten sich so, als seien sie unter Beobachtung.

Al-Anis Tragödie fehlt es nicht am antiken Ernst und doch ist sie durchzogen von Heiterkeit und nachdenklicher Distanz. Die bewegten Frauenbilder sind zugleich Langzeitporträts, die peinlich genau die Mutter und die Schwestern bei ihrer Performance aufzeichnen. Die Blicke und die Art, in der sie den Text vortragen, den ihnen die Künstlerin (eine der mitspielenden Schwestern) vorgeschrieben hat, zeigen Unterschiede in ihrer Persönlichkeit und Haltung zur erzählten Geschichte. Der Ernst der Mutter kontrastiert mit der mädchenhaften Nervosität der neben ihr sitzenden Jüngsten und hebt sich ab von der daneben sitzenden ältesten Schwester, die über ihre Not mit dem Rezitieren des anwachsenden Textes lacht. Die beiden Schwestern am rechten Rand wirken völlig involviert und konzentriert.