Die Konzentration aufs einzelne Bildnis und der offensive Blickwechsel mit dem (imaginären) Publikum unterstreichen, dass es Al-Ani um die Mitteilung geht, um das Teilen einer Mitteilung, die sonst keinen Raum hat. Das Hervorheben der Frauen vor dem schwarzen Hintergrund wirkt am Ende wenig theatralisch, weil sie sich als Beobachtete selbst aufführen und in der monologische Wiederholung verzetteln. Es zeigt die Kontext- und Ortlosigkeit der Trauer der unglücklich Liebenden. Die Zuhörer müssen sich auf die Gesichter und Stimmen der Frauen konzentrieren, die jeden einzelnen scheinbar direkt ansprechen. Jede Wiederholung zieht sie tiefer in die Geschichte über das politische wie private Scheitern einer großen Liebe hinein und schreibt sie ins Gedächtnis der (Kunst?)Öffentlichkeit.

Anmerkungen:

* Der Text und seine Übersetzung:
A loving man who broke my heart
He looked so young and optimistic once - He was my hero
He was loving and he made me love
He was in love and he made promises he couldn't keep
I am my father's daughter in so many ways
I understood his dilemma
He never joined us, he tried, but did he try hard enough?
Complete despair, frustration and deep anger
When politics, war and cultures clash it's the ordinary family who pays the price
He wrote to me of his anguish and loneliness and of his memories of us as though we had all died
He feels deserted by us and we feel deserted by him
Regrets, my regrets, his regrets, your regrets
He's been a stranger to me for many years
There is no special person for me now
I can live my life more fully with him not near me
I have freedom from the exile's gloom
He is full of contradictions
Will he ever understand?
Will he ever love me for who I am?
He has broken my heart.


Ein liebender, liebevoller Mann, der mein Herz brach
Er sah er so jung aus einst und optimistisch - Er war mein Held
Er liebte und brachte mich dazu, zu lieben
Er war verliebt und er machte Versprechungen, die er nicht halten konnte
Ich bin die Tochter meines Vaters in vielerlei Weise
Ich verstand sein Dilemma
Er schloss sich uns nie an, er versuchte es, aber hat er es auch ernsthaft genug versucht?
Totale Verzweiflung, Frustration und tiefe Wut
Wenn Politik, Religion, Krieg und Kulturen aufeinanderprallen, ist es die normale Familie, die den Preis bezahlt
Er schrieb mir von seiner Qual und seiner Einsamkeit und von seinen Erinnerungen an uns, als ob wir alle gestorben wären
Er fühlt sich von uns verlassen und wir fühlen uns von ihm verlassen
Bedauern, mein Bedauern, sein Bedauern, unser Bedauern
Er war viele Jahre ein Fremder für mich
Jetzt gibt es niemanden Besonderen mehr für mich
Ich kann ich mein Leben reicher leben ohne ihn in meiner Nähe
Ich bin befreit vom Düstren des Exils
Er ist voller Widersprüche
Wird er jemals verstehen?
Wird er mich jemals für das lieben, was ich bin?
Er hat mein Herz gebrochen.

** Shakespeares Theater war weniger ein Bildtheater (oder Filmtheater), als vielmehr ein Sprach-Spiel , ein Theater, das auf Dialoge und vor allem auf Monologe der Schauspieler setzte, in denen nicht nur die Hintergründe der Geschichten und Gedanken, sondern auch bildliche Szenen sprachlich mitgeteilt wurden. Denn - um mit Hamlets Worten zu sprechen ? im Elisabethanischen England ging man ins Theater, um ein "Stück zu hören" ( "We'll go to hear a play" ). Es wurde bei Tageslicht gespielt, Spieler und Hörer konnten einander sehen, eine Beziehung zwischen Schauspieler und Publikum war beabsichtigt.

Zur Künstlerin:

Jananne Al-Ani wurde 1966 in Kirkuk im Irak geboren und lebt heute in London. Nach verschiedenen Kunststudien in London beendete sie ihre Ausbildung 1997 am Royal College of Art, London, mit einem Magister in Fotografie. Das Dilemma, zwischen zwei Kulturen zu stehen, beschäftigt sie künstlerisch seit dem Irak-Krieg von 1991. Immer wieder thematisiert sie Krieg, die Konflikte und enttäuschten Erwartungen in Videoinstallationen, in denen sie mit ihrer Mutter und den drei Schwestern zusammen auftritt. Anleihen beim Theater, vor allem bei der Tragödie sind in allen ihren Sprach-Bild-Videos zu finden. Daneben gibt es auch absolut stille, wortlose Videos, in denen sich kleine Handlungen zwischen Menschen wiederholen, die minimal irritierend sind. Jananne Al-Ani hat an Ausstellungen weltweit teilgenommen, zuletzt im Museum of Modern Art in New York oder im ICA in Lodon. Eine ausführliche Biografie findet man auf der Homepage der Galerie Union, London.

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