Man reibt sich verwundert die Augen. Das Objekt erscheint tatsächlich recht unbekannt und so, als wäre es in diesem Innenhof gelandet. Das eiförmige Gebilde schillert in den Spektralfarben und erinnert an ein Auge. Mitten auf eine hellblaue Iris führt eine Treppe zu. Leise öffnet sich eine durchsichtige Tür und man schlängelt sich in einen Innenraum, in dem alles gerundet und aus weißen Kunststoffen geformt ist. Diese Raumkapsel ist ein Wirklichkeit gewordener High-Tech-Traum, in dem man die Technik selbst nicht mehr sieht. Wie anders wirken die ansonsten von Menschen entwickelten Raumfähren, -kapseln und Raketen, deren winzige Innenräume vollgestopft sind mit Kabeln, Monitoren, Hebeln, Knöpfen und allerlei Geräten. Sie erinnern an die meist chaotischen Bastelstuben von Technikfreaks. Mariko Moris Wave Ufo gleicht dagegen einer aufgeräumten futuristischen Lounge. Unter einer Kuppel sind drei Liegesessel in den Boden eingelassen, in die man wohlig sinken kann. Dann wird man am Kopf verkabelt und an den Bordcomputer angeschlossen. Der Computer misst die Hirnströme der anwesenden Besucher, erzeugt daraus nach einem eigenen Programm Farben, Formen und Bewegungen. Sie werden in die Kuppel, das Indoor-Himmelszelt, projiziert. Die drei Menschen, die entspannt in den Sesseln liegen, erleben ein überirdisch farbenfrohes Zusammenspiel ihrer Gedanken - eine aus der fernsten Ferne kommende Utopie* von Verschmelzung und Harmonie. In der Kapsel wird sie Wirklichkeit, allerdings nur für sieben kurze Minuten.

Moris auf der Erde gelandete Utopie erscheint wie eine Mischung aus Stanley Kubricks 2001 – A Space Odyssey ** , japanischer Comic-Kultur*** und dem Girlie-Style der vergangenen Jahre. Die Künstlerin hat daran über zwei Jahre mit einem vielköpfigen Team aus Programmierern, Lichtdesignern, Computertechnikern und Konstrukteuren aus Italien, Japan und den USA gearbeitet. Sogar die NASA hat die Japanerin angesprochen und um Hilfe gebeten. Und wie in der wirklichen Raumforschung war das Wave UFO ein zeitlich wie finanziell äußerst aufwändiges Unternehmen: 1,5 Millionen US-Dollar wurden ausgegeben. Gemessen an den Kosten für Hollywoodfilme ist das zwar noch im Rahmen, aber gemessen an den Etats, die in der bildenden Kunst zur Verfügung stehen, ist das geradezu gigantisch. Jetzt wandert das Wave UFO um die Welt. In Europa wurde es zuletzt in den Arsenali, einem zentralen Ausstellungsgebäude der Biennale von Venedig, von Sommer bis Herbst 2005 gesehen.

Das wellenförmige Ei hebt zwar selbst nicht ab, aber lässt seine Besucher aus der Wirklichkeit in eine Traumwelt abheben. Statt auf die Reise durch den Weltraum geht man auf die Reise in den eigenen Kopf und die Köpfe anderer Menschen und entschwebt dabei in ein nicht weniger unbekanntes Universum. Doch was sind das eigentlich für Bilder, die die sonst verborgenen, eigenen und fremden Denkbewegungen zeigen wollen? Auch wenn die Bilddaten auf den messbaren Hirnströmen der Besucher beruhen, so haben Mori und ihre Programmierer doch das Programm geschrieben, nach dem sie berechnet und erzeugt werden. Es ist ja auch höchst unwahrscheinlich, dass in unseren Köpfen tatsächlich bunte Blasen blubbern, alle Zeit in Regenbogenfarben explodieren und ineinander übergehen. Der sphärische Farbreigen entspringt der Vorstellung der Künstlerin, genauer gesagt: Das Bordprogramm generiert (erzeugt, berechnet) die Bilder nach den Maßgaben, die die Künstlerin am schönsten für die Bilder von Gedanken und am wirkungsvollsten für die Darstellung ihrer Sphärenutopie befand.

Obwohl die Besucher eingeladen sind, sich mitten ins Bild hineinzulegen und an einer individuellen Gedankensession teilzunehmen, ist das Ergebnis also immer eine neue Variante von Mariko Moris Fantasiebild der menschlichen Zukunft. Und diese Fantasie ist sehr sanft, fließend ungegenständlich, bunt und überaus angenehm. Abbilder der wirklichen Welt, harte Formen, heftige Bewegungen oder Widerstände kommen nicht vor. Im Himmel des Wave Ufo gibt es keine Aggressionen. Genau das hat man Mariko Mori zum Vorwurf gemacht und gefragt, ob das Ufo überhaupt ein Kunstwerk oder nicht eher ein spektakuläres, kitschiges Unterhaltungsobjekt sei.