Der Plot, die Handlung, ist schnell erzählt: Eine junge Frau, gespielt von der Künstlerin Ene-Liis Semper, begeht drei Selbstmorde hintereinander. Immer wieder spult das Video zurück und sie erwacht zu neuem Leben, um die Tat zu wiederholen. Zunächst erhängt sie sich, dann erschießt sie sich, dann erhängt sie sich ein letztes Mal. Es folgt ein Schwarzbild. Das Ende. Doch es versetzt uns nur zurück an den Anfang. Der Film endet nicht nur wie er anfing, im Ausstellungsraum beginnt er auch erneut von vorne. Die junge Frau sitzt wieder am Tisch, liest in einem Buch und begeht ihre Selbstmorde. Sie ist in einer Schleife gefangen, die das Geschehen vor- und zurück-, hin- und herspult. Doch damit ist nur die Handlung skizziert, aber nichts darüber gesagt, was die Protagonistin (Hauptdarstellerin) und uns wirklich gefangen nimmt.

Die Szene ist gestellt. Wir sehen ein Theaterstück in einer Theaterkulisse. Die junge Frau im seidig glänzenden Unterrock liest in einem Buch, möglicherweise einem Tagebuch. Sie sitzt an einem Kaffeehaustischchen. Wind streicht durch das Bild. Von dieser Mitte aus geht sie nach rechts und später nach links, um ihre Selbstmorde auszuführen. Nach hinten ist die leere Bühne durch einen zerknitterten Vorhang begrenzt. Er erinnert an eine leere Leinwand, auf die das Filmgeschehen gezeichnet wird. Zudem ist das Bühnenbild in einem extremen Querformat angelegt. Im Video selbst sehen wir zwar immer nur einen Teil davon, aber die Selbstmörderin geht laufend zwischen dem Tisch in der Mitte und den seitlichen Tatorten hin und her. Das Bild wächst über die Ränder hinaus und das Format weitet sich zur Breitwand.

Auch die Kamera ist eine Filmkamera, d.h. sie nimmt das Geschehen nicht dokumentarisch auf, sondern gestaltet die Bilder und unterstützt die Dramaturgie (die Spielgestaltung). Sie schwankt beständig, folgt den Bewegungen der Frau und zoomt gelegentlich ganz nah an sie heran. Außerdem ist die Szene schwarzweiß gefilmt, es gibt Bewegungsunschärfen und Schatten. Gesprochen wird nicht, dafür liegt ein Klavierkonzert über dem Film. Das erinnert ein wenig an die Anfangszeit des Kinos als die Filme noch stumm und schwarzweiß waren und das Klavier im Vorführraum die Handlung untermalte. Allerdings spielt Ene-Liis Semper hier nicht einfach mit den technischen Schwächen des Stummfilms, sondern sie setzt die Mittel gezielt zur Bildgestaltung ein.

So lassen das Schwarzweiß und die Unschärfen den Bühnenraum fern und traumähnlich erscheinen. Und der Auszug aus dem 5. Klavierkonzert von Ludwig van Beethoven ist keine Begleitmusik, sondern ein eigenes Element. Die Klavierläufe und Streicherpassagen rücken die betrachtenden Hörer aus der Gegenwart und schließen die Szene in einer Vergangenheit ein. Indem derselbe Musikauszug drei Mal wiederholt wird, doppelt die Musik dieses Spiel mit der Wiederholung im Video. Zwischen den drei Teilen gibt es kleine, aber bemerkenswerte Unterbrechungen: Nach dem ersten Selbstmord durch Erhängen folgt ein Standbild und eine kurze Stille, bevor die Musik mit dem Eingangsmotiv wieder einsetzt. Und nach dem zweiten Selbstmord - durch eine Kugel in den Kopf - peitscht plötzlich der Schuss durch den Raum. Er beendet die Musik und holt für eine Schrecksekunde den Betrachter aus seiner Versunkenheit. In diesem kurzen Todesmoment treffen sich die Schauspielerin und der Betrachter in derselben Zeit. Doch schon gleich danach setzt die Musik wieder von vorne ein.

Zuletzt sind das Schauspiel und die Inszenierung noch zu lesen. Die Künstlerin spielt keine verzweifelte Selbstmörderin, sondern eine Frau, die keineswegs unglücklich wirkt, sondern besonnen zu sein scheint. Sie handelt mit Überlegung. Nicht zufällig deuten der Kaffeehaustisch und das Buch auf eine vergangene Zeit der Bohème (in etwa die Zeit zwischen 1890 und 1914), als sich nicht nur die Frauen emanzipierten, sondern auch das Thema Freitod heftig diskutiert wurde. War Selbstmord zuvor von der christlichen Religion geächtet und verdrängt worden, so wurde er plötzlich zur ultimativen (letzten großen) Tat, an der sich die absolute Freiheit des menschlichen Willens festmachen ließ. Zumindest im Kaffeehausgespräch.