Gottvaters Marginalien – Seite 1

Zwar ist dies hier die beste aller Welten, doch vollkommen würde ich sie nicht nennen. Die Welt ist noch nicht fertig, ihr fehlen noch Sätze, das legitimiert das Schreiben. Ich bin nicht voreingenommen (es stimmt nicht, was die Ungarn über mich kolportieren, ich sei, was meine Abstammung betrifft, einer von ihnen, ein Ungar), doch ist dieses Fußballspiel einfach die Schande der Schöpfung, ein skandalöses Loch im Firmament der Gerechtigkeit. Nun habe ich eine gute Gelegenheit, Ordnung zu schaffen. Was die Deisten auch immer behaupten mögen, ich bin sehr beschäftigt.

Meine Beziehung zu der Zeit ist wegen der Ewigkeit einigermaßen hysterisch. Es war ein vierter Juli, daran erinnere ich mich genau, das mit Bern habe ich schon vergessen, denn es ist nichts, was man sich merken könnte, und ich erinnere mich auch daran, dass ich Kopfschmerzen hatte, daher achtete ich an jenem Tag eben nicht auf alles. In Lima hatte zum Beispiel ein zwölfjähriges Mädchen im Bezirk Miraflores, ich weiß sogar ihren Namen (das ist das Schöne an der Allwissenheit, dass man, beziehungsweise eben Gott, alles weiß; nun, das ist freilich auch das Schlimme daran), neuerdings muss ich auf die Persönlichkeitsrechte achten, damit brauchte ich mich seinerzeit bei der Verfassung des Alten Testamentes nicht abzugeben, ich gab ein, womit mein Herz voll war, die Zwölfjährige also hatte ihren Vater ins Herz gestochen. Der hatte nämlich irgendetwas vom Gebot der Liebe missverstanden und seinen Hosenschlitz aufgeknöpft. Da will ich mich aber nicht nachträglich (?) einmischen, dieses Endspiel von Bern reicht. Ich bin wieder wer.

Ich lasse das Dramatische bestehen, sei es, wie es war, bis zum 2:2. Sehen wir uns einmal die Übertragung an. Dieser Zimmermann ist ein rechtschaffener, gottesfürchtiger Junge, was soll das hier aber: „Posipal scheint ein bisschen hart an den Mann gegangen zu sein“? Wieso „scheint“, und was soll das „bisschen“!? Posipal hat, einfach wie ein wilder Terrorist – es kann uns jetzt einerlei sein, aus welchem Land, von welchem Kontinent (da fällt mir zu den Karikaturen ein: Ich mag es auch nicht, wenn man mich fotografiert, immer muss ich den Kopf anheben, um mein Doppelkinn nicht zu zeigen, doch ist es ohnehin zu sehen, als ich aber offenbarte, ich würde die Ablichtungen nicht genehmigen, musste ich so viel schreien und mich so aggressiv gebärden, um der Aggressivität der Fotoleute auszuweichen, ich führte doch tatsächlich Jupiter-Paraphrasen auf, zog die Brauen zusammen und verstreute Blitze, geriet solcherart in eine ganz fremde Rolle und ließ das Ganze lieber sein, sollen sie ihre Fotos machen, ich aber wandte mich wieder meinem Satz zu, demzufolge ich meinen Nächsten lieben solle wie mich selbst), also hat Posipal den mit einer Engelsseele gesegneten Bozsik brutal in die Erde gestampft.

Und da haben wir noch nicht von diesem Fleischhauer und Metzger namens Liebrich gesprochen. „Czibor nach innen, aber Liebrich, Liebrich, immer wieder Liebrich“. Lächerlich. Als wäre dieser Liebrich überall, nicht nur im Strafraum, sondern überall, in Bern, in Zehlendorf, in Lima – was ja an sich schon eine Gotteslästerung darstellt. Also, ans Werk, hören wir einmal, was Zimmermann jetzt sagt: „Czibor flankt und Czibor nach innen, aber Liebrich – doch was sehe ich, liebe Zuschauer, anstatt dass Liebrich, wie bisher immer, den Ball mit deutscher Geradlinigkeit und Nützlichkeit wegtritt und damit sämtliche genialischen ungarischen Stürmer zur Verzweiflung treibt, tritt Liebrich an Puskás heran, ein liebevolles Lächeln huscht über sein Antlitz, es wird still, im Stadion herrscht Stille, in ganz Deutschland herrscht Stille, hier gibt es jetzt keinen Unterschied zwischen Ost und West, auch die Ungarn sehen erstarrt, wie Liebrich Puskás umarmt und also spricht: „Geh hin, wackrer Ungar, und sündige hinfort nicht mehr“, damit übergibt er den Ball an den Major, dieser zuckt die Achseln und bombt ungerührt ins Netz, ja, meine lieben Hörer, Ungarn führt 3:2.“

Das wäre damit erledigt. Doch was sieht mein wolkendurchdringender Blick? Als höbe Griffith, der Linienrichter, die Hand … Nun, so sprich weiter, guter Zimmermann … „Turek, du bist ein Fußballgott!“ Nicht das, Unglücklicher! Und überhaupt, ich verbitte mir das! „Puskás abseits, Schuss, aber nein! Kein Tor! Kein Tor! Griffiths Hand hebt sich in die Höhe, Abseits! Doch was geschieht da? Oh Gott (wahrlich, wahrlich, kleiner Zimmermann, du siehst es richtig), ich glaube meinen Augen nicht, Griffith sackt urplötzlich zusammen, der Schiedsrichter hat sein Zeichen nicht bemerkt. So entscheidet er auf Tor.“

Gottvaters Marginalien – Seite 2

Ich will mich nicht in Details verlieren, die Ereignisse haben sich lawinenartig überstürzt. Liebrich wurde zum religiösen Eiferer, was innerhalb des Strafraumes inakzeptabel ist, ich nahm ihn sogleich aus der Lebenskette, woraufhin Fritz Walter, die einzige fühlende Seele in der wirklich mittelmäßigen Mannschaft, mausetot umfiel. Der Schiedsrichter wollte das Spiel abpfeifen, also auch er (ich hatte keine andere Wahl). Auf den Zuschauerrängen brach Panik aus, man trat sich gegenseitig tot, damit musste ich mich also nicht beschäftigen, doch wollte ich keine üble Nachrede von den Restlichen, sodass dort jeder starb. Ich konnte mit meinen Lieblingen, mit meinen Augäpfeln, der ungarischen Mannschaft, auch keine Ausnahme machen. Welch letzte Worte verklangen da! Mehr Licht, sagte zum Beispiel der große Hidegkuti. Auch im letzten Seufzer Bozsiks klang Größe mit: immer besser, immer heiterer. Da Czibor, dessen Bewegungen stets unergründlich blieben, aus dem Stadion gelaufen war, musste die ganze Stadt daran glauben, so ging also die ganze Wilhelm-Tell-Bagage unter. Das „Übel“ griff auch auf Deutschland über, ich nahm es im Namen der Einfachheit und der historischen Gerechtigkeit, als hätten sie sich schon vereint, und schon trieben die Leichen sonder Zahl die Oder-Neiße hinunter. Ich wollte verhindern, dass das sensible politische Gleichgewicht gestört werde, also dehnte ich die Lösung auf ganz Europa aus. Zum Weinen gab es keine Zeit (und auch keine Menschen mehr), die Stille war ein wenig verwunderlich, jedenfalls führten die Ungarn 3:2. Doch dann musste ich weiter, zuerst über den Ural, dann über das Meer, dann stand ich schließlich in einem hübschen Gässchen von Miraflores, Mario Vargas Llosa trank irgendwo in der Nähe Kaffee, und mag sein, dass er schon sein Abitur in der Tasche hatte, und ich trat zum Vater des zwölfjährigen Mädchens, schüttelte das Haupt, damit er merke, dass ich seine Denkungsart missbillige, und knöpfte seinen Hosenschlitz traurig, aber hilfsbereit zu.

Hier angekommen muss ich den Ereignissen Halt gebieten und Bilanz ziehen. Auf der einen Seite haben wir diese unerwartete Wendung, nicht wahr, die untergegangene Menschheit, die emsige Arbeit einiger Tausend Jahre ist dahin, auf der anderen Seite jenes die Gerechtigkeit der Welt ins Gleichgewicht bringende 3:2, ganz zu schweigen vom zugeknöpften peruanischen Hosenschlitz. Was nun, wie weiter? Ich musste erkennen, meine Freunde, und das hätte ich schon früher tun können, sollte diese Welt tatsächlich die beste aller Welten sein, dann wäre sie per definitionem nicht mehr verbesserbar, denn wäre sie zu verbessern, dann würde jene verbesserte fortan die beste sein, das heißt, sie könnte dann nicht existieren, denn jene Welt ist nicht diese Welt.

Also notierte ich es mir auf einem Zettel, um es nicht zu vergessen und um nicht noch einmal in Versuchung zu geraten: DIE WELT IST NICHT ZU VERBESSERN. Die Welt ist kein Palimpsest, sie ist nicht radierbar und nicht neu beschreibbar. Damit gab ich zurück an Zimmermann, zog mich in die klassische Pose zurück, hinter und über den Wolken, und ich hörte noch, wie er außer sich heulte: „Aus! Aus! Aus! Das Spiel ist aus! Deutschland ist Weltmeister!“ Und ich sah, dass es gut war.

Übersetzung von György Buda