Am verletzlichsten ist der Hornist im Labialbereich. Auch mikroskopisch nicht wahrnehmbare Veränderungen der Lippenspannung können zum völligen Ausfall der für den Beruf unerlässlichen Spielgeschmeidigkeit führen. In Fachkreisen, auch unter Kritikern, spricht man dann von "schlechtem Ansatz". "Die Lippen der Säugetiere", schreibt ein älteres medizinisches Lehrbuch, "dienen häufig als Tastorgane und sind daher mit Nerven reichlich ausgestattet."

Hier, auf der flaschenrandgroßen Oberfläche rosigen, druckanfälligen Lippenfleisches, haben die millimeterbreiten, gewölbten Ränder meines zur Sepsishemmung vergoldeten Mundstückes mit der 4,5-mm-Bohrung in Tausenden Musizierstunden Wegmarkierungen der Belastungsgrenzen hinterlassen, vernarbte Brennzeichen meines Interpretenprofils. Alle werkseitigen Empfindungssignale müssen diese speichelfeuchte Nahtstelle passieren. Getragen vom meist ruhig dahinfließenden Luftstrom werden die Ausdrucksinhalte meiner Notenvorlagen hier entlang geleitet und durch den Rachenraum, an den Vorderzähnen vorbei, ins Innere des Instrumentes geatmet, werden dort auf vorgeschriebener Tonhöhe in Resonanz und Klangvolumen umgewandelt, um beim Schallschlund samtig und obertonreich wieder auszutreten, sich als mein unverwechselbarer Hornton in den Zusammenhang eines Meisterwerkes einzupassen und dermaßen überzeugend hervorzutreten, dass auch die Fachwelt aufhorchen und den jungen Meisterbläser einmal im Bayreuther Festspielorchester erleben möchte, der Werkund Walstatt wagnerwilliger Wanderbläser. Einen Ruf nach Bayreuth lehnt man nicht ab, egal, wie spürbar einem die aktuelle Beschäftigungslage auch zusetzt. Also erweitere ich im Sommer 1976 meinen oberbayerischen Wirkungsradius um die fränkische Auftrittskomponente, belade meinen 2 CV mit allerlei hornistischen Überlebensrequisiten – darunter mehrere Tiegel mit "Böthels Lippenkraft" und "Böthels Ansatzcrème" – und trete die Reise an, deren Fahrtgeräusche ich zur Optimierung meiner Spiellaune mit stereofonen Auszügen aus dem "Ring des Nibelungen" unterlege.

"Eine Waldweise, wie ich sie kann", dröhnt es durchs Altmühlthal. "Vermählen wollte der Magen Sippe dem Mann ohne Minne die Maid", schallt es über den Tankbereich der Raststätte Köschinger Forst zum Befremden der textlich ungeschulten Fernfahrer, und die im Nachhinein so verwirklichungsträchtige Passage "Zwangvolle Plage, Müh’ ohne Zweck" erreiche ich etwa auf der Höhe von Hersbruck. Statt aber diesem Fingerzeig des Textbuches zu folgen, tauche ich meine vom vorabendlichen Münchner "Rosenkavalier" noch geschwollene Oberlippe in einen Reisehumpen Hefeweizen, dessen Zufuhr ja auch Nichthornisten in jene unübertreffliche Gemütslage zwischen Kampfbereitschaft und Duldertum zu spülen vermag, und fahre hochgestimmt zum Grünen Hügel meiner sommerlichen Prüfungen.

Schon am nächsten Morgen erweist sich das Bollwerk meiner Lippenmuskulatur als einnehmbar. Es ist kurz nach zehn im Restaurant, dem Bayreuther Probenlokal. Silbrig lässt Père Boulez in dominanter Tunika Siegfrieds Waldvöglein quinquilieren, der Drache Fafner röhrt rachentief innig sein verächtliches: "Pruh!" (auf Wunsch Chéreaus damals: "Proux!"), und Mime, der kleine Herr über die große(n) Esse, zwingt den Jungs aus Nibelheim und ihren Ambossen das Letzte ab. Auch ich möchte dieses Letzte geben, bin ja eigens hierher an den Brennpunkt praktizierten Wagnertums gereist, gleich kommt mein großes Solo, leidmotivisch geprägt wie jede Äußerung hier, aber – "Weh, o grundtiefes Weh!" – mein Ansatz löst sich an der wirkungssichersten Stelle des geplanten Melodiebogens aus seiner labialen Verankerung, stürzt gurgelnd und kicksend von der Höhe seines Anspruchs herab, sämtliche gestalterischen Anläufe mit sich reißend, die nun über röchelnde Entladungen nicht mehr hinauskommen; mein legendäres hohes H, auf das ich bislang noch immer zurückgreifen konnte, verlässt als fehlgeschlagenes G den Schallbecher, Kollegenstimmen trällern, verzerrtes Echo meines Scheiterns, im Chor die Passage, die ich hätte spielen sollen, durch den Saal, und hinterm nutzlosen Mundstück sitze ich im Klangschatten meiner spärlichen Überreste "Zertrümmert, zerknickt, der Traurigen traurigster Knecht!" (Rheingold, 4. Szene). "Fokale Dystonie" würde der Psychologe heute diese Form des Lippenversagens vielleicht nennen. Damals dachte ich: bloß nicht drüber nachdenken und schnell weg hier. Ich bin in den "Jahrhundert-Ring" gestiegen und seinen Belastungen erlegen. Das ist die bittere Erkenntnis, die ich nach Probenende einem heilsamen Spaziergang abgewinne, auf dem mir die Stimme meines inneren Waldvögleins trostreich zwitschernd zur umgehenden Heimreise rät.

Meine Mitbewohner sind froh über meine vorzeitige Rückkehr. Helga will mir in diesem Sinne sogar ein Küsschen geben. "Vorsicht!", warne ich. "Dicke Lippe." "Na dann erst recht!", sagt sie und trifft ihre Vorkehrungen.