Dass die Netze nicht binnen Tagen zu flicken waren und bald der Mangel an Ess- und Trinkbarem und an Wärme alles dominieren würde, das freilich war nicht zu verdrängen. Auf handgeschriebenen Anschlägen gab es informationsähnliche Verlautbarungen, empfangen über Notnetze irgendwelcher Dienste. Aber auch die waren dürftig und halfen nicht weiter. Ursachengestammel, Bitten um Verständnis, Danksagungen für Geduld, man tue das irgend Mögliche et cetera. Auf Hamsterfahrten in die Dörfer wurde weithin verzichtet, auch wegen des Mangels an Treibstoff. Und wer hatte schon noch Handwagen. Viel zu holen war da bereits nach wenigen Tagen ohnehin nicht mehr. Die agroindustriellen Unternehmer waren eben nicht die miesen, knallhart verhandelnden, aber doch mit Essbarem versehenen Bauern, die einst den Großeltern Teppiche und Schmuck für einen Sack Kartoffeln, eine Speckschwarte und zwanzig Eier abgenommen hatten.

Selbst die Bauern blieben ob des herben Verlustes nicht ohne Mitleid, das lebende Kapital wurde in einer anderen Form aufgehoben

Ohne Strom keine Lüftung in den Ställen, keine Heizung und keine Futterverteilung. Und kein Wasser wurde hochgepumpt aus den tiefgebohrten Brunnen. Aussichtslos, die wachsende Qual der überspannten Euter zu mildern. Ungewohnt den Fingermuskeln das Melken. Vielleicht zehn bis fünfzehn Kühe waren bewältigbar, doch eben nicht hundert. Zuerst krepierten die Ferkel, schon nach Stunden. Wenn Hunderte von Muttersäuen und Rindern nach Futter, Wasser und Wärme brüllen und die Luft ausgeht in den Ställen, so schlägt das auch abgehärteten Viehwirten auf Nervenkostüm und Gemüt. Erstaunlich, wie agroindustrielle Fressmaschinen im Todeskampf wieder zu Tieren wurden. So blieben selbst Bauern angesichts des Verendens ihres lebenden Kapitals nicht ohne Mitleid und unerschüttert.

Das Schlimmste, das war die Kälte. Die Fenster mit Decken verstopft, aneinandergeschmiegt unter unförmigen Kleiderwülsten die fröstelnden Körper im jeweils kleinsten der Zimmer, die klammen ungewaschenen Finger Wärme suchend vorm Mund oder ineinanderreibend oder im Ärmel geborgen. Ein paar Stuben in alten Häusern mit Kachelöfen wurden Orte eines Notkommunismus, Horte des Überlebens. Wer einen Kamin besaß, dessen Haus wurde rücksichtslos vergemeinschaftet, da wurde der Stadtpark zu Rauch. Manche hatten noch die Berichte von Großeltern in den Ohren, wie man sich trick- und fintenreich durchgeschlagen hatte nach Kriegsende. Doch das jetzt war von anderer Art. Es gab kaum Chancen, sich fasziniert darbend in Pfadfindermanier abenteuerhaft über die Runden zu retten. Die Möglichkeiten zu improvisieren waren dürftig. Wer hatte schon noch Kachel- oder Kanonenöfen zum Verfeuern von Briketts, zersägten Obstbäumen, Propagandamaterial und Klassikerausgaben? Gewiss, Gasflaschen und Brenner wurden aus Lauben in Wohnungen geschleppt, doch nicht viele waren so ausgestattet. Nichts gab es zu klauen an Überlebensnotwendigem aus Güterwaggons, von Pferdewagen und LKWs, nichts zu schnorren bei Besatzern, nichts sinnvoll zu tauschen, kaum Schieber und Schwarzmärkte.

Ohne Wasser verfiel die Hygiene dramatisch. Selbst der Schnee wurde knapp in den Städten. Rasch waren die Leitungen vereist und geplatzt, auch die Notpumpen in Ruhe. Wassertürme hatte man vor Jahrzehnten schon stillgelegt und oft in spleenige Behausungen verwandelt. In Eislöchern gefüllte Wassereimer wurden mit klammen Händen durch die Straßen geschleppt. Alten- und Pflegeheime verzeichneten hohen Abgang. Beerdigungen ohne Maschinen waren in der Kälte kaum drin. Man sparte das bisschen Kraft fürs Leben. Die Flächen zwischen den Wohnsilos und Mietshäusern gepflastert mit gefrorenen Defäkaten. Die Fenster wurden ohnehin selten geöffnet. Nervöses Geballer von Wachdiensten. Keine Alarmanlage intakt, kein Notrufsystem. Plünderer von Tag zu Tag dreister.

Eine Art Ausnahmezustand musste das Notwendige sichern

Die normierende Wirkung der Jobs und der Kollegenschaft war weg. Die einen fanden sich zusammen in Bürgerwehren, zu Hilfs- und Notversorgungsbrigaden, die freilich wenig mehr organisieren konnten als sich selbst. Andere, vor allem welche, die sich recht gut mit Vorräten versorgt glaubten, zogen sich zurück, verfielen ins Eigenbrötlerische. Und es gab alsbald die, die genug hatten vom Darben und Warten, von den Demaskierungen anderer und ihrer selbst, die einfach sich der Passivität anheimgaben wie einer neuen Geborgenheit, die Wohnung nicht mehr verließen und den erlösenden Schlaf erhofften.