Pflegekräften, Ärzten, Pfarrern und sonstigen Seelentröstern wuchs eine lange nicht erfahrene dankbare Hochachtung entgegen. Kirchen und Sekten hatten ihre Zeit, verhießen verheerende Unbill den noch immer nicht Reuigen und Bill den Braven, zogen, enthusiasmiert vom Gespür nahender Apokalypse, die Register von Heil und Gericht, schufen Gemeinschaft. Dabei waren doch nur Hochspannungsleitungen gerissen und Stahlmasten gekippt.

"Just in time" zeigte jetzt seine Kehrseite. Ohne Material und Energie war nichts zu erzeugen. Wo nichts erzeugt wird, braucht man kaum etwas zu transportieren. Wo nichts angeliefert wird, kann man nichts kaufen und braucht kaum Geld. Und wer mit Geld wenig anfangen kann, ist nicht sehr anheischig, Dienstleistungen anzubieten. Irgendwie verfestigte sich dieser Zustand. Viele sparten den Tankinhalt auf für die Flucht in derzeit bewohnbare Regionen und fuhren meist doch nicht los, hielten, wie sie sagten, die Stellung wegen der Plünderungen. In Wahrheit wusste kaum jemand mit leidlicher Gewissheit, wohin und wie weit zu fahren wäre, geschweige, wie die Chancen durchzukommen wären oder ob man irgendwo auf blockierten vereisten Straßen dann weder vor noch rückwärts käme, wusste auch kaum vom Schicksal derer, die aufgebrochen waren. Eine Mischung aus Angst, Trägheit und Hoffnung auf Strom oder Wetterwechsel oder Hilfe von außen blockierte den Aufbruch.

Dabei gab es in den großen Städten, denen mit E-Werk, noch versorgte Bereiche. Nur die Leitungen waren ja ausgefallen, nicht die Erzeugung von Strom, solange die Vorräte der Werke reichten oder diesellokgetriebene Kohletransporte auf geräumten Strecken trotz Ausfalls der Stellwerktechnik irgendwie durchkamen. Doch auch die Förderanlagen brauchten Strom und auch die Verladung der auf Halde liegenden Vorräte. So war es fast nur Importkohle, die noch anrollte. Was an Kabeln im Boden verbuddelt war, hielt. Hier in den Ballungszentren gab es Wärmebereiche, beheizte Häuser, selbst Büros und Werkstätten mit Licht. Nicht das Land, die große Stadt schien diesmal der Rückzugsbereich fürs Überleben zu sein, vorerst zumindest, weil Kälte rascher durchgreifen konnte als Hunger und fleischund milchlose Zeiten gewöhnbar sind. In anderen Worten, Strom war zumindest auf kürzere Sicht fürs Überleben wichtiger als jede Verbindung mit der Erde.

Man sehnte sich in den Großstädten nicht nach denen, die da von außerhalb angefröstelt oder halberfroren angetrottelt kamen, mit scharfem Geruch wegen langem Wassermangel, und die in überfüllte Wärmeräume drängten. Doch abweisen ging nicht. Eine Art Ausnahmezustand musste bisweilen das Notwendige sichern, denn im Zeitraffer regredierte bei manchen Moral und Verhalten noch unter Steinzeitniveau, beschränkten sich Mitgefühl und Rücksicht allenfalls auf die Kleinfamilie.

Als Erstes hatten die Kernkraftwerke Nutz und Funktion verloren. Als Einzige zwar hatten sie keinerlei Rohstoffproblem, doch sie standen nun mal nicht in oder nahe den großen Städten – das hatten die Kampagnen technikfeindlicher Ideologen verhindert. Folglich waren deren Leitungen weit überm Land fast alle vom Wetter gekappt, zumal sich rächte, dass wegen der Ausstiegsvorgaben seit langem kaum ein Cent noch in diese Netze investiert worden war. Irgendwann kamen Kolonnen von Bussen, beladen mit Überlebensfracht, voran Panzer und Räumfahrzeuge. Zuerst die mit Säuglingen und kleinen Kindern, so hieß es. Halbvermummte mit MPs sollten andere in Schach halten. Handzettel wurden verteilt. Sehr groß sei diesmal die betroffene Region, vielfach größer als bei jenem kurzen Stromdesaster vor Jahren im Münsterland. Kreis um Kreis werde evakuiert. Wohin, das blieb unklar. Die Rewonfall AG, der Strommonopolist, versicherte die Bevölkerung ihres Mitgefühls in dieser so lange schon anhaltenden Notlage, warnte noch einmal dringend davor, sich den herabgestürzten und auch den noch nicht herabgestürzten Leitungen zu nähern, und informierte vorsorglich, dass Schadenersatzforderungen an den Konzern keinen Sinn haben würden. Denn es handle sich um höhere Gewalt. Das war zumindest geometrisch gesehen kaum zu bestreiten.

Nach der "Verordnung über allgemeine Bedingungen für die Stromversorgung von Tarifkunden" würden die Versorgungsunternehmen bei Versorgungsstörungen nur bei Vorsatz oder grober Fahrlässigkeit haften. Naturereignisse lägen außerhalb jeder Verschuldungszurechnung. Auch habe man sich im Zuge des Kostenschubs der Netzreparaturen auf Tarifanpassungen einzustellen. Hilfreich gab Rewonfall jedoch in ihrem Hand-out zu wissen, dass Hausratversicherungen mit Gefriergutklausel für wegen Stromausfall verdorbenes Gefriergut aufkämen, während Elementarschadensversicherungen nur für Schäden hafteten, die direkt von Naturgewalten Haus oder Wohnung zugefügt worden seien. Da der Schnee jedoch auf die Hochspannungsleitungen und nicht auf die Häuser gedrückt habe, bestehe kein Schadensersatzanspruch. Großzügig werde Rewonfall jedoch jedem Kind, das in diesen Wochen in den betroffenen Regionen gezeugt worden sei, bei Geburt ein Begrüßungsgeld von 300 Euro auf Antragstellung bei Vorlage der Geburtsurkunde zukommen lassen, und das unabhängig vom Einkommen der Eltern. Eine solche Geste sei schon damals beim Schneedesaster im Münsterland von der Kundschaft sehr positiv aufgenommen worden und habe deutlich zu einem wieder gedeihlichen Miteinander beigetragen.

Diesmal jedoch empfand man diese Großzügigkeit eher als Hohn. Die vom Land gekommen waren in jene Großstädte, wo ein öffentliches Leben noch oder wieder lief, wo es Versammlungen gab und Medien, gerieten ihrer Verbitterung wegen rasch an die Grenzen unbeherrschbarer Gewaltbereitschaft. Demagogen nutzten die Gereiztheit zu Verbalattacken gegen Stromversorger und alle Privatisierung von Infrastrukturen. Erinnert wurde an jüngst vergangene Verlautbarungen der Branche und professoraler Experten, dass das, was eingetreten war, mit Sicherheit nicht eintreten konnte. Überkapazitäten noch und nöcher, Netzdichten wie fast nirgendwo sonst in der Welt, Computer, die bei Störung in Nanozeit in den Netzlabyrinthen die Umleitungswege schalteten – mehr Sicherheit sei gar nicht vorstellbar –, so hatte man wiederholt gehört.