Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich an einem kalten Wintertage recht nahe zusammen, um durch die gegenseitige Wärme sich vor dem Erfrieren zu schützen. Jedoch bald empfanden sie die gegenseitigen Stacheln; welches sie dann wieder voneinander entfernte. Wann nun das Bedürfnis der Erwärmung sie wieder näher zusammenbrachte, wiederholte sich jenes zweite Übel; so daß sie zwischen beiden Leiden hin- und hergeworfen wurden, bis sie eine mäßige Entfernung voneinander herausgefunden hatten, in der sie es am besten aushalten konnten. – So treibt das Bedürfnis der Gesellschaft, aus der Leere und Monotonie des eigenen Inneren entsprungen, die Menschen zueinander; aber ihre vielen widerwärtigen Eigenschaften und unerträglichen Fehler stoßen sie wieder voneinander ab. Die mittlere Entfernung, die sie endlich herausfinden, und bei welcher ein Beisammensein bestehen kann, ist die Höflichkeit und feine Sitte. Dem, der sich nicht in dieser Entfernung hält, ruft man in England zu: keep your distance! – Vermöge derselben wird zwar das Bedürfnis gegenseitiger Erwärmung nur unvollkommen befriedigt, dafür aber der Stich der Stacheln nicht empfunden." (Schopenhauer: Parerga und Paralipomena II, § 396) Ähnlichkeiten mit lebenden Personen wie den folgenden sind – natürlich! – rein zufällig.

Eines Abends am Kamin in Kohls Bonner Kanzlerbungalow: Der "Dicke", wie wir ihn durchaus mit einem Unterton von Respekt nennen, hat etwa fünfzehn PolitJournalisten um den runden Tisch versammelt. Wie oft in braunen Schlappen, breitet er leutselig seine Vorstellungen aus, zieht über seine innerparteilichen Gegner her, verschont keinen der Anwesenden mit seinem beißenden Spott, und wer nicht herausgeben kann, hat schon verloren. Und zeigt uns, wie trinkfest er ist und wie lange er durchhält: Kaum einer traut sich zu gehen, bevor er die Tafel aufhebt – auch bei mir manchmal mit wahrnehmungsbeeinträchtigenden Konsequenzen. Dass er uns oftmals ganz nebenbei als Versuchskaninchen benutzt, wird manchen erst später klar. Ob er nicht selbst für das Amt des Bundespräsidenten kandidieren sollte, hat er in die Diskussion geworfen und aalt sich förmlich in der ausgelösten Aufgeregtheit. Wie Raubtiere auf den Fleischbrocken stürzen sich einige auf die anscheinend neue Idee, der ihr Urheber sicher von vorneherein den Vornamen "Schnaps-" zugedacht hätte, hätte er nicht unseren Berufsstand so gut gekannt wie kaum ein Zweiter. Helmut Kohl ließ regelmäßig bitten – die verschiedensten Kreise und Personen. Aus einem dieser Kreise stammt die obige Schilderung, aus dem "Büroleiterkreis". Nicht mehr als zwanzig kamen in unregelmäßigen Abständen in den Genuss der Kohlschen Kaminrunden, bei denen mit deftigem Essen, wie er es mochte, mit Wein und Bier nicht gegeizt wurde. Kohl nannte den sich dabei entspinnenden ungleichen Dialog immer: "Wir diskutieren", obwohl wir lediglich brav Fragen stellten, auf die er dann breit und bräsig bramarbasierend antwortete. Zurück zu jenem Abend: Mitten in dieser erhitzten "Diskussion" meldet sich plötzlich Martin Schulze und wird ernst: Ob sich eigentlich jeder hier bewusst sei, dass man unter drei rede. Also rein vertraulich, nicht zur Veröffentlichung bestimmt. Alle nicken, woraufhin sich der ARD-Studioleiter erleichtert zurücklehnt. Er will sicher sein, dass nicht noch am späten Abend eine Sensationsmeldung durch Bonn eilt und ihn auf den Schirm nötigt. Doch dem hat Kohl vorgebeugt: Nie lud er Agenturjournalisten oder Hörfunkkollegen ein – die waren ihm zu nervös. Kohl hat nicht nur Saumagen und Pfälzer Schoppen, sondern auch das Hinterzimmer gemocht. Hinterzimmer beschreibt nach Wikipedia, der Internet-Enzyklopädie, "ein Zimmer innerhalb eines Gebäudes. Hinter bezieht sich dabei jedoch selten auf die absolute Lage des Raumes (beispielsweise im Hinterhaus), sondern auf die Position relativ zu einem tatsächlichen oder gedachten ,Vorder‘zimmer. Das Hinterzimmer ist dabei der Gegenpol zum öffentlichen, repräsentativen ,Salon‘." Der Begriff wird oft metaphorisch verwendet: Mit Hinterzimmer werden im künstlerischen Kontext gerne avantgardistische Aktivitäten an der Grenze zur Subkultur gekennzeichnet. Das Hinterzimmer ist mitunter nur einem begrenzten Personenkreis zugänglich. "Während man in den Vorzimmern von höher gestellten Persönlichkeiten, Behörden und Institutionen als einfacher Bürger oft einen Antichambreur in Anspruch nehmen musste, um in das eigentliche Amtszimmer zu gelangen, war das Hinterzimmer der Ort für besondere Anlässe, aber auch ein potenzieller Ort für Handlungen und Absprachen, die außerhalb der Öffentlichkeit stattfinden sollen oder müssen. In diesem Sinne wird ,im Hinterzimmer‘ im Zusammenhang von Medien und Politik häufig als Redewendung benutzt, um klandestine Absprachen zu kennzeichnen." So weit das virtuelle Lexikon.

Kanzler Kohls Tafelrunde ist nur ein Beispiel für fast ein halbes Hundert Kreise, Gesprächsrunden, Korrespondenten-Zirkel oder Journalisten-Zusammenschlüsse, die einst in Bonner, heute in Berliner Hinterzimmern tagen und die eigentlich nur ein Ziel haben: vertrauliches Reden mit wichtigen Legislaoder Exekutoren. Die Zeitläufte analysieren, künftige Entwicklungen vorausahnen oder jüngst Vergangenes ausloten – manchmal aber auch nur austauschen, wer was wann zu wem gesagt hat und was er damit wollte oder was er damit ausgelöst hat. Besseres Verständnis von Politik eben, jüngst vergangener ebenso wie unmittelbar bevorstehender. Manches wird dabei im Vertrauen durchaus in der Hoffnung mitgeteilt, es dann irgendwo doch zu lesen. Die Informanten wollen sich wiedererkennen: Eitelkeit oder Spiel über die Bande oder beides. Den Informierten bleibt es frei, das Gehörte als selbst geschöpfte Erkenntnis weiterzugeben, aber stets ohne Nennung des Urhebers. Wer Dritte outet, ist postwendend selbst out – erfährt nichts mehr. Do ut des. Einmal habe ich das nicht durchschaut, eines Abends kurz vor Weihnachten 1998 im Bonner Robichon, eben ist gemeldet worden, Briten und Amerikaner haben Bagdad bombardiert, ich soll live im RTL-Nachtjournal kommentieren. Zufällig kommt Wolfgang Schäuble an unserem Tisch vorbei. Während eines kurzen Meinungsaustauschs schlägt er vor: "Sagen Sie: Die Bundesregierung hat durch ihre außenpolitischen Alleingänge die Allianz geschwächt und Saddam zu seinem Vorgehen ermuntert." Auf meinen Einwand, damit kündige er den traditionellen außenpolitischen Konsens zwischen Regierung und Opposition auf, insistiert er. Also notiere ich seinen Vorwurf, danke, und zitiere ihn wörtlich um Mitternacht sowie (nach kurzem Schlaf ) in den Frühmorgensendungen. Natürlich bin ich stolz auf das Exklusivzitat samt Agentur-Echo. Und auf das ausgelöste Erklärungs-Pingpong, wie etwa die aggressiven Reaktionen von Schröder und Fischer. Schließlich lässt sich der Urheber in einer Meldung vernehmen, da habe ein Journalist "etwas aus dem Zusammenhang gerissen", die klassische Ausflucht des Ertappten.

Ich entschließe mich, Schäuble einen Brief zu schreiben, den ich ihm vorab faxe. Denn es gibt keinen von ihm behaupteten "Zusammenhang". Obwohl nicht in Bonn, ist er nur fünf Minuten später am Telefon. Gewunden räumt er ein, dass das "mit dem Zusammenhang vielleicht nicht so glücklich gewesen" sei, als Kompensation verspricht er mir nun ein wirklich exklusives Zitat. Zu Weihnachten erhalte ich eine Karte mit aquarellierten Birken drauf und dem Satz: "Schade, dass Sie etwas missverstanden haben …". Auf den exklusiven O-Ton warte ich bis heute. Etwas früher stellt sich dagegen diese Erkenntnis ein: Schäuble hat mir seinen Satz unterschieben wollen – ich sollte wohl sein Verdikt als meine Meinung in meine Kommentierung übernehmen. Die Kreise zerfallen in zwei Kategorien. Die eine unterscheidet sich von Pressekonferenzen eher durch den Grad der Vertraulichkeit als den der Wahrhaftigkeit. Worin sie sich nicht unterscheiden: Interessierte Politiker teilen interessierten Journalisten ihre Sicht der Dinge mit – und den Unterrichteten bleibt es überlassen, ob sie sich unterrichtet oder hinters Licht (schrödersch: hinter die Fichte) geführt fühlen. Einer meiner journalistischen Väter, Dagobert Lindlau, nannte uns Journalisten "die am meisten belogenen Leute der Welt". Runden wie die Kohlsche werden von den Sprechern oder -innen der Politiker oder -innen organisiert. So laden Parteivorsitzende, Minister und Fraktionschefs, Generalsekretäre oder parlamentarische Geschäftsführer mehr oder minder regelmäßig zu so genannten Hintergrundgesprächen ein, in ihre Häuser oder in Kneipen – die erste Kategorie. Der berühmteste Kreis dieser Art: Der weißblaue Stammtisch (in Berlin oft in Unkenntnis blauweißer tituliert), jahrelang Plattform (gelegentlich im Wortsinn) des CSU-Landesgruppenvorsitzenden Michael Glos, jetzt des Peter Ramsauer, jeden Dienstag einer Plenarwoche in der Bayerischen Landesvertretung. In der ersten Kategorie gibt es meist umsonst zu essen und zu trinken. (Für einen diesbezüglich interessierten Journalisten ist der Überblick darüber, wann und wo es in Berlin gratis Essen und Trinken gibt, ohnehin wesentlich schwerer zu erhalten, als das in Bonn der Fall war.) In der zweiten Kategorie zahlt jeder selbst: Das sind die eigentlichen Kreise, meist von Journalisten in Selbstverwaltung organisierte Zusammenschlüsse mit den seltsamsten Namen. Fangen wir in grauer Vorzeit an: In Bonn gab es den legendären "Ruderclub", einen exklusiven Zirkel erlauchter Korrespondenten, vor allem konservativer Büroleiter und Chefredakteure, die sich im Bonner Ruderclub zu Politikergesprächen zusammenfanden. Am längsten überlebt hat aus Bonn die "Gelbe Karte". Auch noch aus Bonner Tagen stammend lädt der "Brückenkreis" nach wie vor zum vertraulichen Plausch; das ist einer der ältesten Zusammenschlüsse eher Union und FDP nahestehender Medienleute, der seinen Namen der schlichten Tatsache verdankt, dass er im Haus eines Beueler Wassersportvereins auf der sogenannten schäl Sick residierte, man also über die Brücke ins Rechtsrheinische fahren musste. Im "Adlerkreis" trafen sich Militärfachjournalisten im Hotel Adler in Bad Godesberg, heute heißt dieser Informationsclub abgeleitet von den Offizierssternen "Vier-Sterne- Kreis". Der "Provinzkreis" ironisiert im Namen die Herkunft seiner Mitglieder: 25 bis 30 Korrespondenten von Regionalzeitungen holen sich seit 20 Jahren bei Gesprächen mit den Mächtigen ihre Hintergrundinformationen.

Und so weiter – und so fort: Das "Rote Tuch" nimmt nur Frauen auf; die "Antenne" vereint alle "Elektroniker", will sagen, alle die, die eine solche zur Veröffentlichung ihrer lichtvollen Ausführungen brauchen, in "U 30" treffen sich die unter Dreißigjährigen. Der "Dresslerkreis", heißt es, sei benannt nach einem Lokal Unter den Linden; "Vino Rosso", ein in Berlin entstandener, gemischter Kreis aus Einheimischen und Ausländern, signalisiert schon durch die Namensgebung eine gewisse Lebensart und zieht das Gespräch dem Frageund Antwortspiel vor – schließlich der "Wohnzimmerkreis" (klein, aber sehr fein: Hier werden die Gäste reihum jeweils privat, also im Wohnzimmer, bekocht). Schließlich noch das "Berliner Zimmer", "Tacheles", "Salon Wissen" – von Letzteren kenne ich nicht mehr als den Namen. Das sind längst nicht alle, aber alle Kreise haben eines gemeinsam: Während Politikerrunden gewöhnlich unter eins (wörtlich zitierfähig mit Namensnennung) oder unter zwei (nicht mit Namen zitabel: nur "aus Kreisen", oder "aus dem Kanzleramt hört man …") sprechen, legen die von Journalisten gegründeten Runden Wert darauf, dass mindestens Teile der Gespräche "unter drei" stattfinden, also geheim bleiben.