In einer Viertelstunde kann die Welt sich verändern. Wer behauptet solch einen Unfug? Die Werbemenschen des Senders BR 5. Und suggestiv schieben sie nach: B5, das Radio für die Infogesellschaft. Infogesellschaft? Bin ja ich, möchte aber so nicht apostrophiert werden, ein bemooster "Nachrichten- Junkie" sogar, seit das Kind, früh und gewaltsam aus seinen Träumereien geschüttelt, hineinkroch in den Volksempfänger VE 301 DYN, anschließend an die Fanfaren der Sondermeldungen den auf- und abschwellenden Feindsender BBC suchend. Verfluchtes Fading. Rückkoppeln, bis es quietschte. Geheimnisvolle, verbotene Stimmen, englischer Akzent. Hugh Carlton Green, Lindley Frazer. Was tat das Kind als Schwarzhörer vor dem Volkslautsprecher? Es war ausersehen von der Familie, Informationen zu häufeln, eine Vertrauens-, eine Zutrauensstellung; durfte Vortrag halten über die Lage, falls man sie zu erfahren wünschte – so wie das Kind sie verstanden hatte. Eine Summe aus Wehrmachtsbericht plus BBC.

Aufgestört von auf- und abschwellenden Alarmsirenen, verließen wir, alsbald die elektrodynamische "Goebbels- Schnauze" abgeschaltet wurde, das Wunschkonzert der deutschen Wehrmacht, untergehakt gleichsam stolperten wir in die muffige Höhle des Luftschutzkellers, wo eine weitere Senderfamilie uns erwartete, der Drahtfunk, ein Service der Nazis, welcher "Luftlagen" ausspuckte. Unangenehm tickend, als sei’s selbst ein Sprengmittel. Dann: Achtung! Achtung! Schwache feindliche Bomberverbände über Arnheim im Anflug auf Oberhausen. Das stimmte uns zufrieden, so lange, bis unsere Flak, unsere Achtacht, auf dem Mechtenberg zu ballern begann und die schwachen Lancaster ihre Bombenschächte über uns öffneten, uns ängstigten, töteten, uns, die Leute von Gelsenkirchen, während Oberhausen ein anderes Mal drankam.

Das Kind lernte im Laufe des Krieges, notgedrungen früh gereift, jeglicher Botschaft aus dem Äther zu misstrauen, anzuerkennen aber die Realität von Fliegerangriffen und nachfolgend hagelnden scharfzackigen Granatsplittern – um bald allem, was gesagt, angeordnet, befohlen wurde, in feindlicher Abwehr zu begegnen. Einbildungskraft, schweifende jugendliche Fantasie plus schlechter Empfang des Radios ließen Einbildungen wuchern. Das Kind, bald auch ringsum seine Erwachsenen, bevorzugte mehr und mehr das Ungefähre, wenn es an die Kriegswelt draußen dachte, das ließ Spielraum für Hoffnungen, für ein Hinzuerfinden, für eine Abwehr des Unerträglichen. Das Kind merkte: offiziös mitgeteilte Tatsachen, etwa: Zielwege der Bomberverbände, kalkig aufgemalte Parolen entlang der Köln-Mindener Bahn (Räder müssen rollen für den Sieg – doch der Zug als Träger des Imperativs war längst durchlöchert, zum Krüppel geschossen worden, lächerlich, mitsamt seinen Siegeswörtern, durch die Garben der Tiefflieger) – das Kind merkte (sich) also, dass die ihm übermittelte Welt "nicht stimmte", nicht übereinstimmte mit der seinen; in der Wirklichkeit war vorherrschend ein Raunen und Flüstern. Denn in den Kriegen, wenn niemand Genaues nicht weiß, manchmal nicht erfahren will, oft nicht erfahren soll, blühen Gerüchte. Mutmaßungen. Hörensagen diktiert Erzählungen. Ja, großes Gemunkel wogt über Zeit und Land.

Was das ist? Gemunkel? Erklärung kaum möglich, undefinierbar, lautmalerisch. Nicht zufällig verspricht der schönste passende Reim ein Munkeln im Dunkeln. Aha, schlag nach bei Christian Morgenstern? Palma Kunkel vielleicht? Nein. Aber Dichter fühlen sich wohl, wenn sie munkeln. Davon später mehr. Am geheimnisvollsten tönt die englische Version. Munkeln ist auch: whispering. Raunen. Also ergriff das große großdeutsche Gemunkel alle einfachen sowie alle bessergestellten Volksgenossen, die Arbeiter der Faust wie jene der Stirn und erfüllte sie mit Furcht, Hoffnung und Torheit. Wir schreiben den Zweiten Weltkrieg. Man munkelte, der gute Hitler werde öfter im Dunkeln gelassen hinsichtlich dessen, was die Seinen, was seine Bonzen täten oder verbrächen. Wenn das der Führer wüsste!, kräftigten die Volksgenossen autosuggestiv-rhetorisch ihren unverbrüchlichen Glauben an den unfehlbaren Allmächtigen. Man munkelte, im kommenden Monat werde eine Sonderzuteilung Butterschmalz aufgerufen, werde der Amerikaner Köln nicht bombardieren, der Ford-Werke wegen, werde der Blitzkrieg gegen den Erbfeind X morgen restlos zu Ende sein. Das dumme deutsche Herrenvolk munkelte sich was zusammen in den Bombennächten und beim Schlangestehen. Bald käme "die Vergeltung". Die seinerzeitigen IMs des Sicherheitsdienstes der SS notierten in ihren selbstverständlich reichsgeheimen Lage- alias Munkel-Berichten: "Fast allgemein ist die Ansicht, dass die Vorbereitungen für die Vergeltung abgeschlossen seien. Dabei beruft man sich auf Erzählungen von Soldaten … jetzt werde nur noch der psychologisch günstige Zeitpunkt bzw. der Einsatzbefehl des Führers abgewartet. Es hieß, der Führer habe erklärt, das deutsche Volk werde noch eine schöne Weihnachtsüberraschung erleben … Aufforderungen zur Umquartierung von Frauen und Kindern hätten nur den Zweck, das Ausland zu bluffen. Die Engländer", munkelten meinungsmäßig abgeschöpfte Volksgenossen-Kreise, "würden unmittelbar nach Beginn der Vergeltung mit Großangriffen kommen, aber die Luft würde ihnen sehr bald ausgehen. Dazu erzählt man sich (respektive munkelte man, d. Verf.), in Westdeutschland sei die Bevölkerung aufgefordert worden, sich für einen 6o-stündigen Aufenthalt im Luftschutzkeller mit dem Nötigsten zu versehen, so lange dauere nämlich die Vergeltung, wenn sie aus dem Keller herauskäme, sei der Krieg zu Ende." – ("Meldungen aus dem Reich", 27. Dezember 1943) Irgendwie eine märchenhaft törichte Szenerie, welche nur eins nicht enthielt: Zweifel am Führer, am Krieg, an der eigenen rassistischen Verblendung – eine Szenerie, in welcher "die Vergeltung" derartig batmanmäßig personalisiert war, dass man sie persönlich zu kennen glaubte oder spätestens als wundertätiges Sammelabzeichen für das Winterhilfswerk erwartete. Das Volk faselte von Stratosphären- Geschossen, welche New York, wahlweise London, in Brand setzen respektive dem Erdboden gleichmachen würde, öff- nete seine Ohren einer Sorte Eisbomben, welche ätzenden Nebel versprühen könnten, erdichtete Roboterflugzeuge aller Art, derweil die reguläre, kämpfende deutsche Truppe großen Mangel litt an schlichtem Kriegszubehör wie Benzin und Munition, Verbandsmaterial – derweil der "Volkssturm" gar, das allerletzte Aufgebot (wozu auch der Verf. zählte als unfreiwilliger Kindersoldat des Führers), mit italienischen Karabinern des Jahrgangs 1917 aufgerüstet wurde, dessen wunderlichstes Teil ein fest aufgestecktes Seitengewehr war. Hernach materialisierte sich die Wunderwaffe "Vergeltung" als großes V: V1 ein unbemanntes Strahlflugzeug, V2 eine echte Mittelstreckenrakete (siehe auch Wernher von Braun, Häscher der USA, Mondfahrt usw.). Vollgepackt mit Dynamit trafen V1 und V2, weit streuend und das Kriegsgeschick glücklicherweise nicht wendend, das südliche perfide Albion, was das Verhältnis der britischen Boulevardpresse zum deutschen Wesen bis zum heutigen Tag und in alle Ewigkeit trüben sollte.

Erklärlich wird der kollektive Realitätsverlust, weil die Unmittelbarkeit eines bis in die Städte, bis in die "Heimat" vorgerückten Krieges die "Schrumpfung des Menschen auf das Nächstliegende" (H. D. Schäfer) bewirkte, ja sogar "eine dauernde Schrumpfung des Horizonts" (Felix Hartlaub), dies als Folge der eingeschränkten und eingeengten Weltverbindung durch das Angewiesensein auf Nazipresse und eben "Volksempfänger". Eine ähnliche, den Wunderwaffen verwandte, aber kaum intelligentere Bedeutungserhöhung erlangte übrigens "die Invasion". Munkelsammler des "Sicherheitsdienstes" notierten zum Zweck der geheimen Information der Nazileitungskader, dass die Nachricht vom Beginn der I. teilweise mit großer Begeisterung aufgenommen worden sei, nachdem man wegen des langen Ausbleibens schon nicht mehr daran geglaubt habe (an die Invasion! d. Verf.). Das Schlimmste, was hätte passieren können, sei gewesen, dass die Invasion überhaupt nicht komme. Ergänzend erfand das munkelnde Volk eine eigenartig dämliche, vermischte Haupt- und Sinnfrage: "Kommt mit der Invasion auch die Vergeltung?" Und wer sich in den Tagen der alliierten Landung in der Normandie (Juli 44) schämte, vorübergehend am versprochenen Endsieg gezweifelt zu haben, weil er möglicherweise heimlich den Feindsender BBC gehört hatte – der retirierte schleunigst und meldete sich innerlich bei Hitler zurück. "Vor allem aber (las der ‚Sicherheitsdienst‘ von der Volksgenossen Lippen) erkenne man wieder einmal die weitsichtige Planung des Führers. Es habe sich jetzt gezeigt, wie recht der Führer hatte, auf allen Kriegsschauplätzen kurzzutreten und alle Kraft auf den entscheidenden Schlag im Westen zu konzentrieren." Dass solche Munkeleien nicht rein und allein in der Tiefe des deutschen Gemüts entstanden, ist einer dünnen Schicht von Zeitgenossen nicht verborgen geblieben. Theo Findahl, Korrespondent der norwegischen Zeitung Aftenposten, veröffentlichte 1946 sein leider nie wieder aufgelegtes Tagebuch aus der Reichshauptstadt "Letzter Akt Berlin 1939 – 1945". Dem klugen, von einem fremden Krieg in Haft genommenen Beobachter Findahl entging nicht, dass "Goebbels seine Landsleute mit unzähligen Geschichten von neuen Zauberwaffen vollstopfte". In Berlin sei es um solche Dinge still geworden, stattdessen seien neue Geschichten in Umlauf gebracht worden von neuen Offensiven; (…) aber hier draußen in den Vorstädten gehen noch die Erzählungen von den Wunderwaffen um …"