Vor vier Jahrzehnten erschien Paul Watzlawicks Buch „Menschliche Kommunikation“. Es ist das Werk eines kalifornischen Autorenkollektivs, aber der in Österreich geborene Emigrant ist der eigentliche Urheber. Der Wissenschaftsverlag Hans Huber veröffentlichte eine Übersetzung im Jahr 1969. „Menschliche Kommunikation“ wurde zur Pflichtlektüre jener „68er“, die Erholung von der politischen Ökonomie suchten, deren heuristischer Wert zur Analyse der Gesellschaft in der Flut modischer Dissertationen im Suhrkamp-Format verloren zu gehen drohte.
Paul Watzlawick© Peter Peitsch BILD

Einige Jahre später wurde der Kalifornier, dem die Erfindung der „double bind“-Theorie zu Unrecht zugeschrieben wurde, mit seiner „Anleitung zum Unglücklichsein“ der populärste Psycho-Bestsellerautor seiner Zeit. Er selbst, im Nebenberuf psychoanalytischer Familientherapeut, bezeichnete sich damals als „radikalen Konstruktivisten“. In Wirklichkeit war und ist er vor allem ein hochgebildeter Europäer, dessen transatlantischer Lebenslauf sich widerspiegelte in seiner profund-eklektischen, literarischen Produktivität, die seine Lesefrüchte der Kybernetik, des Wiener Positivismus, der Spieltheorie, der amerikanisch-holistischen Systemtheorie (im Übrigen auch eine Erfindung eines kakanischen Emigranten – Karl Ludwig von Bertalanffy), des Freudianismus und diverser anderer zeitgenössischer sozialwissenschaftlicher Moden munter und unbefangen collagierte. Immer aber ging es ihm (wie seinem nicht ganz so berühmten Kollegen in der Emigration, Alfred Schütz) um die soziale, kommunikative Konstruktion von Wirklichkeit – beziehungsweise um die unvermeidlichen Konstruktionsfehler bei diesem primären, uralten Unternehmen menschlicher Existenz in Gesellschaft.

Um schöne Beispiele solcher Fehler und kultureller Dissonanzen ist „Menschliche Kommunikation“ nie verlegen. So beschreibt das Buch das unterschiedliche Poussierverhalten von Amerikanern und Engländerinnen während des 2. Weltkriegs: „Während z. B. das Küssen in Amerika relativ früh kommt, tritt es im typischen Paarungsverhalten der Engländer relativ spät auf. Praktisch bedeutete dies, dass eine Engländerin, die von ihrem amerikanischen Soldaten geküsst wurde, sich nicht nur um einen Großteil des für sie intuitiv ‚richtigen‘ Paarungsverhaltens betrogen fühlte, sondern zu entscheiden hatte, ob sie die Beziehung an diesem Punkt abbrechen oder sich dem Partner sexuell hingeben sollte. Entschied sie sich für die letztere Alternative, so fand sich der Amerikaner einem Verhalten gegenüber, das für ihn durchaus nicht in dieses Frühstadium der Beziehung passte und nur als schamlos zu bezeichnen war. Die Lösung eines solchen Beziehungskonflikts durch die beiden Partner selbst ist natürlich deswegen praktisch unmöglich, weil derartige kulturbedingte Verhaltensformen und -abläufe meist völlig außerbewusst sind.“

Die Überwindung des offenkundigen Problems, das, folgen wir Margarete Mead, jedem Anthropologen des Pazifikraums bekannt gewesen sein dürfte – von den christlichen Missionaren ganz abgesehen (siehe auch: „Missionarsposition“), – die Problemlösung also wäre unter heutigen Kulturbedingungen des Westens den Betroffenen wesentlich leichter gefallen, da sich die globalisierte sexuelle Aufklärung spätestens seit Olivia Newton-Johns Welthit, „Let’s get physical“, in der gemeinsamen schamüberwindenden Sprache durchgesetzt hat: „let me hear your body talk“. Aber damals redete man noch nicht offen über Sex, man tat es – oder zog sich schweigend und betroffen zurück. Was aus jener Epoche übrig blieb, war ein englisches Vorurteil über die GIs: „They are over here and oversexed.“ Was die GIs über die englischen Mädchen dachten, ist hingegen nicht sprichwörtlich, sondern Literatur geworden in J.P. Donleavys ziemlich unsterblichem Roman „The Ginger Man“.

Mehr zum aktuellen KURSBUCH 166 und älteren Ausgaben lesen Sie hier: www.zeit.de/kursbuch BILD Heben wir das kleine Missverständnis jener Kriegsjahre auf das höhere Niveau der internationalen Außenpolitik heute, dann hilft Watzlawicks Kommunikationstheorie sofort weiter. Unsere Sprache unterliegt nicht nur akustischen und grammatikalischen Voraussetzungen, sondern vor allem historisch-kulturellen. Was wir in ihr mitschleppen, ist das Gewicht ihrer eigenen Zivilisations- und Bedeutungsgeschichte, ihrer unmerklichen Sinnverschiebungen und ihrer Tabus. Die wiederum sind in allen Sprachen höchst unterschiedlich. Das mag banal klingen, ist aber das Hauptproblem der Dolmetscher von Brüssel. Was bedeutet das für eine Kommunikationstheorie, die sich ja nicht an eine einzelne Sprachgruppe richten will, sondern wie alle modernen Sozialwissenschaften universale Geltung beansprucht – und zwar in einer eigenen, nicht universalen Sprache? „Es ist fast unmöglich, über Kommunikation zu kommunizieren“, schreibt Watzlawick – und in dem kleinen Wörtchen „fast“ öffnet sich der akademische Notausgang aus dem Wittgenstein’schen Paradoxiegefängnis – „wovon man nicht sprechen kann, darüber soll man schweigen“. Keine Sorge, so Watzlawick, auch Schweigen ist Kommunikation, genauer, das ganze Spektrum des menschlichen Auftritts inklusive der Körpersprache ist Teil seiner Kommunikationstheorie.

„If you can’t communicate, the least you can do is shut up“, entgegnete in den 60er Jahren der Harvard-Mathematiker und Kabarettist Tom Lehrer dem Theorieschwall der damaligen Linguistik. Aber das wäre ja – zumindest für Watzlawick – nur ein Unterfall des Kommunizierens. Also, „man kann nicht nicht kommunizieren“. Wer heute in sein keineswegs veraltetes Buch schaut, findet überraschend prophetische Aussagen zu den sozialen Konsequenzen der 1967 völlig unvorstellbaren Internetkommunikation: genauer, zur emotionalen und physiognomischen Kälte der Chatrooms. Zwar sei die Übermittlung von Wissen ohne „digitale Kommunikation undenkbar, „aber es gibt ein weites Gebiet, auf dem wir uns fast ausschließlich der analogen Kommunikationsform bedienen“. Auftritt der Tierverhaltensforschungs-Ergebnisse von Tinbergen und Lorenz. Jede Bewegung, jedes Gurren und Knurren, jedes Balzen, jede Körperdrehung – alles ist Kommunikation, wie bei den Tieren, so bei den Menschen.

Und wem die Aktualität des Buches dennoch zweifelhaft vorkommt, der findet im Kapitel über „Gestörte Kommunikation“ das Wort „schizophrenesisch“ – es wäre der richtige Terminus, um die Gesetze zur Gesundheitsreform der Großen Koalition auf den Begriff zu bringen: Das ist „eine Sprache, die es dem Gesprächspartner überlässt, seine eigene Wahl unter vielen möglichen Bedeutungen zu treffen, die nicht nur untereinander verschieden, sondern sogar unvereinbar sein können“. Die Auflösung dieses Widerspruchs ist semantisch unmöglich, sondern eine Machtfrage, die spätestens bei der nächsten Bundestagswahl gelöst werden muss, in der ein neuer Bedeutungs-Deuter des Gesetzestextes gewählt werden dürfte. Absprachen wie die Gesundheitsreform, die eigentlich darauf abzielen, keine wirklich verbindliche Absprachen zu sein, sind konzeptionelle Kunstwerke der gesellschaftlichen Kommunikation und als solche im Politischen nur kurzfristig haltbar. Ihre Urheber wissen das, aber sie deshalb zu verachten, wäre ungerecht: Absprachen, keine wirklichen Absprachen zu treffen, sind des Schweißes der edlen Fraktionsführer wert.