Moritz Rinke und John von Düffel haben sich einen ungewöhlichen Ort für ihre Lesung ausgesucht: ein Schwimmbad. Das Publikum steht ein wenig aufgeregt in der Schlange vor der Kasse. Fragen schwirren durch den Raum: Wohin mit den Mänteln?, Müssen die Schuhe ausgezogen werden?, Bekommt jeder eine Badekappe? © zeit.de Eine Ahnung der zu erwartenden Temperatur beschleicht die winterlich Gekleideten. Straßenschuhe treten laut auf die weißen Kacheln. Ein Mann in Badekleidung kommt den Besuchern der Veranstaltung entgegen. Es ist John von Düffel, eine der Hauptpersonen des heutigen Abends. An der nächsten Umkleidekabine biegt er ab, und das Publikum betritt die Schwimmhalle.Im Kaifu-Bad, dem ältesten Schwimmbad Hamburgs, nehmen alle Platz. Die Luft ist schwer und feucht, in voller Bekleidung kaum zu ertragen.Warum John von Düffel in einer Schwimmhalle liest, ist jedoch nicht schwer zu erläutern: Seine Affinität zum feuchten Nass hat er ausführlich in seinem Roman "Vom Wasser" und in seinem Erzählband "Wasser und andere Welten" dokumentiert. Seine Worte übers Schreiben und Schwimmen, über die Parallele zwischen dem weißen Blatt und der unberührten Oberfläche eine Schwimmbeckens klingen logisch. In der Geschichte "Vom Liebesleben der Kachelzähler oder Die Frau auf der Nebenbahn" erzählt von Düffel mit der ihm eigenen Liebe zum Detail von der Einsamkeit des Schwimmers. Nur durch das Wissen um die Schwimmerin auf der Nebenbahn kann die Einsamkeit unterbrochen werden, ihr Ausstieg aus dem Schwimmbecken wird zur existenziellen Bedrohung und Vereinsamung.Moritz Rinke hingegen hat es schwer, seine Anwesenheit in dieser Schwimmhalle zu rechtfertigen: Er hasst Wasser. Einige Zeit hat er sich auf Sylt als Inselschreiber verdingt, im Wasser war er nie. Wenn er mit John von Düffel sauniert, wird er nur von einem geleitet: der Angst, dass John beim Kraulen mit dem Kopf an den Beckenrand stößt. Moritz Rinke, Dramaturg und erfolgreicher Autor, durchforstete vor der Veranstaltung seine Manuskripte auf das Wort "Wasser" und wurde nur einmal fündig: Eine Szene, in der Tee gekocht wird. Das Schwimmen im metaphorischen Sinne wird schließlich seine Rettung: Er trägt einen Text vor, in dem er regelrecht ins Schwimmen gerät: "Los, du Sack, fotografier' mich!" aus dem Band "Der Blauwal im Kirschgarten" berichtet von Rinkes Besuch bei einer Promi-Party, die für ihn zum Spießrutenlauf wird. Als unbeholfen-tolpatschiger Neuling stellt sich der Autor in der Promi-Szene dar, beobachtet "das Seelenleben eines Stars Sekunden vor dem Klick" und gibt sie in all ihrer bizarren Lächerlichkeit preis. Und schämt sich seiner Anwesenheit bei diesem Spektakel: "Wenn das die FAZ sieht!" Gelächter, Stühle rücken, ein Blick in die Runde. Die meisten Besucher haben alles, was an Bekleidung zuviel ist, abgelegt. Pulloverstapel unterbrechen die Stuhlreihen, vereinzelt stehen herrenlose Schuhe vor dem Beckenrand.Plötzlich ertönt laute Musik und fünf junge Damen schreiten grazil an den Beckenrand: Synchron-Schwimmerinnen. Die Damen vom ATSV Altona bleiben unendlich lang unter Wasser bleiben, schießen kerzengerade nach oben und gleiten sanft wieder zurück. In Formationen schwimmen sie nebeneinander her und bewegen sich kantig im Takt der Musik. Auch John von Düffel ist begeistert: Seine Angst vor dem Wasser, die er mit der Angst des Autors vor dem weißen, unbeschriebenen Blatt Papier vergleicht, scheinen sie bezwungen zu haben. Im nachfolgenden Text "Quo vadis, Badehose", ebenfalls aus dem Band "Wasser und andere Welten", erzählt von Düffel von einem wichtigen Accessoire: der Badehose. Ein Sinnieren über Männer und Mode, über Bikini und Badehosenkatastrophen. Als letzte Rettung bleibt dem Mann auch hier wieder: das Wasser. Denn nur der Schritt vom Strand, vom Beckenrand, in die Tiefe des Wassers, die die unästhetische Horrorhose verbirgt, kann den Mann retten.Rinkes Antwort auf die Ausführungen zur Badehose bringen ihn dem Betrachtungsgegenstand etwas näher, nicht in das Element hinein, aber zumindest in die Peripherie von Wasser: in den Badeort Zopot, in der Danziger Bucht. Die Geschichte "Die Ferien des Monsieur Printemps" über das Debüt eines seiner Stücke in diesem polnischen Ort reißt mit. Die Begegnung mit polnischen Dramaturginnen, die auf der Landstraße nie langsamer als 160 Stundenkilometer fahren und am liebsten Cocktails mixen, ist grandios. Leicht und witzig schreibt Moritz Rinke - und liest ebenso. Dass diese Geschichte sich wirklich zugetragen haben soll, hebt ihren Wert noch.Auch wenn viel über das Element gesprochen wurde, eins fehlte eindeutig: Wasser. Als Moritz Rinke sein Glas ansetzt, verfolgen ihn neidische Blicke. Die Zuhörer hätten sicherlich gerne noch den Geschichten gelauscht. Allein die Temperaturen und der Durst sind stärker.Die Autoren:
John von Düffel , geboren 1966 in Göttingen, lebte zeitweise in Irland und den USA, er promovierte 23jährig über Erkenntnistheorie und war danach als Theater- und Filmkritiker, als Schauspieldramaturg und Übersetzer tätig. Er ist einer der meistgespielten jungen deutschen Theaterautoren der letzten Jahre. Für seinen ersten Roman "Vom Wasser", wurde er unter anderem mit dem "Aspekte"-Literaturpreis und dem Mara-Cassens-Preis ausgezeichnet. Moritz Rinke : Geboren 1967 in Worpswede, lebt als Autor in Berlin. Bekannt wurde Rinke zunächst durch publizistische Beiträge für überregionale Feuilletons wie das der ZEIT, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Süddeutschen Zeitung oder des Tagesspiegel. "Der graue Engel" war Rinkes erstes Theaterstück - 1996 wurde der Marlene-Monolog im Zürcher Schauspielhaus uraufgeführt. "Republik Vineta", am Thalia Theater in Hamburg uraufgeführt und an zahlreichen Bühnen nachgespielt, wurde zum "Besten deutschsprachigen Theaterstück 2001" gewählt. Bibliografie
John von Düffel: Wasser und andere Welten
Geschichten vom Schwimmen und Schreiben
DuMont Verlag, Köln 2002, 140 S., 9,90 Euro
online bestellen Vom Wasser
Roman
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2000, 283 S., 9,50 Euro
online bestellen Moritz Rinke: Der Blauwal im Kirschgarten
Erinnerungen an die Gegenwart
Rowohlt Verlag, Berlin 2001, 206 S., 14,90 Euro
online bestellen