Erschossene Soldaten, verzweifelte Witwen, verhungernde Kinder: Die Bilder des Kriegs flimmern tagtäglich über die Bildschirme. Entsetzen lösen sie aus, Fassungslosigkeit angesichts der Grausamkeit des Krieges. Was motiviert einen Journalisten, in die Krisengebiete zu fahren, sich der Gefahr auszusetzen und das Elend vor Ort zu sehen?Das Buch "Man hat nur sieben Leben" des Fotografen Jay Ullal dokumentiert die Schrecken der Kriege. Gemeinsam mit den Stern-Reportern Kai Hermann und Peter-Hannes Lehmann hat Jay Ullal in Ruanda, in Indien, im Irak und vielen anderen Krisengebieten gearbeitet. Mitherausgeber Kai Hermann trägt erschütternde Beobachtungen aus einem Dorf bei Ramallah vor. Dort begleiteten er und Jay Ullal palästinensische Kinder, die nur noch einen Wunsch hatten: als Märtyrer zu sterben.
Auch die Geschichte des "Massakers von Damur", das Jay Ullal und Kai Hermann 1976 miterlebten, bewegt die Zuhörer. Ursprünglich waren beide zu einem Interview mit dem syrischen Präsidenten Assad aufgebrochen, als sie von einem Massaker christlicher Milizen an Palästinensern in Ost-Beirut hörten. Als Gegenreaktion überfiel ein palästinensischer Kommandotrupp einen christlichen Vorort Beiruts und massakrierte die Bevölkerung -Jay Ullal und Kai Hermann waren dabei.
Als Jay Ullal im Jahre 1994 vom Völkermord an den Tutsi berichten wollte und nur knapp einer Attacke aufgebrachter Soldaten entging, hörte er das Lob: "Sie sind ein richtiger Löwe, der Löwe von Zaire." Die Fotografien von Jay Ullal, am Ende des Abends gezeigt, sind wie ein Streifzug durch das Elend dieser Welt: weinende Witwen in Serbien, sterbende Kinder in Afrika, abgetriebene weibliche Föten in Indien. Ein wenig hastig wird dem Publikum ein Schreckensszenario nach dem anderen vorgeführt, kurz und knapp vom Fotografen kommentiert.Der Welt zeigen, was passiert - das möchte Jay Ullal mit seinen Bildern. Wenn andere längst nicht mehr hinsehen können, hält er sein Objektiv auf die Szene.Die Kamera scheint eine gewissen Distanz zu schaffen. Wenn Kai Hermann und Peter-Hannes Lehmann berichten, dass sie nicht mehr zusehen konnten und Jay Ullal am Schauplatz blieb, betonen sie seinen Mut und seine Waghalsigkeit. Aber eben auch den Unterschied, durch eine Kamera zu sehen und nicht mit dem bloßen Auge. Und das ist Jay Ullals Job als Fotograf. Er macht ihn gut. Auch Kai Hermann und Kai-Hannes Lehmann wollen durch ihre Reportagen etwas bewegen. Der Welt vom Leid erzählen und zeigen, dass jede Handlung auch ihre Motivation hat. Und am Ende zu Spenden aufzurufen, die den Opfern helfen sollen. Dass sie dabei selbst in Lebensgefahr geraten, ist ein Berufsrisiko. Und in gefährliche Situationen komme man nur durch Dummheit und besonderen Ehrgeiz, betont Kai Hermann. Das Adrenalin, das in solchen Schrecksekunden ausgestoßen werde, unterdrücke zunächst die Angst. "Die kommt erst kurz vor dem Einschlafen".
Albträume und weiche Knie und "innere Verletzungen" tauchen manchmal erst Wochen später auf. Für beide Reporter ist klar: Sie reisen nie von einem Krisengebiet zum nächsten, ein Rechercheauftrag ist für sie kein Abenteuer, sondern Teil ihres Jobs. Und manchmal sind sie froh, wenn andere ihn übernehmen. Für Jay Ullal gilt das allerdings nicht. Er reist immer wieder gezielt in Krisengebiete, um Bilder leidender Menschen in die Welt zu transportieren. "Auf diese Weise kann ich weiteres Leid verhindern. Das ist meine Aufgabe. Sonst hätte ich ja auch Modefotograf werden können", sagt er.Jay Ullal: Man hat nur sieben Leben
Foto-Reportagen, die bewegen
Herausgegeben von Kai Hermann und Norbert Kleiner
Aufbau Verlag, Berlin 2002, gebunden, 238 S., mit 136 z. T. farbigen Fotos, 25,- Euro
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