Zunächst hatte er sich noch der ganz normalen Postkutsche anvertraut, aber auf den harten Sitzen hielt er es bald nicht mehr aus. So wechselte er zusammen mit einem herrschaftlichen Beamten auf die Extrapost. Die letzten 100 Kilometer bis Wien saß Mozart sogar ganz allein in der teuren Kutsche, bequem und warm gekleidet. Es war empfindlich kalt im März 1781. Zum schweren Gepäck mit vielen Notenheften, dem Ertrag von fünf Monaten in München, gehörte auch eine umfangreiche Garderobe. Mozart achtete darauf, wie ein Herr von Stand aufzutreten. Er reiste "cavalierement", wie immer. Es gab zu jener Zeit wohl keinen zweiten jungen Mann, der so viel und so weit gereist war wie er.

Seit der ersten Fahrt nach Wien 1762 als Sechseinhalbjähriger, zum Debüt als Wunderkind, war Mozart bis 1781 fast neun Jahre auf Reisen gewesen – länger als die Zeit, die er in seiner Vaterstadt Salzburg verbracht hatte. Er kannte die wichtigsten Städte Europas. In London, Paris, Mailand und Wien hatte er sich jeweils mindestens ein Jahr aufgehalten, in Bologna, Den Haag, Mannheim, München war er drei bis zehn Monate lang gewesen. Seine Jugend hatte er weitgehend auf Reisen verlebt und dabei den Privatunterricht seines Vaters genossen, anstatt die Schule zu besuchen. Er hatte die Schweiz bereist, das südliche Deutschland – und ganz Italien, wo er mit frühen Opernaufträgen seine Ausbildung Learning by Doing fortsetzte. Und vor allem war ihm Wien vertraut. Als Mozart sich entschied, in Wien seine Zelte aufzuschlagen, hatte er kein noch so vages Angebot für eine Anstellung, es gab auch keinerlei Vakanzen, auf die er sich Hoffnungen machen konnte. Er zählte allein auf den Musikenthusiasmus der Wiener und auf seine Fähigkeiten als Pianist, der seine eigenen Werke vorstellen und damit ein Publikum erobern würde. Und er glaubte, dass dies in Wien für ihn leichter sei als irgendwo anders. Mit stolzem Selbstbehauptungswillen schrieb er seinem skeptischen Vater schon nach drei Wochen: "ich versichere sie, daß hier ein Herrlicher ort ist – und für mein Metier der beste ort von der Welt – das wird ihnen Jederman sagen."

210 000 Menschen lebten damals hier. Nur London (800 000) und Paris (600 000) waren größer. Amsterdam, St. Petersburg, Neapel und Venedig hatten etwa die gleiche Einwohnerzahl; Rom, Berlin, Hamburg, Dublin und Mailand folgten mit 100 000 bis 150 000 Bewohnern. Verhältnismäßig klein, aber einflussreich waren München, Leipzig und Frankfurt (30 000 bis 50 000). Hingegen waren Residenzstädte wie Salzburg oder Weimar (um die 10 000) kleinstädtische Gebilde, wo jeder noch jeden kannte mit allen negativen Folgen von sozialer Kontrolle, Klatsch und Tratsch. Vor allem gab es hier nur ein sehr begrenztes Publikum. In einer Residenzstadt wie Wien zu leben bedeutete vielfältige Anregungen aller Art, einen regen Austausch mit Auswärtigen, für die eine solche Metropole ein magnetischer Ort war, und bahnte für einen Künstler den Weg zu einem vielseitigen und heterogenen Publikum mit einer weiten Ausstrahlung. Auf dieses Wien waren in jenen Jahren alle Blicke gerichtet. 1780 war Maria Theresia gestorben, Erzherzogin der habsburgischen Erblande, Königin von Böhmen und Königin von Ungarn (Kaiserin war sie nie!). Ihr Sohn Joseph II. hatte die Nachfolge angetreten, begleitet von einem publizistischen Feuerwerk an Vorschusslorbeeren, Erwartungen und Hoffnungen, wie sie selten einem absolutistischen Herrscher entgegengebracht wurden. Klopstock hatte sogar ein viel diskutiertes Gedicht auf Joseph II. geschrieben. Man sah in ihm einen wahren Menschenfreund, jeder Günstlingswirtschaft abhold, frei von Prunksucht und Eitelkeit, einen wirklichen Aufklärer auf dem Thron, der die Liebe seiner Untertanen verdient habe. Unter seiner Alleinregierung begann er mit einem beispiellosen Reformprogramm, zu dem die Aufhebung der Leibeigenschaft und das Toleranzpatent für die Juden zählten, die weitgehende Aufhebung der Zensur und die Auflösung der kontemplativen Orden und ihrer Klöster.

Bedeutsam war auch die Selbstdarstellung des Kaisers in der Wiener Öffentlichkeit. Unter Maria Theresia hatte es noch ein prunkvolles Hofleben gegeben mit großen Festen, Feuerwerken, höfischen Zeremonien aller Art, wozu schon die Familienfeste, Kindstaufen und Hochzeiten ihrer 16 Kinder genügend Anlass gaben. Joseph II. hingegen war schon zweimal verwitwet und kinderlos, ein Familienleben hatte er nicht mehr, eine neue Ehe wünschte er nicht. Jetzt aber verzichtete er auch weitgehend auf jedes Hofleben, beschränkte sich auf einige wenige persönliche Diener und Sekretäre und ließ, um Wachen zu sparen, sogar einen Teil der Hofburg zusperren. Dafür öffnete er den Augarten und ließ am Eingang ein Schild anbringen: "Allen Menschen gewidmeter Erlustigungsort von ihrem Schätzer." Wenn er sich auf den Straßen von Wien zeigte, pflegte er im grünen Rock wie ein gehobener Bürger aufzutreten, nur begleitet von einem Diener, der einige Schritte hinter ihm lief. Jedermann konnte ihn ansprechen.

Der Verzicht auf ein eigenes Hofleben bedeutete allerdings nicht, dass damit das ganze gesellschaftliche Treiben zum Erliegen gekommen wäre. Es verlagerte sich nur. Denn in Wien als der Metropole des ganzen Habsburger Reiches lebten etwa zehn bis zwölf Fürsten und mindestens 60 Grafen in prächtigen Palais, teils mitten in der Stadt, teils mit großen Gärten in den Vorstädten. Diese Familien mit teilweise immensen finanziellen Ressourcen ließen sich von der kaiserlichen Sparsamkeit keineswegs anstecken. Außerdem gab es bürgerliche Verwaltungsbeamte, Großhändler und Fabrikanten, die selbst Salons unterhielten und darin mit den adligen Familien wetteiferten. Durch das Fehlen eines zeremoniell abgestuften Hoflebens spielten die Rangfragen bald keine entscheidende Rolle mehr. Ausschlaggebend für den Zugang waren eher gemeinsame Interessen: Bei der Gräfin Thun herrschte die Anglomanie, bei van Swieten interessierte man sich für die Musik von Händel und Johann Sebastian Bach, im Palais Liechtenstein gab es eine eigene Bläserharmoniemusik und viel Prachtentfaltung.

Mozart hat die Möglichkeiten, die sich für ihn daraus ergaben, sofort erkannt. In einem der ersten Briefe aus Wien schreibt er: "Ich gehe heute abends mit H: v: kleinmayern zu einem seiner guten freunde zum hofrath Braun, wo mir alle sagen daß er der gröste liebhaber von clavier seye – bey der gräfin Thun habe schon 2 mal gespeist, und komme fast alle tage hin – das ist die charmanteste, liebste Damme die ich in meinem leben gesehen; und ich gelte auch sehr viel bey ihr (…) – beym grafen Cobenzl habe auch gespeist, und das wegen der gräfin v: Rumbeke seine Muhme, die schwester vom Cobenzl in der Pagerie, welche mit ihrem herrn in Salzburg war." Nach einer Woche in Wien hatte er also bereits eine Menge "nützlicher Connaißancen" gemacht. Denn Baron Braun war ein einflussreicher Reichshofrat, und Graf Cobenzl war als Vizekanzler einer der wichtigsten Diplomaten Josephs II. Seine Nichte, die Gräfin Rumbeke, wurde Mozarts erste Klavierschülerin.

Im selben Brief heißt es aber auch: "Nun ist meine Hauptabsicht hier daß ich mit schöner Manier zum kaiser komme, denn ich will absolument daß er mich kennen lernen soll. – Ich möchte ihm mit lust meine opera durchpeitschen, und dann brav fugen spillen, denn das ist seine Sache." Mozart hatte sich bereits auf die speziellen musikalischen Interessen Josephs II. eingestellt. Diese Oper war Idomeneo, die er vor drei Monaten in München aufgeführt hatte, sein Meisterwerk, mit dem in jeder Hinsicht Mozarts Lehrzeit abgeschlossen war.

Über die musikalischen Kenntnisse und den Geschmack Josephs II. wird oft abschätzig geredet, aber man sollte sich nicht täuschen. Wie alle Habsburger war er musikalisch bestens ausgebildet, spielte Klavier und Cello und konnte vom Blatt singen. Zu seiner eigenen Unterhaltung pflegte er mittags mit einer dazu angestellten Kammermusikrunde (darunter Salieri) einige Stunden Musik zu machen und dabei die neuesten Werke aus ganz Europa, vor allem auch der Oper, mit verteilten Rollen zu singen und zu musizieren. Das hing sicher auch damit zusammen, dass Joseph II. sich in die Geschäfte der Hofoper höchst aktiv einmischte und sogar Anregungen für den Spielplan gab. Er betätigte sich gern als eine Art Oberintendant, soweit seine übrige Arbeit dies zuließ.

Nach Mozarts Entführung aus dem Serail soll er gesagt haben: "Zu schön für unsere Ohren und gewaltig viel Noten, lieber Mozart" – worauf Mozart geantwortet habe: "Gerade so viel Noten, Eure Majestät, als nötig sind." Die "gewaltig vielen Noten" drücken eine damals weit verbreitete Kritik an Mozart aus, dessen Orchesterstil im Verhältnis zu den Gesangsstimmen als ungewöhnlich überladen und vielstimmig galt, eine Bemerkung also, die im Verhältnis zur vorherrschenden neapolitanischen Operntradition durchaus ihre Berechtigung hatte. Aber wenn der Kaiser solche Kritik weitergab, bedeutete dies noch lange nicht, dass er Mozart nicht zu schätzen wusste. Gerade Mozarts Opern hat Joseph II. in besonderer Weise gefördert. Die Entführung kam zustande, weil der Kaiser die Hofoper als Ort höfischer Repräsentanz abschaffte und in ein National-Hoftheater umwandelte – Oper für alle Schichten. Dazu zählte die Einrichtung eines National-Singspiels, in dem ein deutschsprachiges Musiktheater gefördert werden sollte. Das Experiment ist bereits nach wenigen Jahren gescheitert. Aber einen überragenden Erfolg hatte es mit Mozarts Entführung doch zu verzeichnen, weil hier deutlich wurde, dass das Singspiel der großen Oper an künstlerischem Wert in nichts nachstehen musste.

Zunächst überzeugte Mozart den Kaiser aber als Pianist. Beim ersten Konzert in Gegenwart Josephs II. hat er vermutlich – wie er es in einem Brief andeutet – zuerst "Preludirt, eine fuge – und dann die variationen je suis lindor gespiellt – wo ich noch das so öffentlich gemacht habe, habe ich den grösten beyfall erhalten – weil es so gut gegen einander absticht, und weil Jeder was hat." Der Kaiser war so beeindruckt, dass er Weihnachten 1781 ein Wettspiel Mozarts mit Muzio Clementi arrangierte und ihn dafür fürstlich entlohnte. Die Sympathien waren dabei eindeutig aufseiten Mozarts.

Wenn Mozart aber mit der Bemerkung "mit schöner Manier zum Kaiser kommen" eine Anstellung gemeint haben sollte, womöglich gar als Hofkapellmeister an der Oper, dann hatte er sich gründlich getäuscht. Bei aller Großzügigkeit hatte der Kaiser auch eine knauserige Seite: Alle Stellen waren besetzt, und nur für Mozart eine neue einzurichten kam ihm nicht in den Sinn. Freilich können wir uns Mozart auch kaum als Opernkapellmeister vorstellen, in einem Amt also, das mit erheblichen Verwaltungsaufgaben verbunden war, mit Schreibereien, Personalfragen, der Verantwortlichkeit für den täglichen Spielplan, Proben und abends der Leitung der Aufführungen. Mozarts kompositorisches Pensum wäre mindestens um die Hälfte reduziert worden. Zudem trat er nun häufig als Solist auf. An den spielfreien Abenden wurden im National-Hoftheater große musikalische Akademien gegeben, in denen sich Instrumentalvirtuosen, aber auch Gesangssolisten vorstellten. Das war der eigentliche Beginn des öffentlichen Konzertwesens in Wien, dem bald Konzerte in anderen Sälen durch bürgerliche Veranstalter folgten, aber auch Freiluftkonzerte im Augarten und halböffentliche Konzerte in den privaten Salons. Es herrschte kulturelle Aufbruchstimmung.

Man muss sich das Wien dieser Jahre sehr lebhaft vorstellen, ein buntes Treiben auf den Straßen, ein ungeheures Verkehrsaufkommen durch Kutschen und Pferde, aber auch Lastfuhrwerke und Handkarren, ein lautes Be- und Entladen von Waren aller Art: Zu ebener Erde gab es in den Gewölben die Geschäfte, in den Innenhöfen Warenlager, Stallungen und Remisen, das Holz für die Heizungen musste aufgeschichtet werden. In den breiteren Straßen und auf Plätzen waren Limonadenhütten aufgerichtet, Kioske mit Mandelmilch oder Eis. Broschürenverkäufer (eine Folge der Zensurfreiheiten) priesen ihre Pamphlete an, Schausteller und Komödianten traten auf. Im Straßenpublikum sah man bunte türkische, siebenbürgische und galizische Trachten, dazwischen jüdische Kaftane, ungarische Kostüme, das ganze Völkergemisch eines Reiches, das sich über halb Europa erstreckte und in Wien sein politisches Zentrum hatte und nach dort seinen Handel ausrichtete.

Dazu kamen zahlreiche Baustellen. Man errichtete keine Adelspaläste mehr, sondern Sozial- und Bildungseinrichtungen wie das allgemeine Krankenhaus, die chirurgisch-medizinische Akademie (Josephinum), den Narrenturm – und vor allem die neuen Wohnbauten bürgerlicher Unternehmer. Im Trattnerhof am Graben wohnten allein 200 Mietparteien, eine Zeit lang auch Mozart mit seiner Familie. Hier hatte von Trattnern seine Buchhandlung und sein Comptoir, das Erdgeschoss umfasste allein 56 Gewölbe mit Geschäften, und im Inneren gab es sogar einen großen Saal, in dem Mozart Abonnementskonzerte veranstaltete. Frau von Trattnern wurde Mozarts Klavierschülerin.

Mozart hat sich sehr schnell zurechtgefunden in dieser Großstadt. Schüchternheit war ihm vollkommen fremd, und sein Selbstbewusstsein war auch seiner Garderobe anzusehen. Der Baronin Waldstätten beschrieb er einen roten Frack so eindringlich, dass er ihn geschenkt bekam: "wegen dem schönen rothen frok welcher mich ganz grausam im herzen kitzelt, bittete ich halt recht sehr mir recht sagen zu lassen wo man ihn bekommt, und wie theuer… denn so einen frok muß ich haben, damit es der Mühe werthe ist die knöpfe darauf zusetzen, mit welchen ich schon lange in meinen gedanken schwanger gehe." Bei einer Figaro-Probe unter seiner Leitung trug Mozart zu diesem auffallenden Kleidungsstück noch einen mit Goldtressen verzierten Zweispitz auf dem Kopf. Er trat auf wie ein Star – und war es ja auch.

Die Leichtigkeit, mit der sich in Wien verschiedene gesellschaftliche Schichten mischen konnten, kam ihm sehr entgegen. Er orientierte sich keineswegs nur an denen, die als Auftraggeber für Konzerte infrage kamen, den reichen Häusern des Adels oder der Großhändler und Bankiers. Er hatte Kontakte auch in andere Kreise, und das mussten nicht nur Musiker sein. Umtriebigkeit war ihm offenbar eine wichtige Anregung, einschließlich Billard- und Kegelspiel, gelegentliches Reiten und Baden in der Donau. Es gab auch eine oftmals unterschätzte intellektuelle Seite, die zwar in den Briefen wenig zur Sprache kommt, von der aber seine Bibliothek zeugt. Dort finden sich nicht nur schöngeistige Werke von Wieland, Ewald von Kleist, Goldoni oder Molière, sondern ebenso historische, philosophische, pädagogische, mathematische und naturkundliche Werke. Sie verraten eine Vielseitigkeit der Interessen, die sicher schon durch Leopold Mozart angelegt worden ist.

Auch dies gehört zur kulturellen Aufbruchstimmung des josephinischen Wien, denn viele dieser Bücher durften zuvor wegen der strengen Zensur kaum ins Land. So besaß Mozart von Moses Mendelssohn Phädon oder über die Unsterblichkeit der Seele, ein Buch, das ihm Fanny Arnstein, eine Tochter des Berliner Bankiers Itzig, geschenkt hatte. Die Familie Arnstein wohnte zusammen mit allen Angestellten ihres Großhandels- und Wechselgeschäftes auf dem Graben, im selben Haus, in dem Mozart für etwa ein Jahr seine erste Wiener Wohnung hatte. Noch zu Zeiten Maria Theresias mussten die Juden, die wie Arnstein mit ihr über Heereslieferungen verhandelten, hinter einem Wandschirm sitzen, damit sie ihnen nicht ins Gesicht sehen musste. Jetzt hatte Joseph II. mit den Toleranzgesetzen die Judenächtung weitgehend aufgehoben.

In Mozarts Umfeld finden wir überhaupt viele Juden. Mit dem Bauunternehmer Wetzlar von Plankenstern, soeben konvertiert, war er eng befreundet, er wurde sogar der Pate von Mozarts erstem Sohn, eine Zeit lang wohnte Mozart in einem seiner Häuser. Bei Raimund von Wetzlar lernte Mozart auch Lorenzo da Ponte kennen, der sicher nicht zufällig dort verkehrte. Da Ponte war in seiner Kindheit von seinem Vater zum Katholizismus konvertiert worden und wurde Priester und Professor an einem Priesterseminar, bevor er wegen freigeistiger Schriften sein Amt verlor. Nun versuchte er sich als Theaterdichter, vor allem für Salieri und Mozart. Später heiratete er eine Jüdin, zog mit ihr nach London und weiter nach New York. Seine Abkehr vom Judentum bezeichnete er als den einzigen großen Fehler seines Lebens. Da Ponte, in jeder Hinsicht ein Außenseiter und Abenteurer, war für Mozart der geniale Partner für drei gewagte Opernlibrettos, wie sie wohl nur in diesem quirligen Großstadtleben entstehen konnten.

Sich persönlich zurecht zu finden und auch finanziell ein Auskommen zu finden sind freilich verschiedene Dinge, wie Mozart schnell erfahren musste. So vergnügungssüchtig und musikenthusiastisch die Wiener waren, so schwer fiel es, da wirklich Fuß zu fassen. Schließlich gab es eine Menge Konkurrenten, die bereits ihren festen Platz hatten. Neben Mozart gab es auch andere, wie Johann Baptist Vanhall, die es wagten, ohne festes Engagement als unabhängige Komponisten zu existieren, letztlich auf Klavierstunden angewiesen. Dieser mutige Sprung in die Unabhängigkeit lag zwar im Trend der Zeit. Aber das erste Jahr war für Mozart in finanzieller Sicht das armseligste und dürftigste der ganzen Wiener Zeit. Erst nach der Entführung aus dem Serail, dem grandiosen Erfolg, besserte sich die Situation.

Was Mozart allen Wiener Komponisten voraushatte, waren seine überragenden pianistischen Leistungen. Als Selbstinterpret konnte er sich vollkommen verständlich machen, niemals wurde geklagt über zu große Schwierigkeiten, zu große Kontraste oder zu schwer zu verfolgendes Stimmengeflecht und allzu stark gewürzte harmonische Wendungen, an denen oft fremde Interpreten seiner Werke scheiterten. Mozart muss mit überlegenem Charme das Publikum in seinen Bann gezogen und auch durch die ungewöhnlichsten musikalischen Klippen gesteuert haben, sodass man ihm begeistert folgte. Sowohl in der Klavierkammermusik wie auch mit den Klavierkonzerten wurde er zum Publikumsliebling. Anders ist die beispiellose Folge seiner Auftritte in den Jahren 1783 bis 1786 nicht zu erklären. Allein 15 Klavierkonzerte sind in dieser Zeit entstanden, alle von ihm selbst aufgeführt. Im Frühjahr 1784 spielte Mozart in zwei Monaten in mehr als zwanzig Konzerten, im folgenden Frühjahr waren es fünfzehn Konzerte und drei Quartettabende. Leopold Mozart, der seinen Sohn in dieser Zeit besuchte, klagte seiner Tochter: "tägliche Akademie, immer Lernen, Musik, schreiben etc. wo soll ich hingehen? – wenn nur einmal die Akademien vorbey sind: es ist ohnmöglich die schererey und Unruhe alles zu beschreiben: deines Bruders Fortepiano Flügel ist wenigst 12 mahl, seit dem hier bin, aus dem Hause ins Theater oder in ein andres Haus getragen worden." Mozart spielte stets auf seinem eigenen Flügel.

Bei seinen eigenen Akademien und Subskriptionskonzerten trat Mozart als Selbstveranstalter auf. Er musste Saalmiete, Kerzen für das Licht und auch die Orchestermusiker bezahlen. Nach Abzug dieser Unkosten blieben ihm aber erhebliche Gewinne. Selbst der Kaiser erschien bei solchen Gelegenheiten und zahlte ein fürstlich erhöhtes Eintrittsgeld. Bei Auftritten in den Palais oder Salons wurde Mozart engagiert und in einer Weise entlohnt, die dem Ansehen des Hauses entsprach.

Gleichwohl war es für Mozart immer das Wichtigste, Opernaufträge zu bekommen, vor allem in Wien, wo er das Gesangspersonal ebenso kannte wie die Orchestermusiker, die seinen Anforderungen gerecht werden konnten. Das Nationalsingspiel war bald wieder aufgegeben worden, die italienische Oper wieder eingeführt. Die Hauptschwierigkeit war jedoch, an geeignete Textbücher zu kommen. Durch wen er auf Figaro aufmerksam wurde, ist nicht ganz klar, jedenfalls war Da Ponte ein Mitstreiter, der nicht nur sprachliche Eleganz und Sinn für die musikalischen Erfordernisse mitbrachte, sondern auch verwegen genug war, das Skandalstück beim Kaiser als Opernauftrag durchzusetzen.

Dieser beispiellose Angriff auf den Adel, der der eigentliche Inhalt des Stückes ist, hatte schon in Paris für Furore gesorgt. Jahrelang durfte der Text nicht publiziert werden, doch Beaumarchais ließ ihn im Adel kursieren und heizte damit die Gerüchteküche so lange an, bis dieses Theaterstück sogar die Königin Marie Antoinette (eine Schwester Joseph II.) sehen wollte und das Verbot sich nicht mehr aufrechterhalten ließ. Sofort erschienen auch zahlreiche Übersetzungen ins Deutsche, und Schikaneder plante mit seiner Theatertruppe eine Aufführung in Wien. Dies ließ Joseph II. nicht zu, da er ähnliche Tumulte befürchtete, wie es sie in Paris bei der Uraufführung gegeben hatte. Immerhin erlaubte er den Druck des Textbuches, denn private Lektüre schien weniger gefährlich. Als Da Ponte dem Kaiser Mozarts Komposition als Oper vorschlug, stimmte er überraschenderweise zu. Denn die italienische Oper wurde vor allem vom Adel besucht, einerseits wegen mangelnder Sprachkenntnisse der breiten Volksschichten, andererseits aber auch wegen der enorm hohen Eintrittspreise, die sich nur privilegierte Schichten leisten konnten. Und mit der hier vorgebrachten Adelskritik sympathisierte Joseph II. durchaus. Das hatte viel mit seinem Verständnis von der absoluten Monarchie zu tun.

Für ihn stand fest, dass die Familie der Habsburger zur Regentschaft in den Erbländern, Böhmen und Ungarn, berufen sei, aber die Angehörigen der anderen Stände des Adels, der Klerisei und die verschiedenen bürgerlichen Schichten verstand er letztlich alle als gleiche Untertanen dieses einen Monarchen. Sein ganzes Bestreben ging dahin, alle Privilegien abzubauen und eine nahezu völlige Gleichstellung vor dem Gesetz durchzusetzen. Joseph II. ging es nicht um persönliche Macht und Reichtum. Gleich zu Beginn seiner Regierung hatte er auf sein immens großes persönliches Erbe zugunsten der Staatskasse verzichtet, sehr zum Ärger seiner Verwandtschaft. Er verstand sich als ein Aufklärer auf dem Thron, der sich bis zur Erschöpfung seinen Aufgaben für das Volkswohl hingab. Aber unverkennbar ist auch die Überforderung, der anmaßende und besserwisserische Ton und der missionarische Eifer. Joseph II. war sich nicht zu schade, statt aufzuklären auch in Dinge hineinregieren zu wollen, die ihn schlicht nichts angingen: so verbot er zum Beispiel das Miedertragen (weil gesundheitsschädlich), das Glockenläuten beim Gewitter (weil abergläubisch), Prozessionen und Wallfahrten (unnütz) oder sogar das Sargbegräbnis (weil die Verwesung im Leintuch schneller und daher hygienischer vonstatten ginge). Dass viele solcher Verordnungen Kopfschütteln, manchmal sogar Erbitterung zur Folge hatten, ist wohl verständlich. Gleichwohl hatte Joseph II. viele Anhänger, die zumindest die Haupttendenzen seiner Reformen billigten. Ein großer Teil von ihnen fand sich in den Freimaurerlogen, die in dieser Zeit gerade in Wien eine enorme Blüte erfuhren. Vor allem in der Loge Zur wahren Eintracht sammelte sich eine intellektuelle Elite von hohen Beamten, Wissenschaftlern und Künstlern, deren Ziel eine Akademie der Wissenschaften und Künste zu sein schien. Mozart trat einer sehr bürgerlichen Loge aus Beamten, Apothekern, Medizinern und Handelsleuten bei, die unter dem Namen Zur Wohltätigkeit auftrat.

In diesen Aufklärungslogen fanden sich vor allem die, die entweder als Beamte die Reformpolitik des Kaisers durchzusetzen hatten oder sie zumindest in ihren Grundsätzen unterstützten. Gleichwohl waren die Logen Geheimgesellschaften und erregten schon deshalb das Misstrauen des Monarchen. Auch hier hat Joseph II. mit Regelungen eingegriffen, die mehr zerstört haben, als sie kitten konnten. Er führte Aufsichtsmaßregeln ein, die das Logenwesen von innen zerstören mussten. Diese Neuordnung haben nur wenige Logen überlebt. Mozart jedoch, obwohl er auf das Wohlwollen des Kaisers angewiesen war, ließ sich nicht beirren und blieb standhaft. Seine letzte vollendete Komposition war sogar eine Freimaurerkantate zur Einweihung eines neuen Logentempels.

Mozart hat – anders als sein Vater – politische Vorgänge so gut wie nie erwähnt oder kommentiert. Aber in seinem Verhalten, in der Wahl und Behandlung seiner Operntexte kann man spüren, wie wach und sensibel er die politischen Zeitströmungen erfasst und auf sie reagiert hat. Auch wenn wir ein differenziertes Urteil über Zustimmung oder Kritik nicht vornehmen können – er war deutlicher in die josephinische Politik einverwoben (und wusste es wohl auch), als man es heutzutage ihm gemeinhin zugesteht.

Man könnte versucht sein, Don Giovanni ebenso mit josephinischer Adelskritik in Verbindung zu bringen wie Figaros Hochzeit. Hier liegen die Dinge jedoch etwas anders. Nach dem ungeheuren Erfolg von Figaro in Prag (in ihm kann man eine deutliche Spitze gegen Wien sehen), war dies eine Prager Auftragsoper, und ihr eigentlicher Zweck war, der dortigen Operntruppe die Kassen zu füllen. Der bestrafte Ausschweifende oder Don Jean, wie die Oper auf Deutsch hieß, war deshalb vor allem eine Konzession ans Volkstheater, wo dieser jahrhundertealte Stoff bestens bekannt war – in Wien lief dieses Stück seit Jahren auf einer Vorstadtbühne. Mozarts Kunstgriff bestand gerade darin, ein inzwischen an die Commedia dell’Arte angenähertes Sujet mit Mitteln der großen dramatischen Oper zu komponieren. Nach dem großen Prager Erfolg wollte der Kaiser dieses Werk auch in Wien sehen. Das gelang allerdings erst viele Monate später, denn inzwischen war der Türkenkrieg ausgebrochen.

Zu einem ungünstigeren Zeitpunkt hätte Joseph II. sich nicht in ein solches kriegerisches Abenteuer stürzen können. Denn an vielen Stellen des riesigen Habsburgerreiches brodelte es gewaltig, weil Joseph II. stets zu viel auf einmal wollte. Wirtschaftlich war sein Reich noch keineswegs aufgeblüht, Handel und Unternehmergeist noch wenig entwickelt. In Brüssel drohte offener Aufstand gegen das Habsburgerregime. In Ungarn hatte er die Nation mit seinen Alleingängen so gegen sich aufgebracht, dass man bereits einem anderen die ungarische Krone andienen wollte. In Böhmen hatte es Hungerrevolten gegeben. Und nun auch noch ein Krieg, der mehr aus Bündnisverpflichtungen für Russland als aus eigenen Interessen entstand. Das eigentliche Kriegsgeschehen vor den Toren von Belgrad war ein führungsloses Desaster, bei dem die österreichischen Truppen im Morast und in den Sümpfen vor Semlin stecken blieben, seuchengeschwächt.

Natürlich spürte man diesen Krieg auch in Wien: Teuerung, Brotknappheit, Missstimmung. Das gesellschaftliche Leben kam weitgehend zum Erliegen, die Oper war sogar von der Schließung bedroht. Viele adlige Familien zogen sich auf ihre Landgüter zurück. Handel, Gewerbe, Landwirtschaft – alles musste für das Militär abgezogen werden. Für das kulturelle Leben blieb kaum etwas übrig, jeder hatte andere Sorgen. Ein unabhängiger Komponist wie Mozart spürte dieses Tief besonders deutlich. Hinzu kam die Krankheit seiner Frau Constanze, die teure Arztrechnungen und Kuren nötig machte.

Doch der Kaiser ließ Mozart immerhin nicht ganz im Stich. Von Dezember 1787 an bekam er den Ehrensold eines k. k. Kammer-Kompositeurs, und im Mai 1788 wurde in Wien Don Giovanni herausgebracht, wofür Mozart noch einmal ein Honorar bekam. Mozart hatte auch in dieser Zeit wenigstens ein auskömmliches Einkommen. Warum trotzdem gerade jetzt die vielen Bettelbriefe an seinen Logenfreund Puchberg entstanden, ist ein bis heute nicht ganz gelöstes Rätsel. Für den Karneval 1790 erhielt Mozart den Auftrag zu einer Karnevalsoper, Così fan tutte, offenbar sogar mit einem erhöhten Honorar. Doch der Kaiser war bereits zu schwach, um die Oper selbst zu besuchen. Kurz nach ihrer Premiere im Januar 1790 starb Joseph II. an einer Lungentuberkulose, die er sich offenbar im Türkenkrieg zugezogen hatte.

Mozart hatte Joseph II. viel zu verdanken. Denn Mozarts größtes Interesse war immer die Oper gewesen, und alle Opern, die Mozart für das Wiener National-Hoftheater geschrieben hat, verdanken sich der persönlichen Entscheidung des Kaisers, vor allem Figaro. Auch als Pianist und mit seinen Klavierwerken fand Mozart große Bewunderung Josephs II. Vielleicht hat das von ihm inszenierte Wettspiel Mozarts mit Clementi sogar wesentlich zu den zahlreichen Konzertauftritten der folgenden Zeit beigetragen. Aber auch Mozart wird die zunehmende Distanzierung zum Kaiser gespürt haben, die am Ende ein solches Ausmaß annahm, dass sogar Spottgedichte auf den Sterbenden an die Hofburg geklebt wurden.

In Wien wurde unterdessen mit wachsendem Erfolg Figaro gegeben, in einer Neuinszenierung, die just im August 1789 mit Beginn der Französischen Revolution herausgekommen war. Vor diesem Hintergrund hatte man nun wohl ein anderes Interesse an diesem Werk gefunden. Der Nachfolger auf dem Habsburgerthron, Leopold II., war viel zu beschäftigt, die Scherben der josephinischen Politik beiseite zu räumen und notdürftig zu kitten, was noch zu retten war. Für die Oper brachte er nur wenig Interesse auf. Mozart hat sich um weitere Aufträge am National-Hoftheater nicht mehr bemüht.

Mozart muss den Tod Josephs II. als eine deutliche Zäsur empfunden haben, denn in den folgenden knapp zwei Jahren sehen wir bei ihm eine völlige Umorientierung. Wenn er auf eigene Kosten zur Krönung Leopolds II. nach Frankfurt fuhr, so sicherlich nicht, um auf diesem Umweg neuen Kontakt zum Habsburgerhof zu finden. Eher sehen wir ihn auf der Suche, außerhalb von Wien neue Verbindungen zu knüpfen – und wo konnte das besser geschehen als an dem Ort, wo sich alle Potentaten des Deutschen Reiches zusammenfanden? In Wien, wo er wieder mit einem neuen Klavierkonzert in Erscheinung trat, bemühte er sich jetzt beim Magistrat der Stadt um eine Stelle als Kirchenmusiker von St. Stephan. Für die Krönung Leopolds II. in Prag schrieb er eine Festoper (La clemenza di Tito), aber wiederum nicht im Auftrag des Hofes, sondern für die böhmischen Stände. Und schließlich komponierte er Die Zauberflöte für Schikaneders Vorstadtbühne auf der Wieden, jenes Werk, das den größten Beifall von allen seinen Opern bekommen sollte. Immerhin hat er den ersten Zipfel dieses beispiellosen Erfolges noch erlebt und auch genossen. Mozart befand sich in diesem letzten Jahr in einer euphorischen Aufbruchstimmung. Das josephinische Jahrzehnt mit all seinen Widersprüchen, seinen Höhen und Tiefen war für ihn abgeschlossen. Zeit, sich neu zu orientieren. Zeit, erneut mit großem Gepäck die Kutsche zu besteigen? Dass der Komponist dabei war, auch in seiner Musiksprache neue Wege zu gehen, zeigt einerseits La clemenza di Tito mit ihren klassizistisch-erhabenen Tönen, andererseits nur Wochen später Die Zauberflöte, in der schon der Geist einer musikalischen Frühromantik weht. Diese beiden Opern deuten eine Weichenstellung der musikalischen Sprache an. Wohin sollte der Weg gehen? Mozarts plötzlicher Tod hat auch hierin nur Rätsel gelassen.

Aus ”DIE ZEIT Geschichte Mozart“, erhältlich im Zeitschriftenhandel oder direkt hier im Shop .