Im Juni 1988 spekulierte Alain Dejammet, damals französischer Botschafter bei den Vereinten Nationen, darüber, ob es sich vielleicht nur um ein Trucker-Picknick handele: Unscom, das Waffeninspektions-Team der UN, hatte dem Sicherheitsrat gerade Luftaufklärungsfotos zur Verfügung gestellt, auf denen etwa 130 Trucks der Republikanischen Garden an einem einsamen Ort in der Wüste zu sehen waren – Trucks, die sich kurz zuvor erst von einem Ort entfernt hatten, dem sich die Unscom näherte. Doch der französische Vertreter wies jeden Verdacht zurück, Saddam Hussein könne versuchen, etwas zu verstecken.Die Diskussion über den Irak hat über die Jahre eine höchst seltsame Debatte hervorgebracht. Zuletzt war viel die Rede vom zynischen amerikanischen Eigeninteresse („Ein Abenteuer für Öl“), vom europäischen Idealismus („Dem Frieden eine Chance“) und von einem Schicksalsmoment in der Geschichte der UN. Aus amerikanischer Perspektive sieht das alles seltsam aus. Vor nicht allzu langer Zeit argumentierten die Gegner einer Intervention, Krieg sei zu gefährlich: Saddam könne mit Massenvernichtungswaffen zurückschlagen. Heute sagt man, es gebe keinen Grund für eine Intervention. Bagdad habe abgerüstet, und niemand könne das Gegenteil beweisen! Und dann ist da der arme Kanzler Schröder: Er ist entschlossen, den Multilateralismus und die moralische Autorität des Sicherheitsrates zu verteidigen. Man nehme ihn beim Wort: Womöglich wird er am Ende allein mit Syrien dastehen, um die Bedeutung dieser Werte zu betonen.Was also geht hier vor? Zunächst muss etwas zugestanden werden. Die Amerikaner haben in der Tat ein Interesse am Öl. George W. Bushs Vater hat dies bereits eingeräumt, als Saddam 1991 in Kuwait einfiel und hungrige Blicke auf die Ölfelder Saudi-Arabiens warf. Wenn aber Ölinteressen und ein enger kommerzieller Blickwinkel unsere Außenpolitik lenken würden, dann müssten wir auch Truppen in Venezuela haben, denn die aktuelle politische Unsicherheit in diesem Land trifft die Amerikaner direkt an der Zapfsäule. Wir hätten dann wohl auch von humanitären Interventionen in Somalia, Haiti, Bosnien und im Kosovo (nirgendwo ein Tropfen für Exxon in Sicht) Abstand nehmen müssen. Und wir hätten uns die irakischen Ölfelder einfach schnappen müssen, nachdem wir den Golfkrieg gewonnen und Kuwait befreit hatten.Gestehen wir dann aber auch ein, dass die Debatte, mindestens in Donald Rumsfelds „Altem Europa“, sich hauptsächlich um Amerika dreht und nicht um den Irak und seine Massenvernichtungswaffen. Warum? Viel zu lange „war Amerika in der Lage, mit großen und mittleren Ländern herumzuspielen“. Jetzt hat der amerikanische Präsident „eine Mission: eine Welt nach dem amerikanischen Modell, wenn nötig auch mit Gewalt“. Eines dieser Zitate ist von Saddam, das andere aus dem stern, aber es ist nicht leicht, den Unterschied auszumachen. Es scheint, dass der Widerwille gegen die Macht der USA zu dem Gemeinplatz geronnen ist, die amerikanische Vorherrschaft sei ein Problem und müsse gestoppt oder doch gebremst werden. Ist dies nicht im Wesentlichen der Kern der Liebesaffäre unserer Freunde mit den Vereinten Nationen?So kam es dazu, dass die USA im letzten Jahr in der UN-Menschenrechtskommission überstimmt wurden. Manche sagten, es gehe um Opposition zu den Raketenabwehrplänen der Bush-Regierung und zu dem Ausstieg der USA aus dem ABM-Vertrag. Andere meinten, es sei der Versuch, die USA für ihre Missachtung des Kyoto-Protokolls und des Internationalen Gerichtshofs abzustrafen. Klar ist jedenfalls, dass die stillschweigende Kooperation zwischen unseren europäischen Verbündeten und einer Gruppe unserer Gegner dabei geholfen hat, die USA aus der Kommission zu drängen.Natürlich ist die Arbeit der Menschenrechtskommission symbolischer Natur. Bestenfalls kann sie Klagen anhören und Aufmerksamkeit für Missbrauch erzeugen. Aber zugleich halten es unsere Verbündeten für richtig, auf die Fähigkeit des Sicherheitsrates zu setzen, den Irak endlich zu entwaffnen? Es ist zwölf lange Jahre her, dass der Sicherheitsrat zuerst vom Irak die „umfassende, endgültige und vollständige Enthüllung“ über seine Massenvernichtungsmittel verlangte. Der Sicherheitsrat glaubte, die vollständige Entwaffnung könnte in nur einem Jahr vonstatten gehen. Aus einem Jahr wurden sieben – bis 1988, als Saddam nach endlosem Katz-und-Maus-Spiel die Tür für die UN-Waffeninspektoren vollends schloss. Unscom wurde aufgelöst.Im Dezember 1999, als Unmovic per Votum ins Leben gerufen wurde, weigerten sich drei der fünf ständigen Mitglieder – Frankreich, Russland und China –, für ein neues Inspektorenteam zu stimmen. Die großen Ölfirmen Frankreichs, Elf Aquitaine und Total, hatten gerade große Verträge mit der irakischen Ölindustrie unter Dach und Fach gebracht, und Bagdad drohte ganz offen mit der Annullierung der Verträge, wenn Frakreich der harten amerikanischen Linie folgen würde. Nach der Schaffung von Unmovic – Amerikaner und Briten waren dafür, die anderen drei enthielten sich der Stimme – schlug Kofi Annan Rolf Ekeus als neuen Vorsitzenden der Gruppe vor. Diesmal legte Moskau sein Veto ein. Der russische Botschafter Sergej Lawrow gab öffentlich zu, man habe die Nominierung von Ekeus blockiert, weil dies Bagdad nicht gefalle. Und heute, im Jahr 2003, erklingen neue Rufe nach mehr Zeit für die Inspektionen. Dies also ist die Lage. Und wir Amerikaner sind hier die Zyniker? Wir nehmen die UN nicht ernst und drängen ungeduldig zum Krieg?Jeff Gedmin ist Leiter des Aspen-Instituts in Berlin. Aus dem Englischen von Jörg Lau