Es wird einen Krieg gegen den Irak geben. Doch dieser Krieg ist der falsche Krieg. Ich brauche nicht auf den Bericht von Hans Blix zu warten: Ich bin bereits jetzt davon überzeugt, dass der Irak chemische und biologische Waffen versteckt. Ich glaube außerdem, dass der Irak einige dutzend Raketen in Westirak verborgen hält. Obwohl ich diese Überzeugungen hege, bin ich nach wie vor der Ansicht, dass Amerika den falschen Krieg führen wird.Wenn man amerikanische Regierungsbeamte fragt, wer denn der Feind sei, bekommt man seit dem 11. September drei verschiedene Antworten zu hören: der weltweite Terrorismus, die Massenvernichtungswaffen in den Händen solcher Übeltäter wie Saddam Hussein und der radikale Islam nach Art von bin Laden. Ich glaube, das verworrene Denken der Amerikaner über den Irak-Krieg entsteht aus der Vermengung dieser drei Antworten – als handele es sich um ein und dieselbe Antwort, während es in Wahrheit doch sehr verschiedene Antworten sind, die ganz unvereinbare praktische Schlussfolgerungen mit sich bringen.Deshalb meine These: Der radikale Islam vom Typus eines bin Laden ist der Feind und sollte auch als Feind betrachtet werden. Allerdings, die Bekämpfung von Saddam wird diesem Feind eine große Hilfe sein, anstatt ihn zurückzuwerfen. Das gilt selbst dann, wenn der Krieg erfolgreich verläuft, erst recht aber dann, wenn er es nicht ist.Die islamische Welt, die ein Siebtel der Weltbevölkerung ausmacht, steht am Rande einer „revolutionären Situation“, wie man im alten Jargon sagte. Lenin, der sich mit Revolutionen auskannte, charakterisierte die revolutionäre Situation als einen Zustand, in dem die Massen das Regime nicht mehr ertragen und in dem es für das Regime schwierig wird, die Massen unter Kontrolle zu halten. In fast allen islamischen Ländern sind 50 Prozent der Bevölkerung Jugendliche unter 18 Jahren. Ihre Lebensaussichten sind trostlos, und doch kennen sie das glitzernde Leben, überwiegend aus den westlichen Medien. Dies führt dazu, dass sie die Kluft zwischen ihren realen Aussichten und ihren Träumen noch schwerer verkraften können.Es gibt zwei Möglichkeiten, die explosive Kluft zwischen Realität und Traum zu überwinden. Entweder man verbessert die ökonomischen Aussichten und arbeitet für ein besseres Leben – oder man verändert die Erwartungen der Menschen, zum Beispiel ihre Vorstellungen von einem gutem Leben. Säkulare Ideologien richten sich auf reale Lebensaussichten, während sich religiöse Ideologien auf die Träume richten. Und wenn säkulare Ideologien scheitern, so wie sie in den islamischen Ländern elend gescheitert sind, wächst die Anziehungskraft der anderen, von religiösen Ideologien ermutigten Träume um ein Vielfaches. Aus diesem Grund macht der radikale Islam der islamischen Welt ein revolutionäres Angebot, und zwar in zwei Spielarten. Es gibt das „stalinistische“ Angebot der Revolution in einem einzigen Land, so wie sie Chomeini im Iran gelang. Die Idee ist, eine erfolgreiche islamische Revolution vorweisen zu können, die später als Vorbild für Revolutionen in anderen islamischen Ländern dienen wird. Und daneben gibt es ein „trotzkistisches“ Angebot für die islamische Revolution. Sie zielt darauf, die Revolution umgehend in die gesamte islamische Welt zu exportieren.Von bin Laden kommt das zweite, das „trotzkistisches“ Angebot für eine permanente und universelle islamische Revolution. Die Idee ist, den Terror als Propaganda zu nutzen, spektakuläre Aktionen zu inszenieren wie den Anschlag auf die „babylonischen“ Türme Manhattans, die Wahrzeichen der götzendienerischen amerikanischen Heiligtümer. Das Ziel ist aber keineswegs, Amerika zum Islam zu bekehren. Es geht vielmehr darum, einen revolutionären Kader zu rekrutieren, der die islamische Welt übernehmen wird. Vielleicht beginnt die Eroberung an den heiligen arabischen Stätten und fegt dort den unechten Wahhabismus hinweg, um von da aus einen neuen, vitaleren puritanischen Wahhabismus in der islamischen Welt zu verbreiten.Bekanntlich setzt Terror als Propaganda der Tat auf die Überreaktion der Opfer. Aus Wut wird der Getroffene in seiner Reaktion auf unschuldige Unbeteiligte einschlagen, die dann radikalisiert werden und leicht rekrutierbar sind. Doch Terrorbekämpfung ist keine Aufgabe für Elefanten im Porzellanladen und ganz gewiss nicht für die Elefanten aus der Partei der Republikaner. Sie ist eine heikle Angelegenheit. Ungeachtet des Kriegs in Afghanistan ist der Kampf gegen den Terror kein konventioneller Krieg, bei dem man der Luftwaffe feste Ziele vorgeben kann. Der Kampf gegen den Terror ist auch keine Polizeioperation wie bei der Bekämpfung der Mafia. Er liegt irgendwo in der Mitte dazwischen, was eine andere Strategie verlangt. Worauf es ankommt, ist, den „Fehlschluss des Instruments“ zu vermeiden – nämlich nur das Instrument zu benutzen, das man zu gebrauchen versteht, weil es das einzige ist, dessen Gebrauch man erlernt hat.Ich will der Frage nach dem richtigen Kampf und den richtigen Mitteln nicht ausweichen, möchte aber zunächst darauf eingehen, wie der falsche Krieg vermieden werden kann. Die Regime in der arabischen Welt lassen sich als Mukhabarat-Regime bezeichnen. „Mukhabarat“ ist der arabische Begriff für Geheimdienste, aber auch der Oberbegriff für den gesamten Apparat, der für die innere Sicherheit zuständig ist. Ein Mukhabarat-Regime wird von den Kräften der inneren Sicherheit aufrecht erhalten; ob der Herrscher „König“ oder „Präsident“ (der von 99 Prozent der Bevölkerung gewählt wird) heißt, ist unerheblich. Das Regime ist so oder so ein Mukhabarat-Regime, dessen Tätigkeit sich im Wesentlichen im eigenen Machterhalt erschöpft. Zweifellos gibt es Unterschiede hinsichtlich der Brutalität. Saddams Regime ist vielleicht das repressivste.Wie zynisch auch immer Saddam während seines langen Kampfs gegen Chomeini oder während seines jetzigen Kampfs gegen Israel von religiöser Propaganda Gebrauch gemacht hat, sein Regime ist brutal säkular. Seine Mukhabarat-Leute mögen sich wohl mit radikalen Islamisten treffen, aber sie treffen sie hauptsächlich in seinen erbärmlichen Gefängnissen. Zynismus hin oder her, es stellt sich tatsächlich die Frage, ob Saddam nicht doch dazu in der Lage ist, bin Laden mit den chemischen und biologischen Waffen zu beliefern, von denen ich glaube, dass er sie besitzt.Saddam Hussein ist ein schreckliches Übel, aber verrückt ist er nicht. Mehr als alles andere will er an der Macht bleiben. In Anbetracht der Tatsache, dass er ständig beobachtet wird, müsste er verrückt sein, wenn er sein Schicksal in die Hände eines Abgesandten bin Ladens legen und mit al-Qaida kooperieren würde – nur um sich an den Amerikanern zu rächen. So betrifft die Frage nach den Massenvernichtungswaffen nicht Saddams Moral, sondern dessen Rationalität. Es gibt viele Regime, die bin Laden mit chemischen und biologischen Waffen ausstatten, lange bevor Saddam dies tun würde.Nun hat Bush unmissverständlich klar gemacht, dass ihm ein Eingeständnis von Saddam nicht genügen wird und dass er – komme, was wolle – den Irak angreifen wird. Hätte Saddam Herrn Blix eine peinlich genaue Liste seiner Waffen übergeben, hätte man es als Zeichen dafür gewertet, dass es nur die Spitze des Eisbergs ist und dass er weit mehr davon versteckt. So oder so kann es Saddam den Amerikanern nicht recht machen – es sei denn, er gibt seine Macht ab. Doch sobald er mit dem Rücken zur Wand steht, könnte er versucht sein, biologische und chemische Waffen hauptsächlich gegen Israel einzusetzen. Das ist gewiss nicht einfach, aber es ist eine echte Möglichkeit. Ich finde es rätselhaft, warum meine Landsleute die Versuchung, diesen Krieg anzufangen, so unwiderstehlich finden.Für moralische Besserwisser mit einem blutenden Herzen für das irakische Volk hat man derzeit nur wenig Geduld. Aber erinnern wir uns, dass im Golfkrieg, der der Welt wie ein riesiges Videospiel vorkam, ungefähr 150000 Iraker getötet wurden. Man mag nur ermessen, wie viele Zivilisten in dem bevorstehenden Krieg ihr Leben verlieren. Das ist ein weiterer guter Grund, den Irakern die Befreiung durch ferngesteuerte Raketen zu ersparen.Und nun komme ich auf den richtigen Krieg zu sprechen. Die islamische Welt befindet sich am Rande einer revolutionären Situation. Dies, und nicht so sehr der Terror, ist das Hauptproblem, dem die Welt heute gegenübersteht. Die Weltwirtschaft hat die Netze sozialer Sicherung in den islamischen Ländern zerrissen. Oft blieb es den politischen Islamisten überlassen, solche Sicherungsnetze zu ersetzen: Auch das entwickelte sich zu einer Propaganda der Tat und überdies zu einer erfolgreichen. Mir fällt es schwer zu glauben, dass irgendeine Ideologie, irgendeine Botschaft, mit Ausnahme einer harmlosen Variante des Islam, gegen die Mukhabarat-Regime und gegen den gefährlichen Islamismus eines bin Laden ein erfolgreiches Angebot machen kann. Eine Botschaft, die sowohl die Lebensaussichten als auch die Träume der Menschen in diesen Ländern ansprechen wird, kann nicht von außen erzwungen oder manipuliert werden, aber sie kann und sollte von außen unterstützt werden. Das ist die langfristige Perspektive. Kurzfristig stehen wir vor dem Phänomen des Bin-Laden-Terrors ohne territoriale Basis. Das ist der Feind. Und so schwierig es ist – dieser Feind sollte im Kleinen ins Visier genommen werden. Der Name des blutigen Spiels heißt: keine Überreaktion. Ein Vorgehen gegen den Irak ist ein eklatantes Beispiel für die Überreaktion.Avishai Margalit ist Professor für Philosophie an der Hebrew-Universität Jerusalem. Aus dem Englischen von Karin Wördemann