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Nachts sind alle Menschen schwarz

Unser Kolumnist bekommt über Nacht schwarze Haut. Frauen wollen ihn küssen, Männer recken die Fäuste. Er gibt ihren Vorurteilen Gestalt. Das Fax der Woche

Ich hatte einen Traum: Ich war schwarzhäutig. Hatte sich ein Schleier aus Fliegen auf mein Gesicht gelegt? Hatte ich mich bis zur Unkenntlichkeit verbrannt? War ich eine wiederauferstandene weiße Leiche? Ich strich mit der Handkante über den Spiegel: Das Bild verblasste nicht. Ich war befremdet, den ganzen Morgen, da ich mich versteckte vor den Menschen, die mich kannten, die mich nicht wiedererkennen würden.

In diesen Stunden in meinem Unterschlupf verwuchs ich mit meiner neuen Haut. Schwärzer als das Schwarz auf den Farbbögen der Weißen. Ich sah nicht aus wie einer der Mulattenjungen, von denen die Schulmädchen schwärmten. Ein dunkler Mann, den die Nacht leicht verschluckt, das war ich. Ich schritt hinaus, ich wurde von einem Kind entdeckt, es sagte: Bist du ein Neger? Ich sagte: Bist du ausgebleicht?, dann ging ich weiter. Dies eine Wort klang nach, dies eine Wort wurde zum Gerücht, älter als das Kind, jünger als der Himmel.

Faksimile des Faksimiles von Feridun Zaimoglu
Faksimile des Faksimiles von Feridun Zaimoglu

Zwei junge Frauen kamen mir entgegen, sie sahen mich und sie sahen mich nicht, und sie gaben mir die Schuld für ihre Verstörung. Ich behexte sie, ich vernegerte sie, ich war das fremdeste Gegenstück, ich war die Entlegenheit. Eine Weiße starrte mich von der anderen Straßenseite an, und da ich mich umwandte, erlosch ihr Blick. Ein Weißer lief aus dem Geschäft, entdeckte mich, trieb die Frau zur Eile an. Ich konnte seine Gedanken lesen: Der Neger begafft meine Frau. Wieder das Wort, sie schlugen mich der kriminellsten Sorte zu.

Wer war ich? Eine schwarze Leinwand, die Weißen malten mit weißer Fingerfarbe meine Seele auf. Ihrer Hände Werk, ihrer Münder Gewisper: Neger. Es war leicht, als der andere die anderen zu unterhalten, ich musste nur in der Paraderolle glänzen. Ich lernte: Mein unterbleibender Rassenzorn machte die Weißen ratlos. Ich lernte: Untersagt der Weiße die Unterordnung, spielt er den geschwärzten Schwarzen, spielt er den Freund der Schwarzen.

In einer Bar stopfte mir ein studierter Mann Worte in den Kopf. Er sprach. Die Rassenfrage ist ungelöst. Ich bin auf deiner Seite, denn wir sind gleich … Der Farbenblinde belehrte den Zweiäugigen über den Unwert der schwarzen Haut. Ich verließ den Tisch, ich ging zu meinen Leuten, den Versprengten in der Stadt. Sie nannten einander Nigger – das war kluger Voodoozauber, sie stählten sich im Feuer der weißen Teufel. Sie erkannten in mir den Traumgeschwärzten, die echte Seele, den Sklavengeist, der sie heimsuchte. Sie nannten mich Halbbruder, denn sie sahen mich, weil ich ihnen erschien. Ein Hüne mit rasiertem Schädel wollte mich berühren, seine Hand und sein Arm gingen durch mich hindurch. Er nannte mich den Königsklassen-Nigger, den Überschwarzen. Diese Worte merkte ich mir, sie waren wahr, sie waren Gesang.

Bei den Weißen verfestigte sich meine Gestalt, ich wurde schwer. Bei meinen Leuten wurde ich schwarzer Rauch, ein Rauchmann ohne Kostüm. Später himmelte mich eine Frau an, weil sie mich für die Wiedergeburt eines Kriegerfürsten aus dem Heimatkontinent hielt. Sie stellte sich zum Kuss auf die Zehenspitzen, ihr Kopf ging durch meinen Mund und durch meinen Kopf hindurch. Sie verlor die Lust, ich verlor fast die Beherrschung, weil sie mir eine Heiligkeit andichtete: Ich fluchte. Die Männer strahlten, sie reckten die Fäuste in die Luft. Da wehte mich der Wind fort von ihnen, und hin zu weißen Lumpen, die Galgenschlaufen vorzeigten. Der Neger ist uns bekannt, schrien sie, wir schützen die weiße Frau vor dem schwarzen Mann. Sie schnappten nach Rauch, sie verbrannten sich an meiner Glut, sie flohen.

Ich verstand und ich wusste: Ich lebte in den Bildern ihrer Kinderreime, ihrer Märchen, ihrer Hygiene, ihrer Seelenwissenschaft. Ich war die erlogene Falschheit. Ich lebte meine Wildheit aus als ein in der Nacht verwandelter Weißer. Da zerrann ich, wachte glücklich auf. Wenigstens im Traum hatte ein schwarzes Herz in meiner Brust geschlagen.

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5 Kommentare

  1.   musulo

    „Wer sich kraft seines sorgsam gepflegten Selbstbildes bereits für aufgeklärt und vorurteilsfrei hält, lässt sich ungern von Perspektiven und Einsichten irritieren, die vermeintliche Selbstverständlichkeiten, wie etwa die Freiheit minorisierte Andere nach eigenem Gusto zu benennen oder das Recht auf Polemik, als Weiße Privilegien enttarnen. Durch diese beängstigende Dekonstruktion wird schließlich die sicher geglaubte Eindeutigkeit rassistischer Komplizenschaft brüchig, die sich eben nicht am rechten Rand, sondern in der Mitte der Gesellschaft konzentriert. Rassismus hat viele Gesichter und viele Ebenen, so dass ein komplexes Verständnis von Rassismus und Kolonialität als Verstrickung in die gesellschaftliche Machtmatrix erforderlich ist….“

    Autor: http://de.wikipedia.org/wiki/Kien_Nghi_Ha

    Ohne weiteren persoenlichen Kommentar.

  2.   A. Young

    Ich find es komisch das Sie als nicht Schwarzer versuchen das Thema zu verharmlosen.
    Sie sind eben auch nur „Türke“ um in Ihrer Gedankenwelt zu bleiben.

  3.   Gitta

    Die Träume der Männer gleichen ihrem Zorn und ihrem Blick auf die Frauen. Schwarz oder weiß, Liebe oder Hass, Heilige oder Hure. Ich frage mich, ob es jemals einem Mann im Traume einfallen könnte, in einer Frau auch eine mögliche Freundin zu sehen. Gott sei es gedankt, dass ich nur gesichts- aber nicht farbenblind bin.

  4.   Wunder123

    Scheinbar lösen diese Texte etwas aus, bei den „üblichen Kommentarwichsmaschinen“, um Denis Scheck zu zitieren. Wenn Literatur das kann, ist alles gesagt. Die übliche Entrüstung kundzutun, ist vielleicht heilsam für sparsame Geister, und immerhin düngt sie den Boden. Gute Literatur ist meist auf Dung entstanden.

    Schöner Text!

 

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