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„Mitten beim Sex is dit Bette einjekracht“

Unsere Autorin ist Schriftstellerin und arbeitet als Fußpflegerin in Marzahn. Hier trifft sie Menschen, deren Geschichten sonst selten gehört werden. So wie Frau Blumeier

© Sean Gallup/Getty Images

Dieser Text ist Teil unserer Mini-Serie „Fußpflege in Marzahn“. Alle Folgen finden Sie hier.

Die Vorurteile gegen die Plattenbausiedlung im Ostberliner Stadtbezirk Marzahn halten sich hartnäckig. Marzahn, heißt es, sei eine Betonwüste. In Wahrheit ist Marzahn quietschgrün, es gibt breite Straßen, genügend Parkplätze, intakte Gehwege und an Übergängen abgesenkte Bordsteinkanten, überall Rollpisten, und alles, was Räder hat, kommt bestens voran und ans Ziel.

Ein Vorurteil trifft allerdings zu: Plattenbauten sind hellhörig. Das Kosmetikstudio, in dem ich als Fußpflegerin arbeite, liegt ebenerdig am Fuß eines Achtzehngeschosses und setzt irgendwo im Haus jemand die Bohrmaschine an, fühlen wir uns hier unten wie beim Zahnarzt.

Frau Blumeier kenne ich seit zweieinhalb Jahren. Sie ist eine lustige, wache Person mit Berliner Schnauze, die jünger wirkt (Mitte fünfzig), als sie ist (Mitte sechzig). Sie wohnt im selben Hochhaus, in dem auch unser Studio ist, in der vierzehnten Etage. Stehe ich rauchend vor unserer Tür, sehe ich Frau Blumeier manchmal von Weitem. Wir winken uns zu, Frau Blumeier wendet per Joystick und rollt auf einen kurzen Plausch heran. Dann muss sie zur Physiotherapie, zum Einkaufen, zum Friseur oder zu einer Bekannten, düst davon in ihrem schnittigen Elektromodell, den Oberkörper nach vorn gebeugt wie ein Rennfahrer, und der Wind fegt ihr die Haare aus der Stirn. Die sechs km/h Höchstgeschwindigkeit, die ihr fahrbarer Untersatz hergibt, sind Frau Blumeier zu wenig. Sie würde lieber mit sieben, acht, neun km/h über die Piste rollen. Generell hofft Frau Blumeier auf Rückenwind, damit die Batterie länger durchhält.

„Du bist nicht krank.“

Erscheint sie alle sieben Wochen zum Termin, eile ich zur Tür, halte sie auf, rufe: „Kommse rin!“, und Frau Blumeier ruft: „Und setzense sich, wa?“. Sie fährt durch bis in die Fußpflege, parkt nah beim Thron (dem Fußpflegestuhl), steht allein aus dem Rollstuhl auf und schafft auch die zwei, drei Schritte auf ihren Knickbeinchen ohne meine Hilfe. Frau Blumeier macht alles, was irgendwie geht, selber, sogar die Behindertenwitze, und findet Rollstuhlfahrer, die sich „von Hacke bis Nacke bedienen lassen“, unmöglich. Sitzt sie auf dem Thron, ziehe ich ihr die Hausschuhe aus, Kinderhausschuhe der Firma Giesswein. Während ich ihre Füße wasche und abtrockne, plaudern wir über die neuesten Neuigkeiten, albern herum. Und dann hat Frau Blumeier diesen Satz im Repertoire, den sie oft anwendet, wie eine Zauberformel: „Wollt ick grade sagen.“ Alles, was ich sage, wollte Frau Blumeier gerade sagen. Auch was andere Leute sagen, wollte Frau Blumeier gerade sagen. Der Satz öffnet ihr Türen, ebnet ihr Wege. Sie ist eine Zustimmungskünstlerin.

Im Jahr 1955, als Tine Blumeier ein Jahr alt war, diagnostizierte man Poliomyelitis, kurz: Polio, Kinderlähmung. Sie kam ins Krankenhaus, dort zur Beatmung in die „eiserne Lunge“ und wurde mit knapp vier Jahren entlassen. Das Mädchen konnte höchstens sitzen und Brei essen, aber das weiß Frau Blumeier nur aus Erzählungen. An die Worte des Vaters hingegen erinnert sie sich: „Du hast ein paar Einschränkungen. Aber du bist nicht krank.“ Die Ärzte rieten, das Kind an einer Sonderschule anzumelden. Die Eltern hielten sich nicht an den Rat und schickten ihre Tochter auf eine polytechnische Oberschule. Bis auf den Sportunterricht konnte Tine Blumeier überall problemlos mithalten. Sie schloss die Schule ab, sie arbeitete als Sekretärin, sie heiratete. Von einer Schwangerschaft rieten die Ärzte dringend ab. 1990, mit sechsunddreißig Jahren, bekam Tine Blumeier einen Sohn. In dieser Zeit wurde ihr Betrieb abgewickelt. Auf dem Amt sagte man ihr, mit ihrer Behinderung habe sie im Westen ganz schlechte Karten. Da saß sie noch nicht im Rollstuhl, ging aber schon am Stock; das Post-Polio-Syndrom kündigte sich an: Muskelschwund. Während der Sohn mitten in der Pubertät steckte, starb sein Vater an Leukämie. Das, sagt sie, sei eine schwere Zeit gewesen.

Als Tine Blumeier meine Stammkundin wurde, stellte sie meinen geheimen Vorsatz, nach dem jeder Kunde das Studio fröhlicher verlassen musste, als er es aufgesucht hatte, auf eine harte Probe. Ich habe um die sechzig Kunden und kann Vergleiche ziehen.

Schippern mit dem Jugendfreund

Manche empfinden jeden Schnupfen als persönliche Beleidigung, jammern sich durch die Jahre und fühlen sich vom Leben aufs Übelste betrogen. Nicht so die Zustimmungskünstlerin. Sie erzählte mir von einem kleinen Jungen, der seine Mutter auf der Straße gefragt hatte, ob die Frau da im Rollstuhl behindert sei. „Aba nur inne Beene, nich im Kopp!“, hatte Frau Blumeier geantwortet und den Jungen auf ihrem Schoß eine Runde mitfahren lassen.

„Die Mutter kann Ihnen dankbar sein“, sagte ich.

„Wollt ick grade sagen“, sagte Frau Blumeier.

Immer, wenn sie mich besuchte, schwärmte sie davon, wie angenehm es sei, sich nicht mehr selbst um die Füße kümmern zu müssen, eine Verbesserung in ihrem Leben, die auch der Sohn gutheiße. Der habe sich übrigens ein Auto gekauft, auch, um seine Mutter herumkutschieren zu können. Ihr „Ein und Allet“ sei der Sohn, und noch immer sei sie froh, sich damals nicht an den Rat der Ärzte gehalten zu haben, auch wenn die körperliche Belastung der Schwangerschaft das Post-Polio-Syndrom vielleicht ein paar Jahre früher zum Ausbruch gebracht habe.

„Wer ein Kind hat, kann sich ein Leben ohne Kind gar nicht mehr ausmalen“, sagte ich.

„Wollt ick grade sagen“, sagte Frau Blumeier.

Ein andermal erzählte sie mir von einer trübsinnigen Bekannten, die in einer total vermüllten Wohnung hause. Dort schaue sie, Frau Blumeier, nach dem Rechten, bringe Einkäufe, sortiere die Post, wasche die Wäsche. An Krücken bewege sie sich durch den Ramsch und versuche, indem sie aufräume, sich einen Weg zu bahnen. Am kommenden Wochenende könne sie aber nicht helfen, da mache sie einen Bootsausflug.

„Was denn für ein Boot?“, fragte ich.

„Tja, dit wollnse jetz wissen, wa?!“, lachte Frau Blumeier.

Sie hatte Lutz wiedergetroffen, einen alten Jugendfreund, und Lutz lud sie andauernd auf sein Boot ein. In holder Eintracht schipperten Frau Blumeier und ihr Jugendfreund über die Spree, mit Picknick und allem Pipapo.

„Sind Sie verknallt, Frau Blumeier?“

„Wollt ick grade sagen.“

Schnattern, plappern, blödeln

Im Winter darauf machten Frau Blumeier und Lutz die schönsten deutschen Weihnachtsmärkte unsicher, jedes Wochenende ein Ausflug – Nürnberg, Dresden, Lübeck. Auf dem Thron packte Frau Blumeier mit beiden Händen ihre Beine, verfrachtete sie in die richtige Position und ließ sich die Fußmassage behagen, die wegen fehlender Hornhaut immer besonders ausgiebig ausfiel. Ich sah ihr ins Gesicht, das mich ein bisschen an das einer Katze erinnerte, vielleicht wegen des hellen Flaums auf der Oberlippe. Frau Blumeier schnurrte.

Ein Mittwoch Anfang März, kurz vor sechzehn Uhr. Frau Blumeier kichert schon, als sie über die Schwelle des Studios fährt. Beim Umsteigen vom Rolli in den Fußpflegestuhl darf ich wie immer nicht helfen. Ich ziehe ihr die Kinderhausschuhe von den Füßen. Wir schnattern, plappern, blödeln. Als ich die winzigen Zehennägel schneide, platzt Frau Blumeier heraus: „Uns is vielleicht wat Peinlichet passiert!“

Ich sehe von ihren Zehen auf, deren zarte Haut ich nicht verletzen darf.

Mitten beim Sex sei „dit Bette einjekracht“, Lutz und sie seien auf der Erde herumgekrabbelt und hätten versucht, den Lattenrost zurück in den Rahmen zu fummeln. Am nächsten Tag sei im Fahrstuhl der Mann zugestiegen, der unter ihr wohne, habe saublöd gegrinst und gesagt: „Bei Ihnen is ja wohl Halligalli nachts, wa?“ Das sei ihr, Frau Blumeier, dermaßen peinlich gewesen, dass sie am liebsten im Erdboden versunken wäre. Sie lebe wirklich gern in Marzahn, aber dass man in der Platte alles höre, sei unmöglich. Und das Schlimmste: Jedes Mal, wenn sie diesem Mann jetzt begegne, würde der wieder saublöd grinsen und sich überhaupt nicht mehr einkriegen.

„Frau Blumeier, das ist der blanke Neid“, sage ich.

„Wollt ick grade sagen“, sagt Frau Blumeier.

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72 Kommentare

  1.   jacobihc

    Mehr davon, Frau Oskamp, bitte mehr davon!

  2.   Simpson17

    Ich liebe diese Artikel. Herrlich humorvoll und authentisch! Ich freue mich schon auf den nächsten…

  3.   Till

    Toller Text. Ich musste bei Lesen mehrfach grinsen und habe jetzt hinterher bessere Laune als vorher.
    Was will man mehr?
    Vielen Dank dafür!

  4.   horstimann

    brilliant oder ?, „wollt ick grade sagen“

  5.   jajcuifqll

    wirklich schöner Artikel

  6.   Runkelstoss

    Sehr schoen, wie waere es mit einem Band Kurzgeschichten, ‚Marzahn, Mon Amour‘.

  7.   Tico77

    Urst dufte, der Text.

  8.   iksdeh

    Sehr unterhaltsamer Artikel, danke!

  9.   ReinerWeint

    Köstlicher Text, ich habe Tränen gelacht. Bitte mehr davon.

  10.   hafensonne

    Wollt ick grade sagen ist eine stehende Berliner Redewendung. Schön, dass es noch solche Geschichten gibt aus Berlin.

 

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